Stolperstein

Künstler Gunther Demnig verlegt 100. Stolperstein in Witten

Viola Rusidovic, Schülerin der Hardensteinschule, legt eine helle Rose auf den neu verlegten Stolperstein in der Gerberstraße in Witten-Herbede.

Viola Rusidovic, Schülerin der Hardensteinschule, legt eine helle Rose auf den neu verlegten Stolperstein in der Gerberstraße in Witten-Herbede.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  90 Stolpersteine lagen schon, am Dienstag sind 18 hinzugekommen. Die Platten erinnern an Wittener Nazi-Opfer und ihre schrecklichen Schicksale.

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Mit Hammer und Kelle ist Künstler Gunter Demnig schon durch 26 europäische Länder gereist. Der 72-Jährige verlegt Stolpersteine und erinnert damit an die Opfer des Nationalsozialismus. Jetzt hat er in Herbede und der Wittener Innenstadt 18 neue Steine eigenhändig in den Boden geschlagen, darunter den 100. in der Ruhrstadt.

Zwei der goldschimmernden Messingplatten liegen jetzt am Anfang der Gerberstraße in Herbede. Dort lebten einst die Rosenbergs. Die Hardensteinschüler Elias Karouki und Finn Glass (beide 17) stellen kurz die Geschichte der Bewohner vor, an die die Steine erinnern.

„Hier wohnte Siegfried Rosenberg“ steht auf einem Stein, auf dem anderen ist der Name Selma Rosenberg zu lesen. Ihr Haus gibt’s heute nicht mehr. Die Rosenbergs betrieben einst Viehhandel, bis sie aufgrund der „Entrechtungspolitik“ der Nazis Haus und Grund verkaufen mussten.

Sie zogen vorübergehend nach Dortmund. Von dort wurden sie am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Siegfried Rosenberg starb dort, seine Frau Selma verschleppten die Nazis weiter ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Zwei Monate später, am 1. Oktober 1944, wurde sie dort im Alter von 54 Jahren ermordet.

Fotos bringen Schülern Schicksale der ermordeten Bewohner näher

Das Schicksal der Rosenbergs ist eines von vielen, mit denen sich Schüler wie Elias in einem Workshop in den Herbstferien beschäftigt haben. Sie besuchten das Stadtarchiv, beteiligt waren auch Schüler von Holzkamp und Ruhr-Gymnasium. „Besonders nah hat es sich angefühlt, als ich die Bilder von dem Haus gesehen habe, in dem die Rosenbergs lebten. Und auch Fotos der Ermordeten sah.“ In die Geschichte einzutauchen, sei interessant, aber auch schrecklich gewesen, sagt der 17-Jährige.

Von der Gerberstraße, in der sieben Stolpersteine verlegt werden, geht es weiter zur Steinstraße in der Wittener Innenstadt. Dort verlegt Demnig unter anderem den Stolperstein von Theodor Katz.

Laut Zeitzeugen wurde er in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in seiner Wohnung in der Steinstraße 25 von Nazis überfallen. Sie jagten ihn zum Humboldtplatz und wollten Katz auf einem Scheiterhaufen verbrennen. Ein Polizist soll ihn vor weiteren Misshandlungen gerettet haben.

Im Dezember 1938 musste der Textilwarenhändler sein Geschäft aufgeben und nach Köln ziehen. Von dort wurde er mit seiner Frau zunächst in das Ghetto von Theresienstadt deportiert. Später verschleppte die SS den damals 62-Jährigen nach Auschwitz und ermordeten ihn.

Mehr als Steine, deren Inschrift man sofort wieder vergisst

„Stolpersteine sind nicht einfach nur Steine, die man eventuell beim Spaziergang bemerkt und wo man beim Gehen mal eben drüber liest, aber es danach direkt wieder vergisst“, sagt Jan Schmitt, Zwölftklässler der Holzkampschule. Für ihn symbolisieren die quadratischen Steine eine tiefe Anerkennung der Opfer nationalsozialistischer Verbrechen. „Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung dürfen niemals wieder einen Platz in unserer Gesellschaft haben“, sagt der Schüler.

Es folgen die Luther - und die Galenstraße. Dort erinnern zwei Steine auch an Anna und Paul Möhrke, die als Kommunisten von den Nazi-Schergen getötet wurden.

Bis zur Mittagszeit hat Gunter Demnig den 108. Stein verlegt, der 100. liegt in der Steinstraße. 2014 begann er mit der Aktion in der Ruhrstadt. Im bayerischen Memmingen wird der 72-Jährige bald seinen 75.000 Gedenkstein verlegen. Nicht selten kommt es vor, dass er mit Hammer und Kelle auch ins Ausland fliegt. „Ich versuche immer, vor Ort dabei zu sein“, sagt der Künstler. Er war bestimmt auch nicht zum letzten Mal in Witten.

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