Endoprothesen

Wie die Ärzte im Warsteiner OP gegen die Zeit arbeiten

Hundertste individuelle Knieendoprothese im Maria Hilf Warstein

Foto: Jana Naima Fischer

Hundertste individuelle Knieendoprothese im Maria Hilf Warstein Foto: Jana Naima Fischer

Warstein.   Fortschritt im Warsteiner Maria Hilf Krankenhaus: Die Ärzte setzen eine individualisierte Knieendoprothese ein. Die WP war exklusiv im OP dabei.

Das weiße Bettlaken bläht sich auf. Schwester Dorothee zupft an den Ecken. Keine Falten – Ordnung, und die muss steril sein. Sie eilt durch den Operationstrakt des Maria Hilf Krankenhaus in Warstein. Ihre Crocs quietschen auf dem gewienerten Boden. Gleich wird eine Patientin eine neue Knieendoprothese bekommen, die exakt auf sie zugeschnitten ist. Die über hundertste Knieendoprothese dieser Art, die in Warstein implantiert wird. Routine.

Schwester Dorothee hat vorher viel zu erledigen. Auch Routine. Durch den gekachelten Gang geht es vorbei an OP 1, OP 2. „Alles noch provisorisch, hier wird noch umgebaut“, sagt sie mit der energischen Stimme. 30 Jahre arbeitet sie schon im OP. Überraschungen begegnen ihr trotzdem.

Haube und Mundschutzbleiben: Hygiene ist alles

Erst im Aufenthaltsraum zieht Schwester Dorothee ihren Mundschutz ab. Die Haube bleibt. Hygiene ist alles. Sie schüttet sich eine Tasse Kaffee ein und nickt hinüber zu einem Kollegen im selben OP-grünen Kittel, der auf der kleinen Eckbank hockt. Pfleger Michael. Nachnamen und gestelztes „Sie“ gibt es im OP nicht.

In dem Aufenthaltsraum steht eine kleine Pantryküche. Vitalis Müsli im Regal. Nutella schon ausgekratzt. Kühle Suppe zur ersten Stärkung am Morgen im Kochtopf auf der Herdplatte. Doktor Wolfgang Kasper lässt sich brummend auf die Bank plumpsen. Er ist Oberarzt für Chirurgie und Unfallchirurgie. Er wird gleich mit Chefarzt Doktor Ulf Heydenreich, Orthopädische Chirurgie, das Kniegelenk erneuern.

„Wir haben noch einen Blinddarm reinbekommen“, sagt Schwester Dorothee. Doktor Kasper brummelt wieder, redet von Papierkram, Verwaltung, eben all diese Pflichten, die zum Operieren dazugehören. Er wirkt wie einer dieser Serienärzte, die leidenschaftlich Menschen aufschneiden, den Papierkram lieber jemand anderem überlassen. Doktor Heydenreich betritt den Raum. Wache Augen, entspanntes Lächeln. Die Operation ist keine, die seine Nerven flattern lässt. „Wir können.“

Erst kommen Diäten, Bewegung - dann die OP

Am 28. Juni setzte Doktor Heydenreich die hundertste individualisierte Knieendoprothese in Warstein ein. Erst würden die Patienten konservativ behandelt. Diäten, Bewegung. „Die Ansprüche werden größer. Die Menschen wollen auch mit 50 noch aktiv leben.“ Immer mehr wollen deswegen eine Prothese. Für ihn ist die beste Methode, die Kniegelenke wieder in Bewegung zu kriegen, die Conformis-Prothese. Eine Prothese, die individuell für jeden Patienten angefertigt wird.

Pfleger Fabian schmiert mit einem Wattepad orange-leuchtendes Jod auf das Bein der Patientin. Schicht um Schicht wird ihr Körper abgedeckt. Die Pfleger und Schwestern drücken sich an den Wänden des Raumes herum. Abstand halten von den desinfizierten Instrumenten. An einem Bildschirm flackern die Röntgenbilder der Patientin. Der Monitor piept im Puls-Rhythmus. Knie angewinkelt. Skalpell gezückt. Handbreitlanger Schnitt.

Drei Nägel werden in den Knochen gehämmert

Eine Prothese, die individuell angefertigt wird, basiert auf einem genauen Bild aus der Computertomographie, die den Körper besser durchleuchtet als jedes Röntgengerät. Dabei wird das Kniegelenk in Relation zum Hüft- und Sprunggelenk beleuchtet. Aufgrund dieser Daten fertigt ein 3D-Drucker in Amerika die passende Prothese und zahlreiche Schablonen an.

Doktor Heydenreich hämmert gegen den weiß schimmernden Knochen. Drei Nägel fixieren die Schablone fest am Oberschenkelknochen. Wolfgang Kasper zückt die Säge. Ein schredderndes Geräusch. Dampf. Geruch der an verbranntes Popcorn erinnert. „Wir entfernen jetzt Restknorpel und arthrotisch deformierten Knochen, damit die Prothese gleich perfekt passt.“

Eigentlich gibt es verschiedene Prothesen

Grundsätzlich gibt es verschiedene Arten von Prothesen. Jeder Arzt sucht eine von ihnen heraus, die am besten zu dem Knochen des Patienten passt. „Die Individualendoprothese lässt dem Arzt keine Entscheidungen mehr. Die Schablonen bestimmen nur, wie wir den Knochen vorbereiten. Die Endoprothese passt sich generell an den Knochen an. Nicht mehr andersherum“, erklärt Doktor Heydenreich.

Der Countdown läuft - sonst sitzt alles zu fest

Wolfgang Kasper hält den Zement in den Händen, zusammengemischt aus einem „Backpulver“, wie er es nennt, und Wasser. Zehn Minuten haben die Ärzte, um die Prothese mit dem Zement anzubringen. Dann wird er so heiß, dass er in den Fingern brennt – und knochenhart. Bewegen lässt sich dann nichts mehr.

Ein Pfleger ruft die Minuten. „VIER!“ Doktor Heydenreich murmelt. Hämmert. Kloppt. Die Patientin schnarcht. „SIEBEN!“ Der Haken rutscht, dann sitzt er wieder fest und öffnet das Knie. Ein Hin und Her aus Zangen, Bohrer, Hammer, Nägeln, Schablonen. „ZEHN!“ Die Reste Zement abkratzen. Der Sauger schlürft das Gelenk sauber. Doktor Heydenreich testet, beugt das Knie auf und ab und auf... „Passt!“

Den Mopp schwingen

Irgendwie geht alles schnell. Die Naht, das „Zutackern“, das Aufwachen. „Ihr Knie ist ganz, wir haben gezaubert“, wird die Patientin begrüßt. Handschuhe landen im schwarzen Müllsack, Kittel hinterher. Ärzte, Pfleger und Schwestern flachsen, wie sie es die ganze Zeit tun. Schwester Dorothee plant den Blinddarm, das Telefon in der Hand. Eine Schwester schwingt den Mopp. Und jemand ruft der Patientin zu: „Sehen Sie, ist auch nur ein ganz normaler Arbeitsplatz!“

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