Mobilfunk-Ausbau

5G-Ausbau: Firmen empfinden Netzabdeckung als unzureichend

Der schwedische Mobilfunkausrüster Ericsson sieht sich in der Lage, Europa mit genügend 5G-Funkeinheiten zu versorgen, um die Netze für die fünfte Mobilfunkgeneration aufzubauen.

Der schwedische Mobilfunkausrüster Ericsson sieht sich in der Lage, Europa mit genügend 5G-Funkeinheiten zu versorgen, um die Netze für die fünfte Mobilfunkgeneration aufzubauen.

Foto: Boris Roessler / dpa

Siegen-Wittgenstein/Olpe.  IHK-Umfrage zeigt, dass sich Wirtschaftsvertreter in Siegen-Wittgenstein bei der Netzabdeckung abgehängt fühlen. Die Frage nach 5G sei ein Hohn.

Mehr als drei Viertel der heimischen Unternehmen halten den Ausbau der neuen Mobilfunktechnologie 5G für bedeutend, um die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu sichern. Die mit Abstand meisten Betriebe – 68 Prozent – sehen den größten Nutzen der 5G-Technologie darin, dass das mobile Internet leistungsfähiger wird. Aber auch die Beschleunigung von Arbeits- und Produktionsprozessen (48 Prozent) und die Vernetzung von Menschen und Geräten (41 Prozent) werden als wichtige Mehrwerte gesehen. Das zeigen die Ergebnisse einer Blitzumfrage der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK), an der sich 702 Betriebe aus den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe beteiligten.

Wirtschaft setzt große Hoffnungen auf den neuen Mobilfunkstandard

IHK-Präsident Felix G. Hensel: „Die große Beteiligung der Betriebe verdeutlicht, welchen Stellenwert das Thema in den Top-Etagen der heimischen Wirtschaft mittlerweile einnimmt. Hier geht es nicht um Zukunftsmusik, sondern um eine technologische Entwicklung, bei der Deutschland nach Auffassung sehr vieler in der Wirtschaft den Anschluss nicht verlieren darf.“ Die Rückmeldungen zeigten, dass die Wirtschaft große Hoffnungen auf den neuen Mobilfunkstandard setze. Schnell wachsende Datenmengen und immer anspruchsvollere Anwendungen machten den raschen Ausbau wünschenswert. Außerdem wird ein gravierender Vorteil von 5G darin gesehen, dass er neue disruptive Technologien ermöglicht. Felix G. Hensel: „Wer hier schläft, entzieht sich selbst die Grundlage für Innovationen.“

Auffällig sind in diesem Zusammenhang die Bewertungen des bestehenden Mobilfunknetzes durch die Wirtschaft. „Nicht wenige Unternehmen empfanden unsere Fragen zu 5G angesichts der zahlreichen bestehenden Mobilfunklöcher geradezu als Hohn. Die Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Aus Sicht etlicher Unternehmen befindet sich der ländliche Raum in Sachen Netzabdeckung in der informationstechnischen Steinzeit“, verdeutlicht IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener. Entsprechend deutlich fallen einige Rückmeldungen aus: „Wir befassen uns mal wieder mit Träumen, statt eine dringend benötigte Grundversorgung zu gewährleisten. Es kann nicht sein, dass im Jahr 2019 Telefongespräche auf dem Weg von Olpe nach Dortmund oder im Ruhrgebiet ständig durch Funklöcher unterbrochen werden“, lautete die Antwort eines Unternehmers. Ein anderer meinte: „Deutschland ist bereits jetzt abgeschlagen und vielen anderen Nationen unterlegen. Die verbreiteten Funklöcher sind ärgerlich und lästig!“

Unternehmen befürchten Sicherheitsrisiken

Der Grund für die Verärgerung spiegelt sich auch in den Umfragewerten wider: Mehr als 43 Prozent der Unternehmen bewerten die Mobilfunkabdeckung in der Region als „schlecht“ oder „sehr schlecht“. Gerade einmal 20 Prozent halten die Abdeckung für „sehr gut“ oder „gut“. Mit einiger Sorge betrachten die heimischen Unternehmen mögliche Sicherheitsrisiken im Bereich der Spionage und der Sabotage. 41 Prozent der Betriebe sind der Meinung, dass sich diese Risiken durch den Ausbau des Mobilfunkstandards 5G erhöhen werden. 34 Prozent sehen diese Gefahr nicht. Auffällig: Ein Viertel der befragten Unternehmen ließ diese Frage unbeantwortet. Einige Rückmeldungen lassen auf den Grund hierfür schließen: „Offenbar sind die technischen Zusammenhänge derart komplex, dass viele Firmen sich nicht in der Lage sehen, eine objektive und begründete Bewertung in diesem sehr speziellen Themenfeld vorzunehmen“, erklärt Stephan Häger, Statistikexperte der IHK Siegen.

