Talk am Turm

Wieso sich Alfred Striedelmeyer für den „weißen Ritter“ hält

Talk am Turm mit Alfred Striedelmeyer

Talk am Turm mit Alfred Striedelmeyer
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Warstein.   Alfred Striedelmeyer, Geschäftsführer des Lörmecke-Wasserwerks, geht in den Ruhestand. Der Kampf um sauberes Trinkwasser begleitet ihn weiter.

Nicht hoch zu Ross, sondern in einem schlichten weißen Combi kommt er auf dem Parkplatz am Stimm Stamm an, der „weiße Ritter“. Dieses Bild des edlen Kämpfers für das Gute wird Alfred Striedelmeyer auf dem Weg zum Lörmecke-Turm gleich zwei Mal benutzen, um sich selbst zu beschreiben. Höchstens halb-ironisch.

Als langjähriger Geschäftsführer des Lörmecke-Wasserwerks vertritt der 68-Jährige das öffentliche Interesse an einer sicheren Trinkwasserversorgung aus dem Warsteiner Massenkalk – oft genug gegen die privatwirtschaftlichen Ziele der Steinindustrie, die aus demselben Untergrund einen anderen Rohstoff schöpft.

Der Konflikt schwelt seit Jahrzehnten, beschäftigt immer wieder die Gerichte. Umso überraschender fällt eine andere Selbsteinschätzung Striedelmeyers aus: „Gegen die Steinindustrie kämpfe ich nicht.“

Als Pensionär mit dem Fahrrad die Alpen überqueren

Zum Ende des Jahres geht Alfred Striedelmeyer in den Ruhestand. Dabei strahlt er auch mit 68 Jahren noch eine Energie aus, die sich wohl manch 30-Jähriger wünschen würde. So schnellen Schrittes ist in dieser Reihe bisher kaum jemand zum Lörmecke-Turm gewandert. Kein Wunder, fährt er doch regelmäßig Fahrrad. „Da kann ich am besten Strategien entwickeln“, sagt er.

Als Pensionär will er die Alpen mit dem Rad überqueren. Bei solchen Plänen stellen die Steigungen des nördlichen Sauerlands natürlich kein Problem dar.

Dass Alfred Striedelmeyer fast sein gesamtes Berufsleben in Branchen gearbeitet hat, die in Bewegung waren, mag auch geholfen haben, fit zu bleiben. Nach dem Hauptschulabschluss, einer Lehre zum Elektriker und dem Wehrdienst stieg er beim Energieversorger VEW ein und arbeitete zunächst unter anderem im Atomkraftwerk in Lingen nahe seiner Heimat Nordhorn an der niedersächsisch-niederländischen Grenze. „Für mich ist wichtig, dass sich was dreht“, sagt Alfred Striedelmeyer selbst, „und da drehte sich den ganzen Tag was.“

Langeweile und Stagnation langweilen ihn

Stillstand – auch persönlicher – langweilte den jungen Elektriker hingegen. Er besuchte die Abendschule und ließ sich zum Betriebswirt ausbilden. „Das wurde bei der VEW gerne gesehen.“ In der Hauptverwaltung in Dortmund kam er in ein kleines Team, das einen Plan entwickeln sollte, wie Fremdkraftwerke, etwa Sonnen-Kollektoren auf Häuserdächern, die gewonnene Energie in das Stromnetz einspeisen können.

Erneuerbare Energien steckten damals, in der ersten Hälfte der 1980er Jahre, noch ganz in den Anfängen. Einspeisegesetze lösten das Problem schließlich. „Dann kam da Stagnation rein“ – also zog Alfred Striedelmeyer weiter.

