Reichspogromnacht

Was 1938 mit den Sichtigvorer Juden geschah

Martin Ostwald vor dem Sichtigvorer Judenhaus, ca. 1932. Man beachte die typischen Bänke vor dem Eingang, wie man sie in den 1930iger Jahren noch vor vielen Häusern sehen konnte.

Martin Ostwald vor dem Sichtigvorer Judenhaus, ca. 1932. Man beachte die typischen Bänke vor dem Eingang, wie man sie in den 1930iger Jahren noch vor vielen Häusern sehen konnte.

Foto: Albert-Friedrich Grüne

Sichtigvor.   Familie Ostwald aus Sichtigvor verfolgt und in Konzentrationslager deportiert. Was die Familie unter dem Nazi-Regime erleiden musste.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Am 9. November 1938 verstirbt in Paris der deutsche Diplomat Ernst Eduard vom Rath, zwei Tage zuvor angeschossen vom polnischen Juden Herschel Grynszpan – der Anlass, auf den die Nazis warteten, um mit den Pogromen gegen die deutschen Juden zu beginnen. Bis ins kleine Örtchen Sichtigvor reichten die Arme der NSDAP, wie die Heimathistoriker Willi Hecker und Albert-Friedrich Grüne berichten.

„Der kleine Ort Sichtigvor ist ein Beispiel dafür, welchen Organisationsgrad die Nazis mittlerweile in Deutschland erreicht hatten – ihr Arm reichte 1938 bis in die kleinsten Winkel der sauerländischen Provinz. Die Goebbels-Tagebücher sind eine gute Quelle für die minutiöse Vorbereitung der Verbrechen des 9. November 1938. Es war genau geplant worden, wann und wie zugeschlagen werden sollte.

Die Sichtigvorer Nazis waren entsprechend informiert worden“, erklärt Grüne. „Der von der obersten Naziführung noch in der Nacht ausgehende Befehl an die SA, in allen Orten mit Aktionen gegen die Juden vorzugehen, erreichte über den Warsteiner SA-Sturm auch die Sichtigvorer SA-Schar. Sie erhielt die eindeutige Aufforderung, gegen das Sichtigvorer ‘Judenhaus’ mit einer Vergeltungsaktion tätig zu werden“, schreibt Hecker dazu.

„Vollzug“ in Sichtigvor gemeldet

Doch die Sichtigvorer Nazis hatten ein Problem: Es gab keine Juden mehr, die permanent im Ort lebten – die Familie des aus Sichtigvor stammenden, jüdischen Rechtsanwalts Max Ostwald lebte mittlerweile überwiegend in Dortmund, besaß aber noch eine Wohnung in Sichtigvor. „Also hatte man sich kurzerhand entschlossen, einen alten Schuppen, der zum Ostwaldschen Anwesen gehörte, zum Einsturz zu bringen, damit man ‘Vollzug’ melden konnte“, berichtet Grüne von den Ereignissen.

Obwohl nicht anwesend in Sichtigvor, ereilte die Ostwalds dennoch dasselbe Schicksal der meisten in Deutschland lebenden Juden: „In Dortmund erlebten sie den Schrecken und die Gewalt einer entfesselten SS-Meute, die die Haustür eintrat und in die Wohnräume einbrach“, schreibt Hecker und fügt hinzu: „Die Eltern Max und Hedwig Ostwald und die beiden Söhne Martin (16) und Ernst (15) waren in das hintere Schlafzimmer geflüchtet, als eine Axt die Tür zertrümmerte. Als die Eindringlinge die schwer beschädigte Wohnung schließlich verlassen hatten – und die Polizei jede Hilfe verweigerte – waren die Schrecken längst noch nicht ausgestanden.“

Sowohl der Rechtsanwalt Dr. Max Ostwald als auch seine Söhne wurden verhaftet und am darauffolgenden Morgen in das Konzentrationslager Sachsenhausen transportiert. Wie es ihm in dem KZ erging, schrieb Martin Ostwald laut Willi Hecker später in einem Brief an eine Sichtigvorerin: „Ich kann Dir nur versichern, dass alles, was Du darüber gehört haben kannst, keine Gräuelmärchen sind, und dass, ohne es erlebt zu haben, kein Mensch glauben kann, was für entmenschte Raubtiere die Nazis waren.“

Eltern überleben Holocaust nicht

Die beiden Jungen blieben drei Wochen in Sachsenhausen, denn deren Mutter Hedwig konnte der SS versichern, dass sie Deutschland unmittelbar mit einem Kindertransport verlassen würden. „Die beiden Ostwalds gehörten damit zu dem großen jüdischen Auszug aus Deutschland“, schreibt Hecker.

Auch Max Ostwald kam zunächst frei. Für die Provinz Westfalen sollte er die Leitung der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ übernehmen. Doch das Elternhaus in Sichtigvor durfte er nicht behalten, wie Willi Hecker beschreibt: „Das elterliche Haus in Sichtigvor musste – auch als Folge des Reichspogroms – Max Ostwald an die Gemeinde Sichtigvor abtreten. Die installierte darin, neben zwei Mietwohnungen, die Feuerwehr und einen Kindergarten.“

Für 9000 Reichsmark verkaufte Ostwald das Anwesen an die Gemeinde, weiß Grüne: „Gemäß den Judengesetzen, wie es hieß. Der Betrag ging vermutlich auf ein Sonderkonto, über das Dr. Max Ostwald nicht verfügen konnte.“ Ein Schlag für den Rechtsanwalt, wie Willi Hecker im zu dem Thema erschienenen Kirchspiel Nr. 117 schreibt: „Für Max Ostwald war Sichtigvor, von wo er auch noch heimische Klienten monatlich betreute, immer Heimat geblieben.“

Als vermeintlicher Spion verhaftet

Den Holocaust überlebten die Eltern Max und Hedwig Ostwald nicht, sie wurden später ins KZ Theresienstadt deportiert, wie Grüne berichtet. Währendessen „konnte Martin Ostwald mit seinem Bruder über die Niederlande nach England fliehen.

Kaum dort angekommen, wurde er als vermeintlicher deutscher Spion verhaftet und in ein Internierungslager nach Kanada gebracht“, schreibt Grüne und fährt fort: „Unter schwierigen Umständen begann er nach seiner Entlassung ein Studium der klassischen Altertumswissenschaften an der University of Toronto und promovierte später an der Columbia University in New York.“

Folgen Sie der Westfalenpost Warstein auch auf Facebook.

Hier finden Sie weitere Nachrichten, Fotos und Videos aus Warstein und dem Umland.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben