Altes Handwerk

Altes Handwerk: Die spinnen in Alertshausen!

Sandra Weller, Ingeborg Müller, Christa Womelsdorf, Wilhelmine Husch,  Anke Althaus-Aderhold und Inge Belz (von links) treffen sich regelmäßig zur Spinnstube.

Foto: Irmtraud Treude

Sandra Weller, Ingeborg Müller, Christa Womelsdorf, Wilhelmine Husch, Anke Althaus-Aderhold und Inge Belz (von links) treffen sich regelmäßig zur Spinnstube. Foto: Irmtraud Treude

Alertshausen.   Die Spinnen in Alertshausen – und zwar an jedem zweiten Dienstagabend im Monat.

Die Spinnen in Alertshausen – und zwar an jedem zweiten Dienstagabend im Monat. Wilhelmine Husch, Christa Womelsdorf, Ingeborg Müller und Anke Althaus-Aderhold aus Alertshausen, Sandra Weller aus Wunderthausen und Inge Belz aus Laisa treffen sich regelmäßig zur Spinnstube bei Huschs in Alertshausen. Wichtigste Utensilien für diese Abende – Wollvlies und natürlich die Spinnräder.

Handarbeiten und kreatives Gestalten waren schon immer eines der Hobbys von Wilhelmine Husch. Sie gehört dem Alertshäuser Strickclub an und Stricken und Handarbeiten stehen bei ihr hoch im Kurs. „Natürlich möchte man gerne auch einmal etwas Neues ausprobieren“, erzählt sie. „Das Spinnen hat mich schon immer interessiert. Früher saßen ja in den Wintermonaten die Mütter und Großmütter zusammen und es wurde entweder gesponnen oder es wurde gestrickt.“ Ihre Tante Christa Womelsdorf kann spinnen. Ihr hat sie oft zugeschaut und die ersten Handgriffe erklären lassen. „Später habe ich mir immer wieder hier und da etwas abgeguckt und so dazugelernt.“

Lieblingsspinnrad von 1860

Das erste Spinnrad hat sie sich von Oliver Junker-Matthes ausgeliehen. Dann bekam sie zu einem Geburtstag ein ganz besonderes Geschenk - ein Spinnrad. Ihr Lieblingsspinnrad wurde 1860 gebaut und versieht wieder neu seinen Dienst in der Runde. Allerdings hat Wilhelmine auch einen handwerklich begabten Mann, der so manchem alten Spinn-Schätzen im wahrsten Sinne des Wortes wieder den rechten Schwung verleiht.

Sandra Weller und Wilhelmine Husch spinnen schon länger zusammen. Oft war auch „Tante Christa“ mit dabei. Dann gesellte sich Anke Althaus-Aderhold dazu, die bereits seit längerer Zeit spinnt und gleich mehrere Spinnräder besitzt. Ingeborg Müller aus Alertshausen hatte bereits ebenfalls ein altes Hobby – sie klöppelt. Die Begeisterung zum Spinnen kam bei ihr ebenfalls auf und sie gesellte sich mit zur Runde. Irgendwann ergab es sich dann, dass sich die Frauen regelmäßig im Zwei-Wochen-Rhythmus treffen. Als „Jung-Spinnerin“ kam dann noch Inge Belz aus Laisa dazu. Sie hatte Wilhelmine und Sandra auf einem Kräutermarkt im Hessen gesehen. Die Vorführung hatte ihr so gut gefallen, dass sie spontan den Entschluss fasste, ebenfalls das Spinnen zu erlernen.

Fast alles Handarbeit

Fast alles wird in Handarbeit gefertigt – im Prinzip von der Wolle der eigenen Schafe bis zu fertig gestrickten Jacken, Pullovern oder Socken. Eine kleine Erleichterung verschaffen sich die Damen dabei doch. Die geschorene Wolle wird zum Waschen und weiteren Aufbereiten in die Hallenberger Mühle gebracht. Dort kann das gesäuberte und aufbereitete Vlies abgeholt werden und dann wird es versponnen.

Je nach Schafrasse ist natürlich auch die geschorene Schafwolle von ganz unterschiedlicher Struktur. Das ist ganz deutlich am recht unterschiedlichen Inhalt der bereitstehenden Säcke mit Vlies zu sehen. Bei den Naturtönen reicht die Palette von ganz hellem Beige bis zum tiefdunklen Braun.