In Dortmund baute er ab Ende der 1980er Jahre ein städtisches Entsorgungsunternehmen mit auf, wechselte dann als Gründungsgeschäftsführer zur ESG nach Soest. „Das war eine hochspannende Zeit.“ Später kam der Posten beim Wasserwerk hinzu, den er weit über das übliche Rentenalter hinaus behalten hat. „Das hält die Birne fit und ist auch ein Stück weit Hobby.“

Faszination an Umgang mit politischen Gremien

Einen Traumjob aus seinem Lebenslauf will Alfred Striedelmeyer nicht auswählen. „Das waren immer Themen, die auch gesellschaftlich diskutiert wurden“, beschreibt er seine Faszination für die unterschiedlichen Aufgaben.

Bei jeder seiner Tätigkeiten war auch die öffentliche Hand in irgendeiner Form involviert, das Lörmecke-Wasserwerk ist etwa eine hundertprozentige Tochter des Kreises Soest. „Ich finde es unglaublich spannend, an einer Stelle zu arbeiten, an der die Politik etwas zu sagen hat“, erklärt er. „Bei Entscheidungsprozessen spielen zum Beispiel Emotionen eine ganz wichtige Rolle.“

Beschlüsse habe er daher ausführlich vorbereitet, den Gremien seine Argumente weit im Voraus präsentiert. „Ich habe es immer vermieden, nur eine Vorlage zu schicken.“

Trotz SPD-Parteibuch im konservativen Soest etabliert

So mag Alfred Striedelmeyer auch manche Entscheidung schon früh in die Richtung gelenkt haben, die ihm sinnvoll erschien. „Sie müssen gucken, dass Sie die Politik in die Richtung kriegen, die für das Unternehmen gut ist.“ So beschreibt er das. Komplett gegen seine Grundsätze verstieß keine Entscheidung aus der Politik, die er umzusetzen hatte. „Das hätte ich auch nicht gemacht“, lässt er keinen Zweifel.

Sein SPD-Parteibuch habe ihm dabei auch im konservativen Kreis Soest, wo er es bei ESG und Lörmecke ausschließlich mit Aufsichtsratsvorsitzenden der CDU zu tun hatte, nie geschadet – im Gegenteil. Als politischer Mensch, der an seinem früheren Wohnort Unna aktiv in Partei und Fraktion mitarbeitete, habe er die Befindlichkeiten der Politik vielleicht sogar besser verstanden als manch anderer.

Konflikte lieber mit Säbel als mit Florett lösen

Dass Alfred Striedelmeyer dabei Konflikten nicht aus dem Weg geht, sie manchmal bewusst sucht, zeigte sich schon bei der ESG, wo er sich gegen Bürgerinitiativen zur Wehr setzte, die Deponien verhindern wollten. Als Geschäftsführer des Wasserwerks wurde sein Hauptkontrahent die Warsteiner Steinindustrie.

Dann wird auch die Sprache schon einmal derb. „Verarscht“ gefühlt habe er sich von einem Berater der Steinindustrie, der die Warsteiner habe „verkackeiern“ wollen, indem der angebliche Experte die geologischen Verhältnisse grob vereinfacht, sogar verfälscht dargestellt habe. Alfred Striedelmeyer ficht lieber mit dem groben Säbel als mit dem feineren Florett. „Mit Diplomatie hab‘ ich’s ja nicht so“, weiß er selbst, „ich bin eben ein unruhiger Mensch.“

Den Regierungspräsidenten abblitzen lassen

Das bekam sogar mal ein Arnsberger Regierungspräsident zu spüren. Als Helmut Diegel nach seinem Amtsantritt im Jahr 2005 einmal im Steinbruch Kattensiepen die Steinvorkommen als in Europa einzigartig pries, schrieb Striedelmeyer ihm einen Brief. „Wenn Sie sich so positionieren, könnten Sie sich ja auch mal die öffentliche Trinkwasserversorgung angucken“, lud er den Politiker ein. Die Antwort aus Arnsberg ließ nicht lange auf sich warten: eine Gegeneinladung zum Kaffee. Alfred Striedelmeyer lehnte ab.

