Marktschreier-Tage

Gilde der Marktschreier zieht enttäuscht aus Witten ab

Auch Wurst-Achims lautes Organ half nicht, genug Kunden anzulocken. Den Großteil der Ware mussten die Händler wieder mitnehmen.e

Auch Wurst-Achims lautes Organ half nicht, genug Kunden anzulocken. Den Großteil der Ware mussten die Händler wieder mitnehmen.e

Foto: Jürgen Theobald

Witten  Vier Tage lang bevölkerten Wurst-Achim und seine Kollegen den Wittener Rathausplatz. Doch Kirchentag und Hitze verdarben das Geschäft.

. Eine bleierne Hitze liegt Sonntagmittag über dem Rathausplatz. Naschkram-Ben verstaut seine Schokoriegel hinter einer Klimaanlage. Wurst-Achim sucht Schutz unter einem Sonnenschirm und Michel, der Blumenkönig, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Vier Tage hat die Gilde der Marktschreier versucht, für Leben auf dem heißen Asphalt zu sorgen. Am Donnerstag lief es noch ganz gut. Doch ab Freitag blieben viele Kunden fern.

Gründe für den schlechten Besuch dürften neben der Kirchentagskonkurrenz im benachbarten Dortmund vor allem die hohen Temperaturen sein. „Bei dem Wetter würde ich auch lieber an der Elbe oder der Alster hocken“, sagt Nachkram-Ben aus Hamburg. Oder noch besser: „An der Elbe sitzen und ein Alster trinken“, findet Käse-Maxx. Die kennen wohl nicht die Ruhr...

Wurst-Achim ist lauter als ein Brüllaffe

Nur ein paar verstreute Passanten schlendern am Sonntag über den Platz. Das reicht Wurst-Achim schon, um kurz sein lautes Organ in Gang zu setzen. „Leute, ich setz alles auf Rot und hau die Salami raus“, schmettert er über den Platz. Der Händler soll sogar einen Schrei-Wettbewerb gegen einen Brüllaffen gewonnen haben. Seitdem steht Wurst-Achim offiziell als „lautestes Lebewesen der Welt“ im Guinnessbuch der Rekorde.

46 Städte steuert die Gilde der Marktschreier im Jahr an. Witten ist zum zweiten Mal dabei. Im letzten Jahr machte ein fieser Nieselregen den Händlern einen Strich durch die Rechnung. Trotzdem verkauften sich Wurst, Käse und Orchideen besser als diesmal. „Nur Hitze ist noch schlimmer als Regen“, sagt Angie.

Der Ton unter den Händlern ist ruppig

Der Humor ist der Blumenhändlerin trotz fehlender Kundschaft noch nicht vergangen. „Vielleicht sollten wir zu den Dixiklos noch ein paar Duschen stellen“, meint die Bremerin. Sie steht am Stand des „Holländischen Blumenkönigs“ und spricht die wenigen Passanten an, die sich auf den Rathausplatz verirren. Für Angie ist es der erste Besuch in Witten. Sie ist seit zwei Jahren Mitglied der fahrenden Gilde.

„Anfangs hatte ich ein bisschen Schiss vor Wurst-Achim“, gibt Angie zu. Denn wenn die Marktschreier um die Gunst der Kunden buhlen, kann es untereinander ziemlich ruppig zugehen. „Aber wir verstehen uns trotzdem super und gehen hinterher zusammen Bier trinken“, sagt die Hanseatin. In der von Kerlen bestimmten Gilde hat Angie schnell gelernt, ihren Mann – oder besser: ihre Frau – zu stehen.

Blumenhändlerin kann sich in Männerwelt behaupten

Wenn die Händlerin ihr Headset aufsetzt und die weißen und blauen Orchideen anpreist, ist von Schüchternheit keine

Spur. „Angie ist hier doch die Wildeste auf dem Platz“, findet Nachkram-Ben. Er tritt gern in den lautstarken Wettstreit mit seiner Kollegin. Allerdings verzichtet Ben dabei auf ein Headset. „Sonst erschrecken sich die kleinen Kinder so, wenn ich losbrülle“, sagt das Marktschreier-Urgestein. Natürlich kommt postwendend der Konter von Käse-Maxx: „Quatsch, die heulen los, weil sie dein Gesicht sehen.“

Ein paar Tüten mit Süßigkeiten wird Naschkram-Ben am Sonntag trotzdem los. Aber das reicht nicht, um Standgebühr, Fahrtgeld und Übernachtung zu zahlen. „Ich komm im nächsten Jahr nicht mehr nach Witten“, sagt der Händler. „Vielleicht in drei oder vier Jahren nochmal.“ Das findet vor allem Marco ziemlich schade. Der Junge ist der größte Fan von Bens Süßigkeiten-Stand. Vier Euro hat er schon zusammengekratzt und für Energydrinks ausgegeben. „Im nächsten Jahr komm ich mit 50 Euro wieder und kauf die ganze Palette“, versucht Marco den Händler doch noch umzustimmen. Mal sehen, ob das hilft.

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