Zehn Jahre nach Kyrill

Rüthen hat Lehren aus dem Jahrhundersturm gezogen

10 Jahre nach Kyrill: Andreas Goebel, Leiter des Rüthener Forstbetriebes, an „Hasenkirchhof“.Statt 120-jähriger Fichten stehen hier junge Buchen.

10 Jahre nach Kyrill: Andreas Goebel, Leiter des Rüthener Forstbetriebes, an „Hasenkirchhof“.Statt 120-jähriger Fichten stehen hier junge Buchen.

Foto: Armin Obalski

Rüthen.   Verheerende Schäden verursachte Orkan Kyrill vor zehn Jahren im Rüthener Stadtwald. Doch der Jahrhundersturm hatte auch sein Gutes.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Strahlend blauer Himmel, zwanzig Zentimeter Schnee und ausgezeichnete Sicht über viele Bäume hinweg: Das Wetter bei der Exkursion mit Andreas Goebel, Leiter des städtischen Forstbetriebes, könnte besser kaum sein. Wie anders war es vor zehn Jahren: Grau in Grau, schon den ganzen Tag über stürmisch, der Boden aufgeweicht von wochenlangem Regen. Der Orkan Kyrill, das Schlimmste, was Menschen und Wälder hierzulande bis dahin an Naturgewalten erlebt hatten, hatte leichtes Spiel.

Neunfacher Jahreseinschlag liegt am Boden

Gemischt nennt Andreas Goebel die Gefühle, die heute bei ihm aufkommen. Da ist zum einen die „Erinnerung an diesen schrecklichen Tag“, als der Orkan binnen weniger Stunden 180 000 Festmeter im Rüthener Stadtwald umfegte. Inklusive der Folgeschäden durch weitere umstürzende Bäume und Windwürfe waren es 270 000 Festmeter. „Das ist unser neunfacher Jahreseinschlag“, führt er die Dimensionen vor Augen. Doch da ist aus heutiger Sicht auch Freude: „Es ist erfreulich, wie gut sich der Wald regeneriert hat“, berichtet der Leiter des Forstbetriebes.

Dazu beigetragen hat die Naturverjüngung, die schon lange vorher Thema war, nach Kyrill aber auf den großen Freiflächen fast explosionsartig erfolgte durch neue kleine Bäume, die sich selbst ausgesät hatten. Im Idealfall bilden stehen gebliebene Bäume den Schutzschirm, unter dem der Nachwuchs heranwachsen kann. Noch besser ist es, wenn auf diese Weise ein Mischwald entsteht, etwa aus alten „Fichten mit Buche im Unterstand“, wie es in der Fachsprache heißt. „So ist für die nächste Waldgeneration gesorgt, falls es wieder einen solches Ereignis gibt“, erläutert der Fachmann. Insgesamt sind die Bestände jünger geworden.

Außerdem half der Mensch der Natur auf die Sprünge: „In den Jahren 2008 bis 2010 haben wir auf 200 Hektar weit über eine Million Pflanzen gesetzt“, berichtet Andreas Goebel. In der Bilanz haben Kyrill und die Folgen dafür gesorgt, dass aus dem 60-prozentigen Nadelholzanteil im insgesamt über 3800 Hektar großen Stadtwald ein ausgeglichenes Verhältnis wurde.

Bis hinauf zu den Glenneköpfen gekrabbelt

Zumindest ein Stück weit geht es ins Revier trotz des Schnees mit dem Geländewagen. Ganz anders vor zehn Jahren: „Da ging gar nichts mehr“, so Andreas Goebel. Am Tag danach sei er vom Bibertal aus bis auf die Höhe der Glenneköpfe durch umgestürzte Bäume gekrabbelt. „Von den 100-jährigen Fichten bis hin zum Eulenspiegel war nichts mehr da“, erinnert er sich. „Das war ein erschreckender Anblick.“ Einen genaueren Überblick über die Schäden lieferte in der Folgewoche das Überfliegen per Hubschrauber. Das Ergebnis war verheerend. „Es gab keinen Bestand, in den wir nicht hinein mussten.“ Besonders stark waren die Reviere Rüthen und Meiste/Kneblinghausen betroffen, Kallenhardt mit seinem schon zuvor höheren Laubholzanteil weniger.

Schaden ist nie durchgerechnet worden

Mitte 2009 wurde das letzte Folienlager aufgelöst und das letzte Sturmholz verkauft. 40 000 Festmeter waren auf diese Weise eingelagert worden, weitere 6000 in einem Nasslager des Sägewerkes Fisch bei Wennemen. Der Schaden, der der Stadt durch Kyrill entstanden ist, sei nie durchgerechnet worden. Zu viele Faktoren, beispielsweise die Herrichtung der Forstwege, hätten laut Goebel hineingespielt. Zwei Zahlen aber machen deutlich, dass der Verlust erheblich war: Zuvor war der Wald mit 37 Millionen Euro bewertet worden. Nach Kyrill war über ein Viertel des gesamten Holzvorrates und damit dieser Summe weg. Und auch die Holzpreise gingen wegen des Überangebotes in den Keller: Vor dem Sturm wurden 100 Euro für den Festmeter Fichte gezahlt, danach nur noch 60.

Bestand immun bis Windgeschwindigkeit 100

Der Forstbetrieb hat seine Lehren gezogen: Fichten, weiterhin Hauptbaumart, werden geerntet, wenn sie maximal 100 Jahre und 35 Meter hoch sind. In Fichtenbeständen dienen Laubholzstreifen als Windbrecher. „Bis Windgeschwindigkeit 100 sehen wir Stürmen gelassen entgegen“, betont Andreas Goebel. Bei Kyrill lag sie bis zu 200 Stundenkilometern.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben