Neues Angebot

Wittener Kindertrauerzentrum vergrößert sein Angebot

Im Renovierungs-Chaos: Annette Wagner, pädagogische Leiterin des Kinder- und Jugendtrauerzentrums in Witten, packt gerade Bastel- und Spielutensilien zusammen.

Im Renovierungs-Chaos: Annette Wagner, pädagogische Leiterin des Kinder- und Jugendtrauerzentrums in Witten, packt gerade Bastel- und Spielutensilien zusammen.

Foto: Jürgen Theobald / FUNKE Foto Services

Witten.  Das Kindertrauerzentrum bietet bald eine Gruppe für junge Menschen an, in deren Familie jemand todkrank ist. Und: Das Zentrum bekommt mehr Platz.

Das Zentrum für Kinder- und Jugendtrauerarbeit vergrößert sich. Im nächsten Jahr wird eine neue Gruppe angeboten, die sich an abschiednehmende Kinder richtet. Deshalb erweitert sich das Zentrum auch räumlich. Gerade sind die Handwerker in Aktion. In knapp vier Wochen muss alles fertig sein, denn dann steht die große Eröffnungsfeier an.

Annette Wagner, die pädagogische Leiterin, ist richtig glücklich über das, was sich da tut – auch wenn das für den Moment viel Chaos bedeutet. Das Zentrum bekommt die danebenliegende Wohnung an der Lutherstraße dazu, die die Kreuzgemeinde derzeit renovieren lässt. Knapp 50 m² ist sie groß – und biete so viel mehr Möglichkeiten, freut sich Wagner.

Es gibt dann einen eigenen Kuschelraum

Die alte Kuschelecke zum Beispiel war viel zu eng und zieht“ deshalb bald in einen eigenen Raum. Mit Sofa, vielen Kissen, weichem Teppich. „Dort können wir in Ruhe reden oder Bilderbücher vorlesen“, sagt die 58-Jährige. Total begeistert ist Annette Wagner auch vom Kreativraum mit Werkbank und Küchenzeile.

„Dann müssen wir die Sachen nicht mehr wegräumen, wenn wir sägen oder mit Ton arbeiten, und die Kinder dürfen rumkleckern.“ Der Bodenbelag ist entsprechend robust gewählt: Vinyl in einem warmen Honiggelb. Der Kreativraum ist ein so genanntes non-verbales Angebot „für die, die keine Worte finden“. Wer seinen Gefühlen noch ganz anders freien Lauf lassen will, der geht demnächst in den Emotionsraum.

Aktion Mensch unterstützt das neue Konzept finanziell

Seelsorgerin Annette Wagner nennt ihn auch „Wut- und Toberaum“ – mit weichem Boden, Schaumstoffwürfeln, Bällebad und einem Boxsack. „Die sollen sich da richtig reinschmeißen können.“ Als Alternative zur Kissenschlacht, die sonst gern mal in der Kuschelecke stattfand.

Die zusätzlichen Räume müssen sich die Kinder nicht mit den Erwachsenen teilen, die etwa zum Trauercafé kommen. Dieses ist 2012 ins neu eröffnete Zentrum gezogen und bleibt weiterhin dort. Im alten Gruppenraum finden außerdem in Zukunft Gespräche mit erwachsenen Angehörigen jener Kinder statt, die das neue Angebot nutzen. „Wir wollen unsere Trauerbegleitung systemischer angehen und auf die ganze Familie gucken“, sagt Wagner.

„Kinder werden da stark, wo sie Informationen kriegen“

Bisher habe man sich um Trennungskinder gekümmert und um Kinder, die einen lieben Menschen verloren haben. Kinder oder Jugendliche, in deren Familie gerade ein Mensch stirbt, könne man aber nicht einfach in eine dieser Gruppen stecken. „Die schwanken ja noch zwischen hoffnungsvoll und seelenschwer.“ Doch der Bedarf, auch sie zu betreuen, sei da. „Wir haben schon Anfragen von ambulanten Hospizen bekommen, ob wir sowas machen.“ Denn weder Hospize noch Palliativmediziner vermögen das zu leisten.

„Aber Kinder werden da stark, wo sie Informationen kriegen“, weiß Wagner. Und Kinder, die gerade mitbekommen, dass ein Angehöriger schwer krank ist, haben Fragen: Was bedeutet der Beutel, der bei der Oma am Bett hängt? Warum wird mein Papa so aggressiv, seit er den Tumor hat? „Diese Fragen können sie zuhause meist nicht stellen.“ Zudem erfahren die jungen Menschen im Trauerzentrum Solidarität und können sich austauschen.

Aktion Mensch unterstützt das Zentrum finanziell

Annette Wagner und ihr Team haben die neue Herausforderung angenommen, ein Konzept ausgearbeitet und gleich an die Aktion Mensch geschickt. Mit Erfolg: Drei Jahre Unterstützung sind dem Trauerzentrum wieder sicher. „Das ist wie ein Gütesiegel“, freut sich Annette Wagner. Denn wer dort Geld beantrage, werde auf Herz und Nieren geprüft.

Nun sei es auch möglich, Ehrenamtliche zu qualifizieren, die in der neuen Gruppe zum Einsatz kommen. Fünf Neue machen mit, der 80-stündige Kurs startet am 7. November. Dementsprechend werden sie im Frühjahr mit der Arbeit starten.

Annette Wagner weiß: „Wir sind gut in Gruppenangeboten.“ Sie sagt das selbstbewusst, doch sie stellt auch klar: „Ich will uns nicht notwendig machen.“ Was sie aber auf jeden Fall will: „Dass alle – ob in der Schule oder in der Familie – mit Tod und Trauer umgehen können.“

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