Talk am Turm

Sylvia Lettmann: Niederrheinerin mit dem Herz im Sauerland

Talk am Turm mit Sylvia Lettmann und Thorsten Streber

Foto: Tim Cordes

Talk am Turm mit Sylvia Lettmann und Thorsten Streber Foto: Tim Cordes

Warstein.   Seit zehn Monaten leitet Sylvia Lettmann (49) das Stadtmarketing. Die meiste Überzeugungsarbeit muss sie in Warstein selbst leisten.

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Wer Sylvia Lettmann zum Lörmecketurm begleitet, spürt die Verwandlung: Längst ist aus der gebürtigen Niederrheinerin eine überzeugte Sauerländerin und aus der Weltreisenden eine Heimatfreundin geworden. Schließlich hat die 49-Jährige in ihrem Leben schon die Pyramiden Mexikos, die Skyline Hongkongs und die Regenwälder Malaysias gesehen – als Reiseverkehrskauffrau gehörte es zu ihrem Beruf, die Welt besser zu kennen als die meisten anderen.

Am innigsten verliebt hat sie sich aber ausgerechnet in die Berge, Wälder und Menschen rund um Warstein. „Ich fahre super gerne in den Urlaub“, sagt sie, als sie an diesem klirrend kalten Dezember-Vormittag auf dem Plackweg unterwegs ist, „aber ich komme eben auch wahnsinnig gerne wieder nach Hause.“

Vielleicht ist es gerade ihre Herkunft aus dem Rheinischen, die Sylvia Lettmann zu einer so überzeugten und überzeugenden Werbefigur für Warstein und seine Ortsteile macht, seitdem sie im Februar das Stadtmarketing übernommen hat.

Stärken der Stadt deutlicher hervorheben

„Ich habe eine ganz andere Sicht auf die Stadt und die Region als die Menschen, die hier geboren worden sind“, vermutet sie selbst und lobt etwa die zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Viele Warsteiner würden sich auf die Schwächen konzentrieren, statt die vielen Stärken deutlicher hervorzuheben.

Daher richtet sich das Marketing zunächst mindestens ebenso sehr nach innen wie nach außen. „Ohne die Bürger geht das alles nicht“, ist sie sich bewusst. Jeder Warsteiner müsse ein Botschafter für seine Stadt sein und anderen immer wieder die hohe Lebensqualität vermitteln.

Gemeinsam mit dem Bürgermeister will sie an der Spitze dieser Bewegung stehen und verweist auf die Brauerei, auf das Klettergebiet, die Bilsteinhöhle, die Wanderwege und die starke Industrie. „Wenn wir das mit gewissem Stolz und Selbstbewusstsein übermitteln, werden wir das Ansehen der Stadt deutlich verbessern können“, appelliert sie an die Bürger. „Im Grunde ist jeder der 26 000 Warsteiner mein Kollege.“

Überrascht über pessimistische Sichtweise

An ihrer Vision, dass Warstein einer der führenden Touristen-Orte im Sauerland werden kann, hält sie fest – wenngleich die Reaktionen auf diese Aussage von Ungläubigkeit bis hin zu Hohn reichten. „Für mich ist diese pessimistische Sichtweise total überraschend“, sagt sie. Ihre Heimatregion am Niederrhein habe es geschafft, mit einem guten Konzept viele Touristen anzulocken, obwohl es viel weniger Sehenswertes gebe, die Bedingungen somit schlechter seien.

„Natürlich kann es sein, dass wir am Ende feststellen, dass es nicht reicht – wenn wir die Hände in den Schoß legen, wird das auf jeden Fall so sein. Aber wenn wir alle ein bisschen daran mitarbeiten, kann man hier sehr viel entwickeln“, wirbt sie für Engagement.

Nach zehn Monaten in der Stadt spürt Sylvia Lettmann, dass langsam ein Stimmungswechsel einsetzt – trotz schlechter Nachrichten von der Ortsumgehung und dem Domkarree. „Wenn man das in der Summe sieht, überwiegt das Positive absolut“, zeigt sie sich überzeugt. Die Fördermittel für die Innenstadt-Sanierung, weiteres Geld aus dem Leader-Programm, das motivierte Team in der Verwaltung und die vielen engagierten Bürger in Vereinen und Initiativen lassen sie hoffen.

Mit Ausdauer zu größerem Selbstbewusstsein

„Letztlich ist es ganz normal, dass man auf so einem Weg nicht immer so schnell vorankommt, wie man sich das wünscht“, sagt sie, „aber das ändert nichts an der Zielsetzung und daran, dass es eindeutig vorwärts geht.“

Bis sich ein größeres Selbstbewusstsein in den Köpfen der Menschen festsetze, werde einige Zeit vergehen, räumt Lettmann ein, versichert aber, mit viel Ausdauer dafür werben zu wollen. „Das ist nun einmal meine Passion.“

Ausdauer beweist Sylvia Lettmann auch auf dem Weg zum Lörmecketurm. Schnellen Schrittes nähert sich die geübte Wanderin dem Aussichtspunkt. „Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich schon hier war“, sagt sie, „es waren noch keine 100 Mal, aber bestimmt mehr als zehn Mal.“ Schon bevor sie in Warstein anfing, habe sie den Turm zweimal zusammen mit ihrem Mann erklommen.

