Finanzamt

Heime denken an Schließung ihrer Cafés für Gäste von außen

Vertraute Gesichter im Bistro B der Wittener Boecker-Stiftung: Steffi Schreiner (li.) und Mona Bosold gehören zum Personal der ersten Stunde. Die eigenständige Altenheim-Gastronomie an der Breite Straße feiert in diesen Tagen Zehnjähriges.

Vertraute Gesichter im Bistro B der Wittener Boecker-Stiftung: Steffi Schreiner (li.) und Mona Bosold gehören zum Personal der ersten Stunde. Die eigenständige Altenheim-Gastronomie an der Breite Straße feiert in diesen Tagen Zehnjähriges.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Bekommen Fremde bald keinen Kaffee mehr im Altenheim? Aus Angst vor dem Finanzamt erwägen Betreiber die Schließung ihrer öffentlichen Cafés.

Montags gibt’s Schnitzel, dienstags hin und wieder Königsberger Klopse, mittwochs Fisch, dazu Salat und Kartoffeln – und das Ganze für 5,90 Euro. Mit den Preisen im Bistro B der Boecker-Stiftung kann kaum ein Restaurant mithalten. Auch Kaffee und Kuchen sind vergleichsweise günstig. Nun geraten die Altenheim-Cafeterien, die entweder gar keinen oder einen oft nur reduzierten Mehrwertsteuersatz entrichten, offenbar unter den Druck der Finanzämter. Ein Betreiber in Essen hat schon angekündigt, die Cafés zumindest für die Öffentlichkeit zu schließen. Die Awo erwägt einen ähnlichen Schritt.

Die Finanzämter zählten die Cafeterien der Altenheime nicht zu deren gemeinnützigen Aufgaben, sondern zu einem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb, wenn diese öffentlich zugänglich sind, so die Awo. Daraus ergebe sich für die Behörden der Schluss: Auch Heim-Cafeterien müssten je nach Angebot den vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zahlen. Was sie bisher oft aber nicht tun. Quersubventionierungen wegen eines möglichen Minus in der Café-Kasse dürfe es ebenfalls nicht mehr geben. Die Konsequenz aus alldem wären laut Awo höhere Preise, die die Bewohner oft aber gar nicht tragen könnten.

Awo Westliches Westfalen: Auch wir sind betroffen und müssen reagieren

„Auch wir sind betroffen und müssen reagieren“, sagt Katrin Mormann, Sprecherin des großen Awo-Bezirks Westliches Westfalen, der unter anderem für die zwei Seniorenzentren in Witten zuständig ist. Die Cafeterien seien für die Bewohner und deren Besucher wichtige Orte der Begegnung. Es sei aber denkbar, sie wegen der oben geschilderten Problematik für externe Gäste schließen zu müssen. Was wiederum mit dem Quartiersgedanken schwer zu vereinbaren sei. Mormann: „Für uns ist es wichtig, dass unsere Einrichtungen in der Nachbarschaft als offene Häuser wahrgenommen und genutzt werden.“

Ob fremde Besucher künftig draußen bleiben müssen, ist an der Egge und der Kreisstraße noch nicht klar. Sie haben zwar nicht den öffentlichen Charakter wie etwa das Bistro B der Boecker Stiftung an der Breite Straße. „Unsere Cafeteria ist für Angehörige und Bewohner da“, sagt Monika Pytlik, die das Haus an der Kreisstraße leitet. Aber natürlich können auch Gäste dort Kaffee trinken. Pytlik will die Bewertung des Bezirksverbandes abwarten. „Dann sehen wir, wie wir damit umgehen. Ich weiß noch nicht, ob es Konsequenzen gibt.“ Dass es eine Quersubventionierung gibt, räumt die Heimleiterin ein. „Die Preise müssen für unsere Bewohner entsprechend niedrig sein, weil sie nicht die Preise zahlen können wie auswärts.“

Bistro B der Wittener Boecker Stiftung ist eine eigenständige Gastronomie

Keinen Handlungsbedarf sieht der Heimleiter von St. Josef in Annen, Klaus-Dieter Bartke. „Wir rechnen die Umsatzsteuer ab“, sagt er. Das müsse man, weil es die entsprechenden Einnahmen gebe. Eine Prüfungsgesellschaft kümmere sich darum. Die Preise im Café seien natürlich niedriger als anderswo.

Für das Bistro B der Boecker-Stiftung wird sich nichts ändern. „Es ist ein eigenes Unternehmen“, sagt Altenheim-Geschäftsführer Michael Schillberg. Das Bistro werde wie eine öffentliche Gastronomie von der Stiftung betrieben, die Heime seien eine eigene GmbH. Schillberg: „Wir führen von jedem Mittagsgericht und jedem Stück Kuchen 19 Prozent Mehrwertsteuer ab“ – wie jedes andere private Lokal auch. Schillberg: „Sobald sie nach außen verkaufen, wird die Mehrwertsteuer fällig.“ Um zusätzliche Einnahmen gehe es nicht. „Wir sind ein Ort der Begegnung und wollen auch, dass die Wittener Bürger mitkriegen, was wir hier tun.“

Am Mittwoch (14.8.) gibt’s im Bistro B Seelachsfilet mit Limettensoße. Danach bekommt jeder Gast kostenlos ein Dessert oder ein Stück Kuchen. Zum Zehnjährigen. Die Besucher lassen es sich schmecken. Ans Finanzamt denkt hier gerade keiner.

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