Ruhr-Renaturierung

Ruhr-Renaturierung in Witten-Bommern ist abgeschlossen

Das mit Hilfe einer Drohne aufgenommene Foto zeigt die bei der Renaturierung angelegten Tümpel, die sich jetzt in Witten durch Bommeraner Ruhraue ziehen. Ein neuer Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Das mit Hilfe einer Drohne aufgenommene Foto zeigt die bei der Renaturierung angelegten Tümpel, die sich jetzt in Witten durch Bommeraner Ruhraue ziehen. Ein neuer Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Foto: Büro ViebahnSell

Witten.  Der Natur an der Ruhr soll mehr Raum gegeben werden. In Bommern sind die Renaturierungsarbeiten abgeschlossen. Am Ruhrdeich soll es weitergehen.

Zurück zu mehr Natur, heißt es seit über einem Jahr: Im Juli 2018 wurde der erste Spatenstich zur Renaturierung eines 3,7 Kilometer langen Flussabschnitts am linken Ruhrufer in Wengern und Bommern gesetzt. Bagger haben steinige Uferbefestigungen und Schutt entfernt, die die Ruhr in einen Kanal verwandelt haben, außerdem in der Ruhraue Boden ausgehoben. Dort konnten sich jetzt Tümpel bilden. Ein neuer Lebensraum für Pflanzen und Tiere. In Bommern und Wengern sind die Renaturierungsmaßnahmen an der Ruhr abgeschlossen. In Gedern und auf einem Gelände am Wittener Ruhrdeich sollen sie im neuen Jahr weitergehen.

Die Planung für all dies hat das Bommeraner Büro ViebahnSell übernommen, Experten für Landschaftsplanung, Gewässerentwicklung und Artenschutz. Bauherr ist – im Auftrag des Landes NRW – die Bezirksregierung Arnsberg. Ulrich Detering, dort Dezernent für Wasserwirtschaft: „Wir entfesseln das Ruhrufer, gestalten es wieder natürlich.“ So könnten sich dort wieder artenreiche Lebensräume entwickeln, erläutert der Wasserbau-Ingenieur. Die 50 Hektar große Fläche, auf der in Wengern und in Bommern bis zum Campingplatz Steger Renaturierungsarbeiten durchgeführt wurden, gehört dem Land.

Uferschwalben benötigen zum Brüten hohe Lehmhänge am Flussufer

Schon ab 1780 hätten die Preußen den Lauf der Ruhr generalstabsmäßig geplant, erklärt Diplom-Biologe Michael Sell. „Auch bei uns hat man aus der Ruhr einen Kanal gemacht.“ Uferschwalben benötigen aber zum Beispiel zwei bis drei Meter hohe Lehmhänge, in denen sie brüten können und keine von Menschenhand gemachten Steinaufschüttungen am Ruhrufer.

Auch Eisvögel brauchen lehmige Steilufer. Die Umgestaltungen an der Ruhr hätten den Eisvögeln bereits genutzt, so Sell. „Wir haben im Bommeraner Bereich mittlerweile sechs Paare.“

Links und rechts der Ruhr hätten übrigens einst Auenwälder gestanden, „mit vielen Lichtungen, auf denen Tiere weideten.“ Heute grasen 22 Rinder im Bommeraner Naturschutzgebiet am linken Ruhrufer. „Eine extensive Auennutzung“ nennt das der Biologe. Auch flache Ruhruferbereiche seien wichtig, mit Schotter, den der Fluss jetzt ans Ufer spülen kann, nachdem die massiven Steineinfassungen vom Ufer entfernt wurden. Sell: „Der neue, freie Uferbereich dient Fischen als Kinderstube.“ Zum Beispiel der Barbe. Sell bedauert, dass es von diesem Flussfisch in der hiesigen Ruhr nicht mehr viele Exemplare gibt.

Die Ruhr muss bis 2027 in einen naturnahen Zustand versetzt werden

Hintergrund für die Renaturierungsmaßnahmen ist die sogenannte Europäische Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL). Diese verpflichtet die EU-Staaten, ihre „Oberflächengewässer und Grundwasserkörper“ in einen guten chemischen und ökologischen Zustand zu versetzen. Nach Angaben der Bezirksregierung Arnsberg muss die Ruhr bis 2027 in einem naturnahen Zustand sein.

Damit auch Bürger einen Blick auf die ökologischen Veränderungen werfen können, gibt es aufgeschüttete Aussichtspunkte. Einer steht bereits direkt am Ruhrtalradweg in Wengern, wenige Meter hinter der Stadtgrenze Wetter/Witten – auf Wittener Gebiet. In unmittelbarer Nähe mündet die Elbsche in die Ruhr. Was kaum einer weiß: Die Stadtgrenze läuft mitten durch die Mündung des Baches, sagt Michael Sell. Vom Aussichtshügel aus, hat man einen unverstellten Blick auf die Ruhr, auf das zu Bommern gehörige Naturschutzgebiet, auf die Auenlandschaft rechts und links des Ufers. Das Gebiet, das durch die wechselnden Wasserstände der Ruhr geprägt ist. Ein vielfältiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

„Blänken sind typisch für naturnahe Auen“

Die im Rahmen der Ruhrnaturierung angelegten Tümpel in der Ruhraue, Blänken genannt, werden vom Grund- und vom Ruhrhochwasser gespeist. Sell: „Die Blänken sind typisch für naturnahe Auen.“ Für sie wurden Flächen ausgebaggert. „Dabei haben wir uns an historischen Karten orientiert.“

Im neuen Jahr sollen Renaturierungsmaßnahmen rechtsseitig der Ruhr in Witten-Gedern und auf einer Fläche am Ruhrdeich im Bereich zwischen der Nachtigall-Brücke und dem Mühlengraben. Auch hier soll die Ruhr von ihrem angelegten Steinufer befreit werden. Projektleiter Jan Stute von der Bezirksregierung Arnsberg: „Die Ruhr wird dann auch zwei Nebenarme bekommen. Das ist gut für die Tier- und Pflanzenwelt.“ Auch hier sollen Uferzonen mit flachem Wasser zu Kinderstuben für Fische werden. Das Land ist Eigentümer der Fläche am Ruhrdeich, Projektpartner für die geplante Maßnahme ist die Bezirksregierung Düsseldorf.

Gasleitung der AVU in der Ruhraue wurde schon tiefergelegt

Bei den geplanten Arbeiten an der Ruhr im Bereich Gedern sind die Wittener Stadtwerke Projektpartner. Dort soll die Ruhr zwischen dem Tierheim und dem Haus Mallinckrodt ab Juli 2020 renaturiert werden. In Gedern ist auch ein zweiter Aussichtspunkt geplant, der Interessierten einen Blick über die dortige Ruhraue ermöglichen soll. Bislang lief dort eine riesige Gasleitung der AVU quer durch die Ruhraue. Michael Sell: „Die Leitung hat den Fluss eingeengt und wurde deswegen bereits tiefergelegt.“

Ulrich Detering von der Bezirksregierung: „Wir würden mit diesen Maßnahmen gerne im Frühjahr 2020 starten, wenn es bis dahin Geld dafür gibt.“ Bislang sei die Finanzierung noch nicht gesichert. Bislang hat das Land bereits 2,7 Millionen Euro für die Renaturierungsmaßnahmen an der Ruhr im Bereich Wetter-Witten ausgegeben.

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