„Eigentlich ist Spinnen gar nicht so schwer“

„Eigentlich ist Spinnen gar nicht so schwer“, meinen die Damen. „Man muss zuerst, wie bei allem, was man erlernt, einmal etwas üben und mit der Zeit hat man den Dreh raus.“ „Wichtig ist, dass man schaut in welche Richtung das Vlies verläuft“. Anfangs spinnt man zunächst dickere Fäden, später dann immer dünnere. „Inzwischen ist es für uns manchmal schwierig, dicke Wolle zu spinnen“, erzählen Wilhelmine und Anke, „automatisch spinnen wir dünne Fäden.“ Doch je nach späterem Verwendungszweck wird natürlich auch dickere Wolle benötigt.

Nach dem Spinnen wird die dünnere Wolle oft verzwirnt. Dadurch entstehen entweder interessante Farbverläufe in hell-dunkel oder man erzeugt dadurch einen dickeren „gedrehten“ Faden in nur einer Farbe. Zum Herstellen von „Zwirnwolle“ werden zwei oder mehrere Fäden feiner gesponnener Wolle im Spinnrad zusammengeführt. Das Spinnrad verdreht die Fäden miteinander und die gezwirnte Wolle entsteht.

Verzwirntes Garn und Dochtwolle

Dick gesponnene Fäden müssen nicht unbedingt verzwirnt werden – das ergibt die sogenannte Dochtwolle. Ob verzwirntes Garn oder Dochtwolle – eines habe alle Sorten gemeinsam – sie müssen anschließend gehaspelt werden, damit es sich nicht verdreht (wie beim Herstellen einer Kordel).

Dazu wird das Garn auf den Haspel gedreht, danach angefeuchtet und im gespannten Zustand trocknen lassen. Eventuell muss das Ganze noch einmal wiederholt werden. Danach kann das Garn abgenommen und zu Stränge gedreht werden. Oder man wickelt es direkt zum Knäuel auf.

Danach kann das Garn ganz nach Lust und Laune weiterverarbeitet werden. Wilhelmine hat z. B. eine wunderschöne (natürlich selbstgestrickte) Strickjacke parat, die aus beige-braunem Garn gestrickt wurde. „Die habe ich meistens beim Schauspinnen auf den Märkten an. Die sieht schön aus und hält toll warm.“ Anke Althaus-Aderhold hat eine (natürlich ebenfalls selbst gestrickte) „Ostereier-Jacke“ an. Im ursprünglich hellbeigen Garn sind lauter bunte Tupfen in gelb, orange, rot, blau, grün und lila. Das Geheimnis der bunten Tupfen ist ganz schnell geklärt „ich habe die Wollstränge mit Ostereierfarbe bunt betupft“. Eine ganz interessante Art Wolle zu färben. Das Ergebnis kann sich auf jeden Fall sehen lassen.

Fertigkeiten für die Zukunft erhalten

Das gemeinsame Spinnen und Ideen austauschen ist zum festen Monatsritual für die fleißigen Spinnerinnen geworden. „Wenn ich besser spinnen kann, möchte ich in Laisa auch gerne noch weiteren Frauen das Spinnen wieder beibringen“ erzählt Inge Belz. „Aber ich muss noch ziemlich viel Üben.“ „Das Handwerk liegt uns sehr am Herzen“, bestätigt auch Ingeborg Müller. Für alle sechs Frauen ist aber ganz besonders wichtig, das die alten und oft inzwischen vergessenen Handwerke wieder belebt und weitergegeben werden müssen, damit sie auch in Zukunft erhalten bleiben.

Das Spinnen klappt bei der Alertshäuser Runde eigentlich schon wie von selbst. Das sieht man auch ganz deutlich daran, dass man zuhören, diskutieren und gleichzeitig spinnen kann. Und Christa Womelsdorf kann auch noch ein altes Gedicht passend zur Spinnstube beitragen:

Lichtmess – Spenn vergessda heckt de Küh,da leht de Sü,da hot de Fra em Haus ze düh.Da huckelt de Moggeda vageht da Fra da Spennrogge.

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