Hongkong

Witten: Auslandssemester in Hongkong wird zum Abenteuer

Ganz schön groß: Jonas Grunau (22) steht vor dem Hauptgebäude der „Hong Kong Baptist University“ in Hongkong.

Ganz schön groß: Jonas Grunau (22) steht vor dem Hauptgebäude der „Hong Kong Baptist University“ in Hongkong.

Foto: Jonas Grunau

Witten.  Vermummte Menschen und Straßenblockaden: Jonas Grunau, der in Witten studiert, hat sich ein heißes Pflaster für ein Auslandssemester ausgesucht.

Vermummte Menschen, Straßenblockaden und massive Polizeipräsenz: All das bekommt Jonas Grunau gerade hautnah in Hongkong mit. Er macht ein Auslandssemester an der „Hong Kong Baptist University“. Die Proteste gegen die Regierung, die die meisten Deutschen nur aus den Medien kennen, sind für den 22-Jährigen ein Stück Alltag geworden.

Der gebürtige Bonner entschied sich für die ehemalige britische Kronkolonie, da ihn die Geschichte der Stadt interessiert. „Besonders das Verhältnis Hongkongs zu China finde ich interessant“, sagt der Student. Dass es so spannungsgeladen sein würde und er das hautnah mitbekäme, hat er bei seiner Wahl nicht ahnen können. Jonas studiert normalerweise in Witten im fünften Semester Wirtschaft. Für den Auslandsaufenthalt entschied er sich freiwillig.

Demonstranten mit Masken stürmten in die U-Bahn-Station

Nie vergessen wird er den 31. August, als wieder tausende Menschen in Hongkong auf die Straßen gingen. Jonas war an diesem Tag im Stadtteil Mongkok unterwegs. Er wollte mit der U-Bahn zurück zum Studentenwohnheim fahren. „Auf einmal stürmten 20 Leute mit Masken in die Station. Wahrscheinlich waren das Protestler, die vor der Polizei geflohen sind. Das war ein richtiger Schreckmoment“, sagt der Austauschstudent. Er hatte Glück. Nur eine Haltestelle weiter gab es größere Ausschreitungen mit Festnahmen und Pfefferspray.

Nach der Besetzung von Universitäten durch Studenten entschieden sich mehrere Unis, die Vorlesungen zu beenden – wie am 14. November auch die Hochschule von Jonas. „Den anderen Austauschstudenten wurde geraten, ihre Sachen zu packen und das Land zu verlassen, da die Sicherheitslage unklar war“, sagt der Studierende aus Witten. „Ich habe zu dem Zeitpunkt im Hostel geschlafen, weil meine Freundin zu Besuch war.“

Wittener Student entschied sich gegen die vorzeitige Abreise aus Hongkong

Einen Tag später ging er zur Uni, um seine Sachen abzuholen. Die Straßen um das Campusgelände waren mit Steinen versperrt. „Auf dem Campus befanden sich viele Demonstranten, die sich mit Lebensmitteln und Kleidung ausgestattet haben“, erzählt Jonas. Obwohl die Baptist University davor gewarnt hatte, weiterhin in der Stadt zu bleiben, stellte ihm die Uni Witten frei, ob er zurückreist. Jonas entschied sich, in Hongkong zu bleiben.

Aus Neugierde ging er am 1. Dezember mit Freunden, die aus Deutschland zu Besuch kamen, zu einer erlaubten Demo. Jonas und seine Freunde standen nur am Rande. Sie wollten sich nicht einmischen. Dann entzog die Polizei dem Protestmarsch die Genehmigung. „Wir sahen, wie die Polizisten eine blaue Flagge hochhielten. Das heißt, dass die Veranstaltung aufgelöst werden musste. Kurz darauf rannten die Polizisten auf die Demonstranten zu“, sagt Jonas. Ihm und seinen Freunden passierte nichts. Sie verspürten allerdings ein Brennen in der Nase – die Polizei setzte Tränengas ein.

Für Studenten aus Witten waren auch Kultur und Klima anfangs ungewohnt

Von den Protesten einmal abgesehen, waren die ersten Wochen in Fernost auch so ungewohnt für den jungen Mann. Die Kultur, das Essen, das Klima – alles ist anders. Temperaturen über 30 Grad und schwüles Wetter sind in Hongkong nicht unüblich. „Daran muss man sich erstmal gewöhnen“, sagt Jonas. Mit der Zeit habe er sich immer weiter an Kultur und Wetter gewöhnt. Das Auslandssemester ist seine erste Reise nach Asien.

Der Kontakt mit Studenten zeigt ihm natürlich deren Sicht auf die Konflikte. Er hat viel mit einer befreundeten Studentin gesprochen, die in Hongkong lebt und gegen Regierungschefin Carrie Lam protestiert. Viele junge Leute vermissten Demokratie, klagten aber auch über andere Dinge, etwa die Wohnsituation, weiß Jonas aus diesen Gesprächen. Die Preise seien hoch, die Zimmer winzig klein. Der Student teilt den Ruf nach mehr Demokratie, sagt aber auch: „Man muss einfach in dem System aufgewachsen sein, um die Situation genau beurteilen zu können.“

Seine Familie sieht Jonas zu Weihnachten noch nicht wieder

Jonas hat auch Menschen kennengelernt, die mehr auf der Seite Chinas stehen. In einem Ca­fé kam er zufällig mit einem Hongkonger mittleren Alters ins Gespräch. „Der Mann fand die Forderung nach mehr Demokratie grundsätzlich zwar gut. Aber er behauptete auch, dass Amerika hinter vielen Gewalttaten stecken würde“, sagt der 22-Jährige.

Seine Eltern, „die natürlich besorgt um mich sind“, müssen sich mit dem Wiedersehen noch ein wenig gedulden. Jonas kehrt Hongkong zwar am 23. Dezember den Rücken, reist dann aber erst noch für einen Monat nach Thailand. Also wird es Weihnachten in der Heimat für ihn nicht geben. Irgendwann im Januar können ihn seine Eltern dann aber wieder in die Arme schließen.



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