"Ich habe schon 1000 Leute kennen gelernt"

„Wenn ich kann, gehe ich wandern – und dann nun mal am liebsten im Wald“, sagt sie. „Das ist für mich die größte Entspannung.“ Dazu gehört immer auch ein kurzes Picknick. So auch dieses Mal: Am Turm packt Lettmann eine Thermoskanne aus, schenkt Tee aus und verteilt Waffeln. Für die 49-Jährige sind solche Momente ein wichtiger Ausgleich zum oft stressigen Arbeitsalltag. Die 40-Stunden-Woche? „Ein Schenkelklopfer“, lacht sie.

Nebel hängt in der Luft, lässt selbst von der obersten Plattform des Lörmecketurms keinen Blick auf Warstein zu. Auf dem Rückweg zum Parkplatz biegt Sylvia Lettmann dann rechts ab, nicht auf der gewöhnlichen Strecke soll es zurückgehen, sondern am Kapellenplatz vorbei. Neues kennen zu lernen, darin liegt eine ihrer Leidenschaften – auch wenn sie die genaue Route nicht ganz kennt. „Ich bin eben ein Entdecker-Typ.“

Nach erster Ausbildung in Traumberuf gewechselt

Diese Neugier war es auch, weshalb sie heute nicht mehr bei einem Reiseveranstalter arbeitet. „Nach der Ausbildung habe ich mich irgendwann daran erinnert, dass ich doch mal diesen Traum hatte, Journalistin zu werden“, erzählt sie. Sie nahm ein Studium auf, begann für eine Zeitung zu arbeiten – und jobbte nebenbei noch in einer Frittenbude. „Es gab Tage, an denen ich mich drei Mal umziehen musste: Erst saß ich in der Vorlesung, dann habe ich den Bürgermeister interviewt und abends noch Pommes verkauft.“ Später wechselte sie dann von der Zeitung in eine Marketing-Agentur.

In ihrer neuen Position in Warstein kommen ihr die Erfahrungen nun zugute. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich mein ganzes Leben nur auf diese Stelle vorbereitet hat“, sagt Sylvia Lettmann mit einem Schmunzeln.

Als Reiseverkehrskauffrau habe sie individuelle Reisepakete für Kunden zusammengestellt. „Ich weiß also, wie Menschen ihren Urlaub verbringen möchten – und solche Pakete und Kombinationen kann ich mir auch für Warstein vorstellen.“ Als Journalistin kennt sie die Anforderungen an die Pressearbeit. Und in der Agentur habe sie Marketing gelernt und mit vielen mittelständischen Unternehmen zusammengearbeitet.

Wirtschaft muss in Dialog mit Bürgern treten

Darauf kommt es jetzt wieder an, denn die heimische Wirtschaft soll das Stadtmarketing dauerhaft auf finanziell solide Beine stellen. Vielen Unternehmen sei allerdings noch gar nicht bewusst, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit in der Region ist, hat sie bei ihrer Arbeit in der Agentur gelernt. „Sie sollten in den Dialog treten mit den Menschen vor Ort“, appelliert Sylvia Lettmann, „weil die als Multiplikatoren arbeiten.“ Wenn die Warsteiner für ihre Stadt werben, könne das helfen, Facharbeiter zu gewinnen und zu halten.

Dennoch hat die Stadt davon abgesehen, gleich zu Beginn von Lettmanns Arbeit in der Wirtschaft um Geld für das Marketing zu werben. „Es sieht immer komisch aus, wenn man schon am Anfang mit dem Klingelbeutel herumgeht“, sagt sie, „wir wollten erst einmal zeigen, dass wir auch wirklich was auf die Beine stellen.“

Daher wurden die Maßnahmen in diesem Jahr vom Touristikverein finanziert, deren Geschäftsführerin Lettmann ist. Beim Neujahrsempfang treten erstmals Unternehmen als Sponsoren auf. „Da bekommen wir auch schon sehr große Unterstützung“, freut sie sich.

Sauerländisches Flair in Gaststätten erhalten

Doch nicht nur auf die Industrie ist Sylvia Lettmann angewiesen, um mehr Touristen nach Warstein zu locken. „Auch Einzelhandel und Gastronomie müssen mitgenommen werden“, weiß sie. Die 49-Jährige, die in Ense wohnt, wünscht sich, dass beide Branchen die Urlauber als Zielgruppe ins Auge fassen. „Wichtig ist, dass die Geschäftsleute und Gastronomen erkennen, dass sie davon selbst profitieren können.“

Oft seien dafür nur kleine Anpassungen notwendig. „In den Gaststätten sollte zum Beispiel das sauerländisch-gemütliche Flair unbedingt erhalten bleiben“, sagt Lettmann. „Wir wollen ja nicht irgendeine Stadt sein, sondern Warstein.“

Was ihr Hoffnung macht, sind die vielen engagierten Bürger. „Ich habe das Gefühl, dass ich schon 1000 Leute kennengelernt habe“, erzählt sie. „Damit hätte ich vorher nicht gerechnet.“ Sie alle will Sylvia Lettmann in den kommenden Jahren zu überzeugten Werbeträgern für Warstein und seine Ortsteile machen – ihr Optimismus, ihre Ausdauer und nicht zuletzt ihre guten Argumente werden ihr dabei helfen.

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