Umweltskandal

Das Gift muss aus dem Mühlenberg in Schermbeck Gahlen

Verena Lutz (WDR) gab dem Publikum im Saal Holtkamp die Gelegenheit, im „Stadtgespräch“ das Wort zu ergreifen. Viele Anwohner fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen.

Verena Lutz (WDR) gab dem Publikum im Saal Holtkamp die Gelegenheit, im „Stadtgespräch“ das Wort zu ergreifen. Viele Anwohner fühlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen.

Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Services

Schermbeck/Hünxe.  Anwohner des Mühlenbergs in Gahlen fordern, dass die giftigen Ölpellets wieder aus dem Berg kommen. Der WDR widmete ihnen ein Stadtgespräch

Ölpellets im Mühlenberg – in Gahlen und Gartrop fühlen sich die Leute mit dem Problem allein gelassen. WDR 5 machte den Umweltskandal zum „Stadtgespräch“ und sendete am Donnerstagabend von 20 Uhr an eine Stunde live aus dem Café Holtkamp in Gahlen.

Eine leidlich gut besuchte Veranstaltung, der Saal ist nicht voll besetzt. Fast scheint es, als sorgten sich nur noch die direkt Betroffenen darum, wie es mit dem giftigen Abfall in der Tongrube weiter gehen soll. Mike Rexforth und Dirk Buschmann, die Bürgermeister von Schermbeck und Hünxe, sind da. Lokalpolitiker sind gekommen, das Gahlener Bürgerforum und auch Thomas Eckerth, Geschäftsführer der Firma Nottenkämper.

Angst vor Krebs rund um die Abgrabung

Moderatorin Judith Schulte-Loh begrüßt Dr. Joern-Helge Bolle, Facharzt für Arbeitsmedizin aus Hünxe, Dr. Stefan Steinkühler, Jurist und aktiv im Gahlener Bürgerforum, und den CDU-Landratskandidaten Ingo Brohl auf dem Podium – Landrat Dr. Ansgar Müller hatte abgesagt.

Beim Format „Stadtgespräch“ sollen die Menschen zu Wort kommen. Verena Lutz (WDR) ging mit dem Mikrophon zu ihnen. Es sind Leute wie Christiane Rittmann: Sie hält Milchschafe am Fuße des Mühlenbergs, macht sich Sorgen darum, ob sie das Heu von den Wiesen noch verfüttern darf.

Skepsis, dass die Machenschaften nicht bemerkt wurden

Oder wie Anne Thoenes aus Gartrop: Sämtliche Familien im Umkreis hätten mindestens einen Krebsfall in der Familie. Zudem habe ihr Vater festgestellt, dass das von ihm gejagte Wild Tumore auf der Leber aufweise.

Rund 47.000 Tonnen mit Ölpellets verunreinigtes Material sollen in der ehemaligen Tongrube illegal entsorgt worden sein, unbemerkt von der Betreiberfirma Nottenkämper, dem aufsichtspflichtigen Kreis Wesel und der übergeordneten Bezirksregierung Düsseldorf. Dass das nicht aufgefallen sein soll, können viele Anwohner nicht glauben.

Forschung bietet nur unzureichend Aufklärungschancen

Dr. Bolle erläutert, dass es zu 98 Prozent der in der Industrie entstehenden giftigen Substanzen keine Forschung gebe. Die in den Ölpellets enthaltenen Stoffe verursachten Krebs, veränderten das Erbgut und wirkten sich auf die Fruchtbarkeit aus. „Es gibt keine ungefährliche Menge“, so der Arzt. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass Labore wissen müssten, wonach sie suchen, um fündig zu werden.

Wirklich neue Fakten bringt der Abend bei Holtkamp nicht. Aber er zeigt die Wut und Hilflosigkeit der Menschen. Stefan Steinkühler beschreibt die Hindernisse, die dem Bürgerforum in den Weg gelegt worden sind, „wir hatten das Gefühl, dass das totgeschwiegen werden soll“. Beteuerungen, die Tonschicht sei dicht und „das Zeug bleibt drin“ überzeugten nicht.

Verworrene Suche nach den Verantwortlichen

Die Suche nach den Verantwortlichen gestaltet sich zäh, die Frage, ob es sich um ein System oder die Fehlleistung Einzelner handelt, sind noch offen. Das Publikum lernt neue Wörter, „Karrieremüll“, beispielsweise: Bei der Deklarierung wird in jedem Schritt ein Detail vergessen, „am Ende haben sie einen Brotaufstrich“, spottet Dr. Steinkühler.

Nottenkämper-Geschäftsführer Thomas Eckert erläutert, der giftige Anteil der Lieferungen habe drei bis vier Promille betragen und man habe, anders als auch vom Lanuv dargestellt, nichts riechen können. Er erntet Gelächter.

Undurchsichtiges System mit Einfallstoren für Kriminelle

Fazit nach einer Stunde WDR 5: Müll ist ein lukratives Gut, das System verwoben und intransparent mit Einfallstoren für Kriminelle. Das dritte, unabhängige Gutachten, von der Landesregierung in Auftrag gegeben, fällt nicht so üppig aus wie erwartet. Und der Regionalplan weist laut Steinkühler neben dem Mühlenberg eine weitere Tongrube aus, mit einer weiteren Verfüllung.

Der Prozess am Bochumer Landgericht geht weiter

In dieser Woche wurde der Umweltskandal am Bochumer Landgericht weiter juristisch aufgearbeitet. Der wegen der illegalen Ablagerung von vermutlich über 47.000 Tonnen giftiger Ölpellets in der ehemaligen Tongrube Mühlenberg verurteilte Haupttäter wurde als Zeuge vernommen, er sagte zu den Vorwürfen gegen einen weiteren Beschuldigten aus. Darüber hinaus hörte das Gericht einen Sachverständigen zur Frage der Lagerung und der Gefährlichkeit der Ölpellets. Dessen Einschätzung: In der Grube hätten die Stoffe unter keinen Umständen gelagert werden dürfen.

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