Witten.

Wittener Projekt will pflegende Angehörige unterstützen

Wurden mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2014 ausgezeichnet: die Wittener Pflegewissenschaftlerinnen Prof. Angelika Zegelin (li.) und Tanja Segmüller.Foto:Thomas Nitsche/WAZ-Fotopool

Wurden mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2014 ausgezeichnet: die Wittener Pflegewissenschaftlerinnen Prof. Angelika Zegelin (li.) und Tanja Segmüller.Foto:Thomas Nitsche/WAZ-Fotopool

Foto: WAZ

Witten.   Die Wittener Pflegewissenschaftlerinnen Prof. Angelika Zegelin und Tanja Segmüller machen sich für eine bessere Vernetzung der ambulanten Pflege stark. Damit pflegebedürftige Menschen in den eigenen vier Wänden alt werden können und pflegende Angehörige besser entlastet werden.

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Zuhause alt zu werden – das wünschen sich die meisten. Wie man ambulante Pflege besser organisieren kann, damit Menschen im Alter auch wirklich möglichst lange in den eigenen vier Wände leben können, damit beschäftigen sich Professorin Angelika Zegelin und Tanja Segmüller von der Uni Witten/Herdecke. Die Pflegewissenschaftlerinnen wurden hierfür jetzt mit dem Agnes-Karll-Pflegepreis 2014 ausgezeichnet, der vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe Nordwest und der Fachzeitschrift „Die Schwester. Der Pfleger“ verliehen wird.

Rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden in Deutschland zu Hause betreut, die meisten allein von Angehörigen, ein kleinerer Teil mit Hilfe von zusätzlichen ambulanten Pflegekräften oder ausschließlich durch ambulante Pflegedienste. Zegelin und Segmüller wissen, dass sich viele Angehörige bis zur eigenen totalen Erschöpfung um den zu Pflegenden kümmern.

Wie dies durch eine bessere Vernetzung ambulanter Hilfen verhindert werden kann, damit haben sie sich in ihrem Projekt „Quartiersnahe Unterstützung pflegender Angehöriger“ befasst. Die Wissenschaftlerinnen haben Anbieter von ambulanter Pflege an einen Tisch gebeten, einmal im sauerländischen Altena, einen zweiten „Pflege-Tisch“ gibt es zusammen für die Städte Wülfrath und Heiligenhaus. Pflegedienste, Anbieter von Tagespflege, Beratungsstellen, Hausnotruf-Dienste und Ehrenamtler kommen hier – bis zum Projektende im Sommer 2015 – mehrmals jährlich zusammen.

„Die meisten, die sich überfordert fühlen, glauben, es gehe nur ihnen so“

Prof. Angelika Zegelin ist es wichtig, dass sich die Pflege-Anbieter nicht nur als Konkurrenz betrachten, „weil es für alle genug zu tun gibt“. Vielmehr sollten sie darüber nachdenken, wie man in einer Stadt gemeinsam etwa abendliche oder nächtliche Pflege, wie auch Wochenend-Dienste organisieren kann. Tanja Segmüller: „Wenn es die Politik mit ihrer Ansage ,ambulant vor stationär’ ernst meint, müssen die Strukturen verbessert werden.“

Zusätzlich haben Zegelin und Segmüller für die drei Städte Gesprächsgruppen pflegender Angehöriger gegründet. „Die meisten, die sich überfordert fühlen, glauben, es gehe nur ihnen so. Hier merken sie, damit bin ich nicht alleine.“ In den Gruppen könne man nicht nur über die eigene Lebenssituation sprechen. „Hier tauscht man sich auch über Erfahrungen mit Ärzten, Kliniken oder Medikamenten aus.“ Die Wittenerinnen lassen sich von den Angehörigen berichten, was aus ihrer Sicht in der Pflege verbessert werden muss, was ihnen fehlt. Deren Anregungen geben sie an die beiden runden Tische der Hilfe-Anbieter weiter.

„Die Pflege hat hierzulande noch kein politisches Gewicht“

Der wichtigste Wunsch pflegender Angehöriger sei eine stundenweise Entlastung „durch vertrauenswürdige Menschen“, weiß Professorin Angelika Zegelin, selbst gelernte Krankenschwester. Hierbei seien ehrenamtliche Kräfte unverzichtbar. „Alles nur von Profis erledigen zu lassen, ist für die Menschen nicht bezahlbar.“ Daher müsse jeder wissen, „auch wenn er noch gesund ist“, wie wichtig auch private Netzwerke seien. Vor allem aber dürfe in Familien, wie oft üblich, nicht erst über das Thema Pflege gesprochen werden, wenn der Ernstfall eingetreten sei. Zegelin: „Sonst wird dann unter Zeitdruck die schnellstmögliche und nicht die beste Lösung gesucht. Wir bringen Leute zusammen.“

Die Pflege habe hierzulande noch kein politisches Gewicht, obwohl bundesweit Millionen Menschen betroffen seien. Dies müsse sich ändern. Die Wünsche der Pflegewissenschaftlerin: „Eine Art Müttergenesungswerk für pflegende Angehörige, außerdem brauchen wir ein eigenes Pflegeministerium.“

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