Mordprozess

Tochter aus Suttrop verfolgt Prozess um Prostituierten-Mord

Angelika Friedl aus Suttrop zeigt ein Bild ihrer Mutter (Mitte), die als Prostituierte arbeitete und 1993 in Augsburg ermordet wurde. Nun - 25 Jahre später - hat der Prozess gegen einen Verdächtigen begonnen.

Angelika Friedl aus Suttrop zeigt ein Bild ihrer Mutter (Mitte), die als Prostituierte arbeitete und 1993 in Augsburg ermordet wurde. Nun - 25 Jahre später - hat der Prozess gegen einen Verdächtigen begonnen.

Foto: Thorsten Streber

Suttrop/Augsburg.   Angelika Friedls Mutter war Prostituierte. 25 Jahre nach deren Mord wird ein Verdächtiger angeklagt. Die Tochter aus Suttrop hofft auf Antworten.

Am Sonntag setzt sich Angelika Friedl wieder in den Zug. Fährt 540 Kilometer. Nach Augsburg, der Stadt ihrer Kindheit und Jugend. Denn am Montag sitzt sie dort schon in aller Früh wieder im Landgericht. In der ersten Zuschauerreihe. Neben ihrem Verlobten, der ihre Hand halten wird. Sie wollen einen Prozess verfolgen über einen Mord an einer ihnen völlig Unbekannten. Den Mord an Angelikas Mutter.

1993 war Angelika Baron, die den gleichen Vornamen trägt wie ihre Tochter, getötet worden. Die Augsburger Zeitungen berichteten, aber überregional blieb der Fall ohne Beachtung. Angelika Baron war Prostituierte. Ein Verbrechen im Rotlicht-Milieu – wie so viele. Sie war vergewaltigt, geschlagen und erwürgt worden. Ein 16-Jähriger fand die Leiche. Der Täter hatte die 36-Jährige in einem Gebüsch abgelegt.

Kindheit und Jugend bei Adoptiveltern und im Heim

Damals ist Angelika Friedl, die heute in Suttrop lebt, 14 Jahre alt und weiß noch gar nicht, wer ihre leibliche Mutter ist. Nach ihrer Geburt lebt sie zwei Jahre bei ihrem Vater – einem in Deutschland stationierten US-Soldaten. Als der nach Amerika zurückkehrt, kommt sie gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Natascha zu Pflegeeltern, von denen die jungen Mädchen ein Jahr später adoptiert werden.

Angelika und ihre Schwester sind sieben Jahre alt, als sie erfahren, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. „Natürlich wollten wir dann unsere Familie finden“, erzählt Angelika Friedl heute. „Aber was willst du da als Siebenjährige schon machen?“ Sie streitet sich mit ihren Adoptiveltern, wird zum schwarzen Schaf der Familie, bis sie mit 14 in ein Heim geschickt wird.

Scheidungsurkunde der leiblichen Eltern entdeckt

Bis zur Volljährigkeit müssen die Schwestern warten, um Ende der 1990er Jahre endlich Akteneinsicht zu erhalten und damit die Namen ihrer leiblichen Eltern zu erfahren. Sie entdecken eine Scheidungsurkunde.

Seit 1976 waren die Deutsche und der Amerikaner verheiratet, hatten sich kurz nach der Geburt der Zwillinge getrennt und Anfang der 1980er Jahre offiziell scheiden lassen. „Sie sind nicht im Guten auseinander gegangen“, hat Angelika Friedl seitdem erfahren. „Aber sie müssen einige Jahre lang trotzdem eine schöne Zeit zusammen gehabt haben.“

Mit den beiden Namen machen sich die Schwestern auf die Suche, finden ihren Vater 2004 in den USA. „Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn dann am 1. Januar 2005 um 6 Uhr morgens, als ich ihn in Stuttgart am Flughafen in Empfang genommen habe.“ Seitdem halten sie Kontakt.

Spur zu Mutter führt auf Friedhof in Ulm

Eine Spur zur Mutter haben Angelika und Natascha schon früher. Sie erfahren, dass Angelika Baron tot ist, entdecken das Grab in Ulm. „Wir haben sie dort dann oft besucht und Blumen niedergelegt.“ Wie ihre Mutter zu Tode kam, wissen sie zu dem Zeitpunkt nicht. „Wir haben natürlich versucht, ihre Familie zu finden, aber das war nicht möglich.“

Immer wieder erhalten die beiden in den folgenden Jahren Informationen über ihre Mutter, sehen sich aber auch mit unterschiedlichen Gerüchten konfrontiert. „Meine Schwester hat das alles sehr mitgenommen“, erzählt Angelika Friedl.

Beim Familiengericht in Augsburg werden sie 2015 schließlich fündig. Natascha ist inzwischen zu ihrem Vater in den US-Bundesstaat Kansas gezogen, also kümmert sich Angelika um die Beschaffung der Akten.