Die Diskussion über 5G wurde in den vergangenen Monaten durch die Frage dominiert, ob chinesische Netzausrüster aus den genannten Sicherheitsbedenken beim 5G-Ausbau ausgeschlossen werden sollen oder nicht. Zwar wird diese Frage von einer Mehrheit (51 Prozent) der Unternehmen bejaht, während lediglich 29 Prozent der Auffassung sind, chinesische Unternehmen sollten nicht ausgeschlossen werden. Allerdings ist ein relativ hoher Anteil der Befragten, nämlich ein Fünftel, bei diesem Thema offenbar unentschlossen. Vielen Betrieben fiel offenbar auch hier eine Beurteilung sehr schwer. Klaus Gräbener: „Einerseits begründet das tiefe Misstrauen gegenüber der chinesischen Politik offenbar sehr häufig die Sorge, in eine einseitige Abhängigkeit zu geraten. Andererseits herrscht zugleich die Überzeugung, dass gerade die stark exportabhängigen deutschen Unternehmen an offenen Marktzugängen ein vitales Interesse haben. Wer nach China liefern will, zugleich aber chinesische Firmen vom deutschen Markt fernhält, geht Risiken ein, die ihm zumindest bewusst sein sollten.“

Große Vorbehalte gegenüber chinesischen Anbietern

In den Antworten werde vereinzelt auch auf zurückliegende Spionagetätigkeiten oder Datenmissbrauch von Unternehmen aus anderen Ländern verwiesen, was einen Ausschluss allein nach Nationalität wenig zielführend erscheinen lasse. Dennoch mache es nachdenklich, dass über die Hälfte der antwortenden Unternehmen den Ausschluss chinesischer Unternehmen beim 5G-Ausbau favorisiere. Klaus Gräbener: „Die Befürchtungen sind evident. Sollte sich die Bundesregierung dennoch dafür entscheiden, die Ausschreibungen auch für chinesische Anbieter zu öffnen, müssen die Sicherheitsanforderungen so hoch wie irgend möglich gesetzt werden, um den erheblichen Vorbehalten in der Wirtschaft Rechnung zu tragen.“ Wie schwierig sich dies im Detail gestalten dürfte, habe Bundeskanzlerin Angela Merkel in der vergangenen Woche bei einer Rede vor der Vollversammlung des DIHK in Berlin verdeutlicht.

Die IHK Siegen fragte auch nach möglichen Auswirkungen eines Ausschlusses chinesischer Netzausrüster. 30 Prozent der befragten heimischen Betriebe erwarten demnach, dass ein solcher Ausschluss den 5G-Ausbau verteuern wird. Fast ebenso viele (28 Prozent) gehen davon aus, dass sich der Netzausbau hierdurch verzögern würde. Ein Fünftel der Befragten ist der Auffassung, ein Ausschluss werde sich nicht auswirken. Auch bei dieser Frage gibt es einen hohen Anteil an Unternehmen, die keine Antwort gaben (23 Prozent).

Felix G. Hensel: „Die Umfrage zeigt, dass das Vertrauen der Wirtschaft in einen zeitnahen 5G-Ausbau angesichts des Schweizer Käses an Mobilfunklöchern gelinde gesagt ‚ausbaufähig‘ ist. Hier steht Resignation vor Hoffnung. Hinzu kommt, dass auch in der Wirtschaft das Thema 5G von Sicherheitsbedenken überschattet wird, die viele in den Unternehmen allerdings nicht greifen können. Hier sind in erster Linie die Politik und die Fachleute aus Telekommunikationsunternehmen gefordert, Aufklärungsarbeit zu leisten, damit das Feld nicht einer überhitzten öffentlichen Diskussion in den einschlägigen Talk-Shows überlassen wird.“

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