Zweiter Weltkrieg

Wie es nach 50 Jahren im Sichtigvorer Bunker aussieht

Sichtigvor: Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt.

Foto: Marx

Sichtigvor: Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg wiederentdeckt. Foto: Marx

Sichtigvor.  Nach 50 Jahren betritt Willi Hecker zum ersten Mal den Bunker in Sichtigvor. Wir haben ihn dabei begleitet. Wieso das ein besonderes Gefühl war.

Dunkel ist es in dem alten Bunker. Dunkel und kalt. Die Luft riecht abgestanden. Kein Wunder, schließlich hatte die an der Sichtigvorer Radtrasse gelegene Röhre 50 Jahre kein Mensch betreten. Lediglich Spinnen und Käfer haben hier in den letzten Jahren Zuflucht gesucht.

Die Wiederentdeckung

Der erste Mensch, der den Sichtigvorer Bunker, Teil des Luftschutz-Systems im Möhnetal während des 2. Weltkrieges, nach Jahrzehnten wieder betreten hat, ist Ortsheimatpfleger Willi Hecker. Er hatte Matthias Beele, auf dessen Grundstück sich der Eingang zu der Luftschutz-Einrichtung befindet, darauf aufmerksam gemacht, was sich da besonderes hinter der zugemauerten Wand im Schuppen verbarg.

„Als ich von dem Bunker erfahren hab, hab ich ein Loch in die Wand gestemmt“, erzählt Beele. Einen kleinen Zugang, um in den Vorraum des Bunkers zu gelangen. „Vom Garten aus war der Vorraum ebenerdig und von der damaligen Bahntrasse über eine Treppe zu erreichen“, erklärt Willi Hecker. In jungen Jahren war er oft in dem Bunker – allerdings nicht wegen eines Fliegeralarms während des Krieges. „Ihn jetzt wieder betreten zu haben, nach so langer Zeit, war schon ein besonderes Erlebnis.“

Dem kann Matthias Beele nur zustimmen. „Das ist schon sehr interessant. Wir haben fast 20 Meter Länge gemessen – das ist schon eine ganze Menge.“ Der Durchmesser der Betonröhre beträgt zwei Meter. Es muss ein beklemmendes Gefühl gewesen sein, hier zu sitzen, während die Flieger über das Möhnetal hinweg donnerten. Auf Bänken haben die Bürger hier damals gesessen, diese wurden lange entfernt, bevor der Bunker zugemauert wurde und in Vergessenheit geriet.

Die Errichtung

Der Krieg war schon weit fortgeschritten, als Sichtigvor seinen Bunker im Herbst 1944 erhielt. Ein seltenes Schauspiel fesselte die Schulkinder an einem ruhigen Nachmittag, als sie auf dem Weg nach Hause waren: Kaum 50 Meter westlich der Bahnschranken ragte auf einem Güterwagen ein hoher, sich drehender Kran empor. Von einem Flachwagen hob dieser Betonringe riesigen Ausmaßes an und legte sie neben dem Bahndamm, auf der abfallenden Seite zur Möhne hin, ab. „Unmittelbar hinter dem Garten der etwas schrulligen Kumpernatz’ Clara“, erzählt Willi Hecker, der seine neueste Ausgabe „Unser Kirchspiel“ dem Luftschutz und damit auch dem Bunker gewidmet hat. Der Kran setzte die ein Meter breiten Ringe zu einer Röhre zusammen. „19 Meter“, erzählt Willi Hecker. „Wahrscheinlich ist ein Ring beim Transport kaputt gegangen – 19 ist doch eine komische Zahl.“

Diese Röhre schmiegte sich eng an den Bahndamm, der zuvor ausgekehlt worden war. Vor den östlichen Eingang zur Röhre, gesichert mit einer Stahltür, setzten die Erbauer die Vorhalle, am westlichen Ende gab es eine vier Meter lange Fluchtröhre, durch die die Sichtigvorer hätten hinaus kriechen können, wenn der Eingang verschüttet worden wäre.

Für die Möhnetaler war dies der erste und einzige Luftschutzbunker dieser Art. Dass es weitere, meterdicke Betonbunker für die ländliche Gegend geben würde, war aussichtslos ob der angespannten Kriegssituation zu diesem Zeitpunkt. Aber die Röhre, die auf den beiden Holzbänken entlang der Wände rund 80 Menschen Platz bot, bot ausreichenden Schutz vor den Jabo-Geschossen der feindlichen Flieger.

Der letzte Einsatz

Zum letzten Mal suchten Bewohner des Möhnetales während der unruhigen Tage des amerikanischen Einmarsches am 8. April 1945 Schutz im Sichtigvorer Bunker. Denn anschließend hatte er seine Bedeutung verloren, er verwahrloste, wurde vergessen. Die Bänke waren schon nach kurzer Zeit in den Öfen der Möhnetaler gelandet. In den 60er Jahren verschloss Hermann Schmidt-Webers, Neffe von Clara Kumpernatz, den Eingang zum Garten hin und verschüttete die Treppe. Dem Vorbau verlieh er mit Satteldach und roten Ziegeln einen friedlichen Charakter. Noch heute wirkt dieser Vorbau wie ein Gartenhäuschen. „Der Eingang von der Trasse her ist noch immer verschüttet, ich habe das Gelände nur schon vor längerer Zeit von Unkraut und Unrat befreit“, erzählt Willi Hecker.

Andere Einrichtungen

Anders als der Bunker sind von den fünf Stollen, die es in Sichtigvor gab, nur noch rudimentäre Spuren zu finden. Zwei wurden in den steilen Hang des Hammerbergs, gleich am Schießstand der SA und Hitlerjugend, gehackt. Das Vordringen in den Berg erforderte auch, dass die Wände mit Holzstämmen abgestützt wurden, um herabfallendes Geröll zu verhindern. Drei weitere Stollen wurden noch in Angriff genommen: Im Norden Sichtigvors in der steilen Steinbruchwand des Ritterberges, in Alt-Sichtigvor im Quomecketal und am Loermund. Keiner dieser Stollen wurde bis Kriegsende vollendet.

Weitere Stollen gab es in Mülheim und Allagen – aber das ist eine andere Geschichte.

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