Reichspogromnacht

Wie ein einziger Tag Warstein veränderte

Spurensuche Jüdische Geschichte in Warstein

Spurensuche Jüdische Geschichte in Warstein

Foto: Laura Heppelmann

Warstein.   Reichspogromnacht traf vor 80 Jahren auch Warsteiner Juden. Welche Spuren sie in Warstein hinterlassen haben und welches Schicksal sie ereilte.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

16 Uhr ertönt die Sirene, das Zeichen für Hunderte, sich auf dem Warsteiner Marktplatz zu versammeln, um gemeinsam die Wohnräume der Juden zu zerstören und zu plündern. Schaufenster des Manufakturgeschäftes Kaufmann werden zerstört, Wohnräume und die Synagoge geplündert: Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 schlug sich nicht nur in den Großstädten nieder – auch die Warsteiner Juden blieben nicht verschont.

Dennoch hinterließen die Juden in Warstein Spuren, denen zahlreiche Interessierte unter der Führung von Jürgen Kösters folgten und so die Geschichte aufleben ließen. Über 30 Interessierte trafen sich an der alten Post an der Hauptstraße, um in die Vergangenheit der Stadt Warstein einzutauchen. „Wir wollen gemeinsam der Ereignisse von 1938 gedenken“, begrüßte Kösters alle Teilnehmer an einem der vielen Orte, an denen jüdisches Leben stattfand.

Machtübernahme miterlebt

So auch im Haus an der Hauptstraße 33, in dem die Familie Arensberg/Gonsenhäuser lebte. Sechs der acht Kinder der Familie zogen ins Ruhrgebiet, den Frankfurter oder Berliner Raum, da diese Städte insbesondere durch die Eisenbahnen wirtschaftlich abgesichert waren. Die Eheleute Arensberg liegen heute auf dem jüdischen Friedhof in Warstein begraben und haben die ersten Jahre nach der Machtübernahme durch das NS Regime miterlebt.

Flucht nach Argentinien

Familie Cohn, eine weitere jüdische Familie, lebte in einem Wohnhaus Auf’m Bruch 17, das vor einigen Monaten erst abgerissen wurde. Die

Familienmitglieder verdienten als Viehhändler ihr Geld. Nach der Reichspogromnacht flohen die Männer der Familie mit dem Auto zu einer Tante nach Wünneberg – was dazu führte, dass die Frauen der Familie verhaftet und nach Buchenwald transportiert wurden. Dank eines Bekannten der Familie kehrten die Gefangenen 1939 zurück und flohen nach Argentinien, um sich vor der Verfolgung zu retten. Heute, mehr als 70 Jahre später, leben Teile der Familie immer noch in Argentinien.

Nach Auschwitz ins KZ

Eine angesehene und erfolgreiche Familie war die von Moritz Kaufmann. Mit einem Manufaktur- und Modegeschäft machte die Familie auf sich aufmerksam und vernahm einen täglich zunehmenden Kundenkreis. Ähnlich wie bei der Familie Arensberg/Gonsenhäuser zog ein Großteil der Familie Kaufmann ins Ruhrgebiet. Bertha Kaufmann blieb jedoch in Warstein und wurde später ins Konzentrationslager in Auschwitz gebracht, Moritz Kaufmann kam nach Sachsenhausen. Er durfte nach Warstein zurückkehren, allerdings nur, weil er sein Haus abgeben sollte.

Die Umstände im Konzentrationslager hatten ihm jedoch stark zugesetzt. Kurzerhand stand deshalb ein Notar an seinem Krankenbett, um ihn zu nötigen, das Haus abzugeben. Eine Verweigerung hätte für ihn einen sofortigen Transport zurück nach Sachsenhausen bedeutet. Die Familie gab ihr Wohnhaus also ab und wohnte fortan als Mieter in dem Haus am heutigen Moritz-Kaufmann-Weg.

Das Haus selbst gehörte ab sofort einem Ortsgruppenleiter der NSDAP. Kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs begab sich die Familie auf eine Überfahrt nach Argentinien. Die Familie erreichte gerade die südamerikanische Küste, als englische Kreuzer das Schiff erreichten. Dort arbeitete die Familie in einem Hilfslager – heute liegt sie im argentinischen La Paz begraben.

Lange Zeit ohne Nachnamen

Es existieren erste Nachweise für jüdische Bürger in Warstein im Jahr 1664, diese besaßen jedoch lange Zeit keinen Nachnamen und hießen bis 1846 beispielsweise „Salomon der Jude“. Der Großteil der jüdischen Gemeinde in Warstein ist jedoch im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden und wurde von der Warsteiner Bevölkerung, die fast nur aus Katholiken bestand, positiv aufgenommen und integriert, wie ein Teilnehmer der Spurensuche aus eigenen Erinnerungen berichtete. Er erzählte von einem großen Bogen mit den Worten „Auch Israels Kinder grüßen dich nicht minder“, der über der Hauptstraße errichtet wurde, wenn ein Bischof in der Stadt zu Besuch war.

Wie ein einziger Tag den Umgang der Warsteiner Bevölkerung mit den jüdischen Mitbürgern verändern konnte, erzählte Jürgen Kösters an der Rangestraße, wo sich früher die Synagoge befand. Eine zugewachsene Plakette der Synagoge stellt nach dem Abriss 1971 das letzte Überbleibsel dar.

Die Synagoge wurde wegen Rücksicht auf die Nachbarhäuser von Brandstiftung verschont, aber ansonsten zerstört. Zudem wurden die Warsteiner Bürger angehalten, nicht bei jüdischen Familien einzukaufen, um deren Existenz zu zerstören. Ein einziger Tag machte so aus einem einst friedlichen Zusammenleben mit den jüdischen Familien eine Hetzjagd, die in Deportation, Tod und Flucht endete.

Folgen Sie der Westfalenpost Warstein auch auf Facebook.

Hier finden Sie weitere Nachrichten, Fotos und Videos aus Warstein und dem Umland.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben