Geschichtsprojekt

Wie Rüthener Schüler mit dem Thema Euthanasie umgehen

Auf Schloss Körtlinghausen in Rüthen konnten sich Patienten vorübergehend verstecken, bevor Verwandte sie abholten.

Foto: Hans Blossey

Auf Schloss Körtlinghausen in Rüthen konnten sich Patienten vorübergehend verstecken, bevor Verwandte sie abholten. Foto: Hans Blossey

Rüthen.   Euthanasie in Rüthen und Warstein ist Thema eines Dokumentar-Films von Schülern des FSG. Dafür haben sie auch außerhalb des Archivs recherchiert.

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Anna Schäfer wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Hagen geboren. Sie kam nach Warstein, in die Klinik. Warum, das weiß heute niemand mehr genau. Die Patientenakten wurden vernichtet. Was man noch genau weiß: Anna Schäfer wurde am 26. Juli 1943 abgeholt. Mit 173 anderen Patienten. Zwischen ihren Schulterblättern klebte eine Nummer. 135. Für sie ging es in einen Eisenwagenwagon voller Kohlenstaub auf einem Nebengleis der Reichsbahn. „Kranke wurden wie Vieh behandelt“, soll eine Schwester später sagen. Anna Schäfer kommt nach Hessen, in die Tötungsstation Hadamar. Sieben Wochen nach ihrer Verlegung ist sie tot. Eine tödliche Medikation. Teil der sogenannten Aktion T4, bei der während des Zweiten Weltkriegs etwa 14 500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in einer Gaskammer, durch tödliche Injektionen und Medikationen oder Verhungernlassen ermordet wurden.


Anna Schäfer erhält jetzt ihre Identität zurück – durch eine Patenschaft der Schüler des Friedrich-Spee-Gymnasiums. Während eines Projekts haben sich elf Jugendliche der 11. Klasse mit der Euthanasie in der Geschichte ihrer eigenen Heimat beschäftigt. Herausgekommen ist eine Dokumentation, die jetzt beim Sommerfest der Schule gezeigt wurde. Titel: „Glaube oder Gehorsam? Euthanasie und Widerstand in der Provinzialheilanstalt Warstein“ (wir berichteten). Auch Rüthener Bürgerinnen und Bürger wurden damals Opfer der Euthanasie. Allerdings...

„Die Patienten werden sonst umgebracht“

„Die Patienten müssen abgeholt werden“, schrieb Schwester Maria Benedetta damals an Schloss Körtlinghausen. „Sonst werden sie umgebracht!“ In der Nacht wurden die Patienten aus der Klinik abgeholt, ins Schloss gebracht. Dort warteten Verwandte, um sie abzuholen. Die Vinzentinerinnen wehrten sich gegen die Regierung. Riskierten ihr Leben, um das anderer zu retten.

Professioneller Film von Schülern

Wieviele Menschen gerettet wurden, kann Julia Döbber, Schülerin und Projektteilnehmerin, nicht sagen. „Natürlich sind die Erfolge nur relativ klein, aber es ist etwas Besonderes, wenn Menschen sich damals gegen die NSDAP gestellt haben.“ Der Film wirkt professionell. Die Stimmen sprechen klar über Lorenz Pieper, den „Nazi-Priester“, der eine Kehrtwende machte und in der Kanzel gegen die Regierung predigte. Oder über die Vinzentinerinnen, die Brief um Brief an Verwandte schickten, um sie zu warnen. Oder über Anna Schäfer und Hadamar.

Besuch in Hadamar wirkt bedrückend

„Wir waren in Hadamar und es war sehr bedrückend für uns. Wir haben gesehen, wie es dort aussieht. Es gab zum Beispiel einen Friedhof mit Steinen, unter dem aber eigentlich ein Massengrab mit über 1000 Leichen lag. Das Thema ist bedrückend, aber ich denke, man muss so ein Thema nicht nur wissenschaftlich sondern auch emotional angehen – auch, wenn das wirklich schwer ist“, sagt Teilnehmerin Lea Stallmeister.

Helmut Monzlinger vom LWL half bei der Recherche

Allerdings arbeiteten sie auch wissenschaftlich, befragten Experten und Zeitzeugen. Vor allem Helmut Monzlinger vom LWL half den Schülern bei der Recherche. In den Archiven des Erzbistums Paderborn durften sie stöbern, sprachen mit Vikar Lukas Schröder. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Im Bonner Haus der Geschichte wurden sie Landessieger im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, bald wird es um den Bundeswettbewerb gehen.

Siegerehrung für acht Schüler in Bonn

Acht der elf Schüler und Projektteilnehmer reisten gemeinsam nach Bonn, um dort an der Ehrung teilzunehmen:
Lea Stallmeister
Julia Döbber
Anton Rikus
Jennifer Ewald
Sarah Lorenz
Joeline Markworth
Marie Kaniß
Nikolina Mateska
und ihr Geschichtslehrer Marc Eigendorf.

Ehemaliger Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung und Professor Hans Walter Hütter vom Haus der Geschichte nahmen die Schülerinnen und Schüler in Empfang. Für das Rüthener Gymnasium ist es bereits der zweite Landessieg. 2011 gewann Johanna Heppe mit ihrem Beitrag zu Friedrich Spees „Cautio Criminalis“.

Sommerfest am FSG mit nachdenklichen Minuten

„Für uns ist das ein Ansporn“, sagt Marc Eigendorf. Bei der Vorführung des Films während des großen Sommerfestes am FSG zeigt er sich genauso aufgeregt über die Resonanz wie seine Schützlinge. Umsonst: Der vollbesetzte Vorführraum zeigte sich begeistert und applaudierte laut für das außergewöhnliche Projekt, bevor es wieder nach draußen zum Festprogramm mit Musik und Leckereien ging. Nachdenkliche Minuten an einem ausgelassenen Nachmittag.

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