Reportage aus dem OP

Was im Operationssaal wirklich passiert

Etwa eineinhalb Stunden dauert die Operation, in der dem Patienten das künstliche Knie eingesetzt wird.

Foto: Lisa Klaus

Etwa eineinhalb Stunden dauert die Operation, in der dem Patienten das künstliche Knie eingesetzt wird. Foto: Lisa Klaus

Warstein.   Harvard-Chirurg Prof. Wolfgang Fitz aus Boston operiert Knie im Warsteiner Maria-Hilf-Krankenhaus. Was die Knie-Prothese so besonders macht.

Der Blick geht zur Wanduhr, das Skalpell hat Dr. Ulf Heydenreich schon in der Hand. „Es ist jetzt 11.20 Uhr, wir beginnen mit der OP. Ich setze jetzt den ersten Schnitt.“ Unter seinen Händen ruht das angewinkelte Knie eines Patienten. Der Chefarzt der orthopädischen Chirurgie setzt das Skalpell auf und beginnt. Dem Patienten soll heute eine besondere Knie-Endoprothese eingesetzt werden.

Zu diesem Zweck ist auch ein illustrer Gast aus den USA angereist. Prof.

Wolfgang Fitz von der Boston Harvard Medical School stand vor etwa 15 Jahren dem Start-Up-Unternehmen Conformis als Chirurg bei der Entwicklung des patientenindividuellen Kniesystems beratend zur Seite.

„Die konventionellen Knieprothesen gibt es in etwa acht bis zehn Standard-Größen. Während der OP entscheidet dann der Arzt, welche Größe er einsetzt“, erklärt der deutschstämmige Chirurg. Die individuelle Endoprothese hingegen wird auf Basis einer CT-Aufnahme speziell angefertigt. „Dadurch hat der Patient hinterher ein normales Kniegefühl“, ergänzt Heydenreich.

Aus tiefer Hocke aufzustehen oder das Knie zu beugen, fühle sich dann nicht, wie bei einer Prothese „von der Stange“, fremd an. Radfahren und Wandern sei unter anderem dann ohne Probleme wieder möglich.

Bis heute hat Dr. Heydenreich etwa 200 dieser individuellen Knie-Endoprothesen eingesetzt, Professor Fitz will sich nun ein Bild von seinen Methoden im OP machen. „Mein Besuch dient dem Austausch untereinander. Wir wollen voneinander lernen. Chirurgie ist etwas sehr Subjektives“, sagt Fitz.

Geruch von verbranntem Fleisch

Die Operation führt Dr. Heydenreich mit Hilfe von Dr. Wolfgang Kaspar durch, Prof. Fitz assistiert. Nachdem das Knie geöffnet ist und die Kniescheibe – die soll erhalten bleiben – zur Seite geklappt wird, werden

die ersten Schnitt-Schablonen auf den Knochen geschraubt.

Es fließt dabei kaum Blut, was unter anderem an dem Kauter liegt, einer Art elektronisches Messer, das unter Strom steht und die Schnittwunden sofort verödet. Den dabei entstehenden, leicht metallischen Geruch von verbranntem Fleisch sind die Chirurgen gewohnt – ein Neuling ist zumindest erst einmal überrascht, dass es in einem Operationssaal nicht nur nach Desinfektionsmittel riecht.

„Achtung, nicht erschrecken, jetzt wird es gleich laut“, warnt Dr. Heydenreich. Dass er nicht untertrieben hat, beweist sogleich der hohe Lärmpegel des einer Stichsäge gleichenden Instrumentes, das den Knochen schichtweise in insgesamt sechs Schnitten abtrennt. Die genaue Richtung geben jeweils die aus Nylon bestehenden Schnittschablonen vor, die speziell für die Operation angefertigt und danach entsorgt werden. Das vordere Kreuzband und der Ansatz des hinteren werden entfernt, und auch den Meniskus wird der Patient mit dem künstlichen Knie nicht mehr brauchen.

Entspannte Atmosphäre im OP

Dass das Einsetzen einer Knie-Endoprothese kein Spaziergang ist, ist schnell klar. Zimperlich darf ein orthopädischer Chirurg nicht sein. Teilweise mit hohem Kraftaufwand arbeiten die Ärzte, zum Einsatz kommen eindrucksvolle Geräte wie Hammer, Meißel, Säge oder Bohrer. Dabei können schon einmal blutige Knochensplitter in die Höhe fliegen und auf dem Boden landen.

Die Atmosphäre im OP ist jedoch völlig entspannt. Alle Beteiligten haben absolute Routine in dem Eingriff. Immer wieder kontrollieren sie, ob auch alles richtig sitzt, indem sie das Bein strecken und beugen. „Jetzt kommt noch die Feinarbeit. Es ist nicht nur grobe Arbeit zu leisten“, sagt Dr. Ulf Heydenreich, der sich jetzt nah über das geöffnete Knie beugt und hier und da noch Knochengewebe entfernt.

Jetzt ist es Zeit für den Zement. Der wurde gerade angerührt und riecht im Vergleich zu dem kauterisierten Fleisch angenehm frisch. Die Masse soll den porösen Knochen mit der neuen, stählern glänzenden Endoprothese verbinden. Nachdem er ausgehärtet ist, kontrollieren die Chirurgen, ob nichts übersteht, dann wird das Bein zugenäht und getackert. Der während der OP sedierte Patient wird langsam wach. Um 12.50 Uhr ist die Operation beendet.

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