Jüdische Geschichte

Warum sich Warsteins Lehrer über jüdisches Leben informieren

Auf dem jüdischen Friedhof berichten Jürgen Kösters (links) und Dietmar Lange (zweiter von links) den Lehrern vom jüdischen Leben in Warstein.

Auf dem jüdischen Friedhof berichten Jürgen Kösters (links) und Dietmar Lange (zweiter von links) den Lehrern vom jüdischen Leben in Warstein.

Foto: Lisa Klaus

Warstein.   Lehrer von vier Schulen informieren sich über jüdisches Leben in Warstein. So soll Schülern ein greifbarer Zugang ermöglicht werden.

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In Zeiten, in denen Berichte über antisemitische Attacken wieder Teil der Nachrichten sind, ist das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus unerlässlich. Im November dieses Jahres jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Doch je mehr Zeit verstreicht, desto mehr rücken auch die schrecklichsten Ereignisse in den Hintergrund und drohen irgendwann in Vergessenheit zu geraten.

Um Schülern einen greifbaren Zugang zu der Thematik zu ermöglichen, haben Ortsvorsteher Dietmar Lange und Jürgen Kösters erstmalig eine Lehrerfortbildung organisiert, bei der den teilnehmenden Lehrern die Geschichte der Juden in Warstein und Umgebung nähergebracht werden sollte.

Im Unterricht und in Projekten soll dieses Wissen dann an die Schüler weitergegeben werden. Denn der Holocaust fand nicht nur in Berlin und weit entfernten Konzentrationslagern statt - auch in der eigenen Heimatstadt wurden Juden unterdrückt und vertrieben.

So zum Beispiel Bertha Kaufmann, die 1880 in Warstein geboren wurde und an der Hauptstraße 94 lebte. Sie wurde im Jahr 1939 nach Aschaffenburg abgemeldet und am 11. September 1942 von Nürnberg nach Theresienstadt ins dortige Konzentrationslager gebracht. Dort verblieb sie für zwei Jahre, bevor sie nach Auschwitz kam, wo sie ermordet wurde.

Lehrer nahmen Angebot dankend an

Schicksale wie dieses und andere waren es, von denen die Lehrer auf der Fortbildung erfuhren. So berichtete Dietmar Lange vom Nationalsozialismus und der jüdischen Geschichte, Jürgen Kösters gab einen Einblick in die Geschichte jüdischer Familien Warsteins und Willi Hecker unterrichtete die Lehrer über die jüdischen Spuren in Belecke und

im Möhnetal.

„Ich habe die vier weiterführenden Schulen angeschrieben und die Lehrer eingeladen, sich über die jüdische Geschichte Warsteins zu informieren“, sagte Dietmar Lange am Rande der Veranstaltung. Die Lehrer nahmen das Angebot dankend an, da ihnen und damit auch ihren Schülern auf diese Weise noch einmal ein ganz anderer Zugang zu der Thematik ermöglicht werde, der den Geschichten aus den Schulbüchern Gesichter und Regionalität verleiht.

Bereits angedacht wurden von allen Beteiligten gemeinsame Aktivitäten anlässlich des diesjährigen Gedenktages. „Das wäre schön, wenn man zusammen etwas auf die Beine stellen könnte. Da gibt es ja viele Möglichkeiten“, sagte Lange.

Spuren jüdischer Bewohner

An einigen Stellen in der Stadt finden sich noch Spuren jüdischer Bewohner Warsteins. So erinnern Stolpersteine vor dem Haus an der Hauptstraße 94 an die Familie Kaufmann. Hier machten die Lehrer auf ihrem Rundgang zuerst halt, bevor sie von Jürgen Kösters zu dem Ort gebracht wurden, an dem einst die Synagoge stand.

„Zur Zeit des Baus der Synagoge war das Judentum keine anerkannte Religionsgemeinschaft in Warstein. Deshalb musste sie in einem privaten Bereich errichtet werden und stand nicht gut ersichtlich an einem Marktplatz oder einer Hauptstraße“, berichtete Kösters, der den Lehrern die Plakette zeigte, die heute an die Synagoge erinnert. In den Jahren 1803 und 1804 wurde sie errichtet und wie viele andere fiel auch sie der Reichspogromnacht im November 1938 zum Opfer.

Um 2 Uhr in der Nacht erging am 10. November der Befehl der SS-Standarte in Lippstadt an den SS-Sturm in Warstein, jüdische Geschäfte, auch das der Familie Kaufmann, zu zerstören. Auch die Synagoge geriet dabei ins Fadenkreuz der SS-Leute, die die Türen aufbrachen, Fensterscheiben einschlugen und im Inneren randalierten.

Um die umliegenden Häuser zu schützen, untersagte der SS-Führer die Brandstiftung in der Synagoge. Es habe auch die Absicht bestanden, die Synagoge zu sprengen, was den SS-Leuten jedoch verboten wurde. Später am Tage wurde die Einrichtung weiter verwüstet. Im Jahr 1939 wurde das Gebäude verkauft und 1971 schließlich abgerissen.

Den Schlusspunkt des Rundganges bildete ein Besuch des jüdischen Friedhofs. „Ich erinnere mich noch genau, wie einmal jemand sagte ‘Sag niemals Judenfriedhof’“, erzählte Lange den Lehrern. Man spreche ja auch nicht von der „Christenkirche“.

Durch die Bezeichnung „Judenfriedhof“ würde nur die Andersartigkeit betont. Angemessen sei „jüdischer Friedhof“. Die Grabsteine sind, wie viele andere jüdische auch, nach Osten, also nach Jerusalem, ausgerichtet und sind, so erzählt es Kösters, neuzeitlicher, was man an der lateinischen Schrift erkennt. „Auf älteren Grabsteinenen gibt es nur hebräische Inschriften“, sagt er.

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