Projektionskunsttheater

Mitreißendes Zeichentricktheater im Bühnenhaus Wesel

Die Mediabühne Hamburg präsentierte das Stück "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde" im Bühnenhaus Wesel.

Die Mediabühne Hamburg präsentierte das Stück "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde" im Bühnenhaus Wesel.

Foto: Gerd Hermann / FUNKE Foto Services

Wesel.  Die Mediabühne Hamburg überraschte im städtischen Bühnenhaus mit einer live vertonten Projektionskunstversion von Dr. Jeckyll und Mr. Hyde.

Die Horrorgeschichte des netten Dr. Jeckyll, der sich unter Drogen in das mordende Monster Mr. Hyde verwandelt, kennt fast jeder – als Novelle von Robert Louis Stevenson oder in einer der vielen Film- oder Theater- oder Hörspielversionen. Doch was die Mediabühne Hamburg am Samstagabend im Städtischen Bühnenhaus vorgeführt hat, war neu: Die Macher nannten es etwas kryptisch Projektionskunsttheater – und begeisterten das Publikum.

Schon das Bühnenbild von Klaus Ude und Matthias Borchardt erstaunt: Ein Podium mit Mikrofonen, eine Leinwand dahinter. Drum herum grell-rote Lichtprojektionen stilisierter Häuser. Als dann drei Männer und eine Frau in dunkler Straßenkleidung aufziehen, sich artig verbeugen und auf dem Podium Platz nehmen, ist die Überraschung noch größer. Einer von ihnen beginnt zu lesen: aus einem Tagebuch, besser: einer Lebensbeichte. Der des Dr. Jeckyll.

Figuren sind stark stilisiert

Man stellt sich auf Lesen mit verteilten Rollen und gepflegte Langeweile ein. Aber nur kurz: Nach wenigen Minuten wird die Leinwand – crossmedial nennt man das – ins Geschehen einbezogen. Und da wird es spannend. Klaus Ude hat Stevensons Gothic Novel in einen Zeichentrickfilm gegossen. Zunächst nutzt er nur die Farben Schwarz und Sepia und kommt damit einem chinesischen Schattenspiel sehr nahe.

Seine Figuren sind stark stilisiert gezeichnet – eckig, mit vogelhaften Gesichtern und Storchenbeinen entfernt an kubistische Bilder erinnernd und extrem groß im Verhältnis zu den Häusern und Straßenzügen, in denen sie sich bewegen. Immer, wenn der böse Mr. Hyde wieder zugeschlagen hat und Blut fließt, erscheinen pink-rote Flecken auf den schwarzen Figuren. Und Mr. Hyde hat psychedelisch-giftgrüne Augen, die stechend aus seinem schwarzen Vogelgesicht hervorquellen.

Perfekte Kombination

Ude ist eine perfekte Kombination gelungen: Er bleibt mit seinen Grundfarben im 19. Jahrhundert und nutzt moderne Farbtechnik, um die Abweichungen von der Norm zu symbolisieren. Und immer, wenn ein neues Kapitel in Dr. Jeckylls blutiger Lebensbeichte aufgeschlagen wird, wird auf der Leinwand eine mit der Hand beschriebene Seite umgeblättert.

Doch nun der Clou: Die vier Personen auf dem Podium vertonen den Zeichentrickfilm. Nach allen Regeln der Sprechkunst. Jede(r) von ihnen synchronisiert mehrere Filmfiguren und man könnte meinen, dort säßen mehr als nur vier Sprecher. Im Übrigen vergisst man das Podium vor der Leinwand über weite Strecken und schaut nur auf den Film, der wie ein Tonfilm rüberkommt.

Gut und Böse nebeneinander

In seiner Bearbeitung der Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jeckyll und Mr. Hyde“ konzentriert sich Klaus Ude vor allem darauf, dass in jedem Menschen Gut und Böse nebeneinander schlummern. Es sind die gesellschaftlichen Regeln und Normen, die dafür sorgen, dass er das Böse nicht ungezügelt auslebt.

Sein Dr. Jeckyll experimentiert mit bewusstseinserweiternden Drogen, um den Sinn des Lebens zu erforschen, doch er erreicht nur, dass das Böse, Ausschweifende in ihm außer Kontrolle gerät. Die Abhängigkeit von seinem Kräutertrank schließlich führt dazu, dass der böse, völlig enthemmte Mr. Hyde die Oberhand gewinnt. Wissenschaftlich eine kaum haltbare These, aber in einem Zeichentrickfilm, der zuspitzt, funktioniert sie perfekt.

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