Wenig später klingelte sein Telefon. Landrat Wilhelm Riebniger, als Gesellschafter eine Art Vorgesetzter. „Ich möge mal ins Kreishaus kommen“, erinnert sich Striedelmeyer, „er habe mit dem Regierungspräsidenten Diegel einen Gesprächstermin vereinbart.“ Über das Gespräch verrät er kaum etwas, nur so viel: „Wir haben uns ausgetauscht. Das war, glaube ich, nicht so, wie Herr Diegel das wollte.“

Steinindustrie soll Risiken für Trinkwasser absichern

Nur wieso sieht er sich selbst dann gar nicht als Kämpfer gegen die Steinindustrie? „Von mir aus können die bis zum Erdmittelpunkt graben“, sagt er. „Sie müssen nur garantieren, dass die Wasserversorgung aufrechterhalten wird.“

Dafür müssten die Unternehmen einen Kapitaltopf bilden, aus dem sprengbedingte Schäden an den Quellen ausgeglichen und im Notfall – also, wenn die Lörmecke- oder Hillenbergquelle versiegt – ein neues Leitungssystem etwa zur Ruhr finanziert werden könnte. Seine Kernforderung: „Benutzt doch nicht die Allgemeinheit, um euer unternehmerisches Risiko abzusichern.“

Wasserschutz durch OVG-Urteil nachhaltig gestärkt

Darauf lasse sich die Steinindustrie aber nicht ein, bemängelt Alfred Striedelmeyer und wirft den Verantwortlichen der Abbaubetriebe Doppelmoral vor: „Dann bekomme ich zu hören: ,Das gibt der Markt nicht her.‘ Sie sagen also auf der einen Seite, sie haben einen weltweit benötigten Rohstoff, aber auf der anderen Seite können sie den Preis nicht erhöhen. Also muss es doch an irgendeiner Stelle ein ähnliches Produkt geben.“

Ein dauerhaftes Nebeneinander von Trinkwasser-Förderung und Steinabbau hält er für ausgeschlossen. Früher oder später müsse die Gesellschaft eine Entscheidung treffen. „Trinkwasser ist emotional ein ganz hohes Gut“, sieht er dabei gute Chancen.

Spätestens nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts von 2015, als der Hauptbetriebsplan für das Baufeld Elisabeth II im Suttroper Steinbruch gekippt wurde, weil bei der Genehmigung die Auswirkungen auf das Wasser nicht ausreichend geprüft worden waren, seien auch die Behörden sensibler geworden. „Für den Schutz des Wassers war das ein Riesenerfolg.“

Als Berater weiterhin für Lörmecke-Wasserwerk tätig

Das Lörmecke-Wasserwerk jedenfalls sei gut auf die Zukunft vorbereitet. „Das ist ein richtig schnuckeliges Unternehmen geworden und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.“ Sein eigener Anteil daran sei überschaubar, lobt er die Mitarbeiter. „Viele Dinge unterschreibe ich – und dann vertraue ich.“

Hat er selbst denn alles richtig gemacht? „Sie müssen es nicht absolut gut machen“, antwortet er. „Wenn Sie 51 Prozent der Sachen im Leben richtig machen, dann sind Sie schon schwer gut. Dann glauben auch andere Menschen an Sie.“

Im Rückblick auf sein Berufsleben ist Alfred Striedelmeyer demnach zufrieden. „Das war knorke“, sagt er. „Da konnte ich nicht von ausgehen“, erinnert er an seinen Hauptschulabschluss und betont, wie wichtig auch das Glück und Zufälle, aber auch persönliche Förderer waren.

In den Fragen rund um das Warsteiner Kalkmassiv wird er dem Lörmecke-Wasserwerk weiterhin als Berater erhalten bleiben, kündigt er an. So einfach streift Alfred Striedelmeyer die Ritterrüstung also sicher nicht ab.

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