Kriminalpolizei ermittelt nach Tod der Mutter

Sie findet heraus, dass ihre Mutter keines natürlichen Todes gestorben und die Kriminalpolizei involviert war. „Und dann sagte mir der Mitarbeiter des Gerichts: ,Sie wissen schon, dass Ihre Mutter eine Prostituierte war?‘“, erinnert sich die Suttroperin. „Das hat er mir so ganz unverblümt am Telefon gesagt.“

Schockiert ist Angelika Friedl nicht. Von ihrem Vater weiß sie, dass ihre Mutter Schwierigkeiten hatte, ihr Leben „auf die Reihe zu bekommen“.

Wenig später erhält sie bei Facebook eine Nachricht einer Frau aus Ulm – ihrer Cousine, wie sich später herausstellt. Die kennt die ganze Geschichte von Angelika Baron, hat Zeitungsartikel über den Mordfall aufbewahrt.

Ermittler versprechen, Fall nicht zu den Akten zu legen

Angelika Friedl fährt ein erstes Mal zurück nach Augsburg. Zur Polizei. Sie spricht mit einem Mordermittler, der ihre Mutter kannte. Von Kontrollen am Straßenstrich, aber auch von der einen oder anderen Verhaftung. „Ich habe ihn gebeten, den Fall nicht ad acta zu legen“, erzählt sie. „Er hat es mir versprochen.“

Der Fall Angelika Baron aber blieb unaufgeklärt. Ein Verdächtiger war kurz nach der Tat festgenommen worden, musste wegen eines Alibis aber wieder laufen gelassen werden. Bis zu einem Freitagnachmittag im November 2017.

Erleichterung nach Festnahme eines Verdächtigen

Im Internet entdeckt Friedls Verlobter eine Meldung: „Augsburger Prostituiertenmord nach 25 Jahren kurz vor der Aufklärung“, lautet die Schlagzeile. „Wie lang ist das mit deiner Mutter her?“, fragt er. „Ungefähr 25 Jahre“, antwortet sie. Doch bei den Behörden erreicht sie niemanden mehr, muss das Wochenende abwarten. Montags erhält sie die Bestätigung.

Ein Mann wurde festgenommen. Er soll Angelika Baron ermordet haben.

„Wir waren so erleichtert“, erzählt Angelika Friedl. Doch die Erleichterung hält nicht lange an. Sie erfährt, dass der Angeklagte die Tat leugnet, dass es einen quälend langen Indizienprozess geben wird. Die Anklage stützt sich auf DNA-Spuren des heute 50-Jährigen. 31 Prozesstage setzen die Richter an, 130 Zeugen sind geladen, acht potenzielle Zeugen schon gestorben.

Tochter weiter auf der Suche nach Antworten

Angelika Friedl will so oft wie möglich dabei sein, dem möglichen Mörder ihrer Mutter in die Augen schauen – und vor allem Antworten erhalten. Antworten auf Fragen, die sie schon so viele Jahre beschäftigen: Was war ihre Mutter für eine Frau? Wie ist sie in die Prostitution geraten? Und warum wurde ihr das Recht genommen, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen?

Sie will hören, was Verwandte und Polizisten im Zeugenstand über ihre Mutter berichten. Auch „frühere Arbeitskolleginnen“, wie die Tochter das ausdrückt, sind geladen.

Dafür nimmt Angelika Friedl Fahrt- und Hotelkosten auf sich. Einen Zuschuss erhält sie nicht, weil sie und das Mordopfer durch die Adoption rechtlich nichts mehr miteinander zu tun haben. Aber sie nimmt noch mehr auf sich: „Ich habe schon Angst, Sachen zu erfahren, die ich eigentlich nicht wissen möchte.“

Verwandte sehen Ähnlichkeit von Mutter und Tochter

Sie will glauben, dass ihre Mutter ein guter Mensch war, der es bloß schwer hatte im Leben. Sie will sich eine Mutter vorstellen, die mit ihr Kaffee trinken, sie in den Arm nehmen, ihr auch mal einen hinter die Löffel geben würde.

Von Verwandten hat sie immer wieder gehört, wie ähnlich sie ihrer Mutter sein soll – vom Aussehen, aber auch von der Art. „Das kann ich mir nur ganz schwer vorstellen“, sagt sie. Vielleicht, so hofft die 39-Jährige, gelingt es ihr durch den Prozess, ein klareres Bild von der Persönlichkeit ihrer Mutter zu zeichnen.

Zwillinge wollen mit Vergangenheit abschließen

Anfang 2014 war Angelika Friedl für ihren Verlobten von Augsburg nach Suttrop gezogen, hatte keine Lust mehr auf eine anstrengende Fernbeziehung. Jetzt ist da wieder diese Distanz: 540 Kilometer liegen zwischen ihr und dem Schicksal ihrer Mutter, die sie nicht mehr gesehen hat, seitdem sie zwei ist. An die sie keine Erinnerung hat.

„Aber das gehört doch zu unserer Vergangenheit“, sagt sie. „Der Prozess hilft meiner Schwester und mir damit abzuschließen.“ Sie hofft darauf, die Wahrheit zu erfahren.

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