Kultur

Stiftsruine in Lippstadt für Westfalen von größter Bedeutung

An der Ruine der Stiftskirche: Dr. Roland Pieper, Dr. Lisa Schäper, Dr. Petra Koch-Lütke Westhues, Dr. Christiane Ruhmann und Restaurator Matthias Rüenauver (von links) mit einem Exponat für die Ausstellung im Paderborner Diözesanmuseum.

An der Ruine der Stiftskirche: Dr. Roland Pieper, Dr. Lisa Schäper, Dr. Petra Koch-Lütke Westhues, Dr. Christiane Ruhmann und Restaurator Matthias Rüenauver (von links) mit einem Exponat für die Ausstellung im Paderborner Diözesanmuseum.

Foto: Armin Obalski

Lippstadt.   Bei einer Ausstellung im Diözesanmueum in Paderborn spielt die Lippstädter Stiftskirche ein bedeutende Rolle.

Die Stiftskirche in Lippstadt, auch kleine Marienkirche genannt, ist schon seit dem 19. Jahrhundert eine Ruine. Und sie ist ein Baudenkmal von europäischem Rang. Beides prädestiniert sie dafür, eine bedeutende Rolle in einer Sonderausstellung im Diözesanmuseum in Paderborn einzunehmen. Dabei geht es um „Gotik – Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“. Beides ist durch die Stiftskirche maßgeblich beeinflusst worden.

Kirche als Ruine ein Glücksfall für Ausstellungsteam

Dass ein Historiker von einem Glückfall spricht, wenn er vor einer Ruine steht, ist nicht selbstverständlich. Doch genau einen solchen Glücksfall stellt die Stiftskirche für Dr. Petra Koch-Lütke Westhues dar. Sie gehört zum Paderborner Ausstellungsteam. Das Glück besteht für sie darin, dass nach dem Teileinsturz der Gewölbe der Stiftskirche und deren anschließender kompletter Abtragung im 19. Jahrhundert wertvolle Bauteile geborgen und gesichert wurden. So lässt sich Baugeschichte am Übergang von der Spätromanik zur frühen Gotik in Details zeigen, die bei bestehenden Bauwerken unsichtbar sind oder hoch über den Köpfen der Menschen schweben.

Die Schlusssteine der Gewölbe der ab 1190 errichteten als Teil eines Augustinerinnenklosters erbauten Stiftskirche sind solche Schätze. Stünde die Kirche noch, wären sie in 30, 40 Metern Höhe eingebaut, jetzt kann das Ausstellungsteam sie bei einem Besuch auf dem Stiftsgelände sie direkt in Augenschein nehmen. Liegen sie hier auf dem Boden, werden sie in der Ausstellung in ihren ursprünglichen Kontext gebracht, sprich die Besucher sehen sie von unten. Dies ist der Fall zumindest beim für die Ausstellung ausgewählten Schlussstein, der die Lippische Rose zeigt. Sie ist das Wappen der Edelherren zur Lippe.

Die Familie des Stadtgründer Lippstadts stellte auch drei Paderborner Bischöfe in deren Amtszeit der spätromanisch-gotische Domneubau erfolgte. Dieser bis heute bestehende Dom ist der Nachfolger des nach seinem Erbauer so genannten Imad-Domes, dessen Weihe vor 950 Jahren den Anlass zur Ausstellung gibt.

Neue Baustile und Bautechniken angewendet

Aus Lippstadt kam die Gotik nach Paderborn, breitete sich von der Stiftskirche, an der neue Bauformen und Bautechniken Anwendung fanden, in Westfalen und in den europäischen Raum bis nach Utrecht und Riga aus. „Jeder Kunsthistoriker in Europa kennt den Namen Lippstadt, auch wenn er gar nicht weiß, wo die Stadt liegt“, berichtet Dr. Roland Pieper aus Münster. Das hat seinen guten Grund: Die Stiftskirche, die als älteste frühgotische Kirche Westfalens gilt. Pieper selbst ist Kunsthistoriker, Fachmann für westfälische Gotik und gebürtiger Lippstädter.

Bei den Stücken, die das Ausstellungsteam aus dem Besitz des Damenstiftes Lippstadt auswählte, gehören neben dem Schlussstein auch weitere Steinmetzarbeiten, die zeigen, welchen Fortschritt die Bautechnik damals ausgehend von Lippstadt nahm und die nur solchen Fragmenten sichtbar sind: Wolfslöcher etwa, in die dem Dübel-Prinzip ähnlich Zangen griffen, um die schweren Steine leichter transportieren zu können. Im bestehenden Bauwerk verschwinden sie unsichtbar in der Wand. Oder Versetzzeichen. Sie sind Beleg für eine frühe Art der seriellen Produktion. Das Versetzzeichen (in Lippstadt hat es die Form eines Kreuzes) zeigt den Bauleuten, an welche Stelle das vorgefertigte Werkstück gehört. „Solche Neuerungen wurden in Frankreich entwickelt, so dass es möglich war, in nur 30, 40 Jahren die gewaltigen Kathedralen zu errichten“, berichtet Dr. Christiane Ruhmann.

Dass solche Techniken ausgehend von Lippstadt auch in Paderborn angewandt wurden, zeigt für Projektleiterin Petra Koch-Lütke Westhues: „Das ist hier nicht tiefste Provinz.“

Kühne Bauweise mit großen Maßwerkfenstern

Einen Eindruck von der kühnen Bauweise der Gotik, die die Wandfläche immer weiter aufbrach, bieten die großen Maßwerkfenster der Stiftsruine, die sich in denen des Paderborner Domes widerspiegeln. Doch die kleine Marienkirche zeigt auch, wie zunächst versucht wurde, solche Fenster nur zu imitieren, indem bei drei eigentlich separaten Fenstern der Eindruck erweckt wird, es handele sich um filigranes Maßwerk.

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