Brustkrebs

Sehbehinderte Frauen ertasten in Wesel Brustkrebs

Fast blinde Frauen setzen ihren sensiblen Tastsinn für die Früherkennung von Brustkrebs ein - sie sind für die Praxen ein Gewinn. Auch in Wesel gibt es dieses Angebot.

Fast blinde Frauen setzen ihren sensiblen Tastsinn für die Früherkennung von Brustkrebs ein - sie sind für die Praxen ein Gewinn. Auch in Wesel gibt es dieses Angebot.

Medizinisch-Taktile Untersucherinnen sind noch die Ausnahme in Frauenarztpraxen. Es sind Tastspezialistinnen, die Leben retten. +

Wesel. Stark sehbehinderte Menschen verfügen über einen besonders sensiblen Tastsinn: speziell ausgebildete Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) können etwa 30 Prozent mehr und bis zu 50 kleinere Gewebeveränderungen, etwa sechs bis acht Millimeter groß, finden als Ärzte, sagt die AIDA-Gemeinschaftspraxis, die diese Untersuchungen am Marktplatz Feldmark und in Dorsten anbietet.

Früherkennung ist auch in Corona-Zeiten wichtig und sei mit entsprechenden Schutz- und Hygienemaßnahmen sehr gut durchführbar. In der Frauenärztlichen Gemeinschaftspraxis AIDA untersuchen die ausgebildeten Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen (MTU) Anne Sprick und Heike Henning seit Sommer die Brust von Frauen jeden Alters.

Viele Kassen übernehmen die Untersuchung

Jede Frau kann diese Brusttastuntersuchung, die in Abhängigkeit von Brustgröße und Beschaffenheit des Brustdrüsengewebes 40- bis 60 Minuten dauert, wahrnehmen und einen Termin in der Praxis vereinbaren, ohne dort Patientin sein zu müssen. Bereits 28 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten, teilt die Praxis mit. Anderweitig versicherte Frauen können diese Brustvorsorgeuntersuchung als Selbstzahlerleistung wahrnehmen.

Rund 70.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich an Brustkrebs. Der ist in den meisten Fällen heilbar, wenn er früh entdeckt wird. Fortgebildete Medizinisch-Taktile Untersucherinnen (MTU) können viel zu einer frühen Diagnose beitragen.

Es gibt 43 ausgebildete MTU in Deutschland

Während der apparatefreien Untersuchung tastet die MTU nach einem standardisierten und evaluierten Verfahren die Brust der Patientin vollständig und gründlich in drei Ebenen ab. Einen auffälligen Tastbefund teilt sie dem Arzt oder der Ärztin mit.

Es folgen dann weitere Untersuchungen wie Brustultraschall oder Mammografie, um eine exakte Diagnose sichern zu können. Das Arbeiten von MTU und Arzt im Team bietet den Patientinnen mehr Sicherheit: Sie ist die Tastspezialistin, die stets unter ärztlicher Verantwortung arbeitet. Aktuell gibt es 43 ausgebildete MTU in Deutschland, 14 sind in der Qualifikation.

Wichtige Verstärkung für die Praxis

Dr. Thorsten Rosen, Frauenarzt im Praxis-Team, sieht die MTU als große Bereicherung: „Wir haben mit den MTU ein sehr wirkungsvolles und sanftes zusätzliches Diagnoseverfahren – ganz ohne ‚Apparate‘, die manche Patientinnen scheuen. Frau Sprick und Frau Henning leisten durch ihren hochsensiblen Tastsinn einen sehr wichtigen medizinischen Beitrag im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung in unserem Praxisverbund. In kurzer Zeit sind beide ein wichtiger Bestandteil unseres Teams geworden."

Die MTU hätten viel mehr Zeit für die Brusttastuntersuchung als die Ärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen. "Diese qualitativ hochwertige Untersuchungsmethode ist neben dem Brustultraschall und der Mammografie die dritte wichtige Säule in der Brustkrebsfrüherkennung“, so Rosen.

Eine Chance für sehbehinderte Frauen - und für die Patientinnen

Die MTU sind beim Sozial- und Inklusionsunternehmen discovering hands angestellt, das blinde und stark sehbehinderte Frauen zu MTU qualifiziert. Discovering hands hat das Tätigkeitsfeld entwickelt und durch wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit der Taktilographie bestätigen lassen.

Annegret Sprick ist Mitte 50 und von Geburt an sehbehindert. „Ich bin sehr froh, diesen Schritt, mich noch einmal persönlich zu verändern, gegangen zu sein. Es ist eine große Bereicherung für mich, diese besondere Befähigung auf Grund meiner Sehbehinderung erlernt zu haben - und ein gutes Gefühl, andere Frauen bei der Brustkrebsfrüherkennung unterstützen zu können.“ Zuvor war Anne Sprick 30 Jahre lang Fernmeldeassistentin bei der Telekom.

Heike Henning erkrankte 2017 am linken Auge an einer Netzhautablösung, Weihnachten 2018 folgte das rechte Auge.

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