Missbrauchsprozess

Missbrauchsvorwürfe: Aussagen belasten Bad Laaspher (64)

Ansicht des Siegener Landgerichts.

Ansicht des Siegener Landgerichts.

Foto: Hendrik Schulz / WP

Bad Laasphe/Siegen.  Ein Bad Laaspher soll in insgesamt 56 Fällen seine Nichten sexuell missbraucht haben. Der Prozess geht in die fünfte Runde.

Viele Fragen bleiben auch am fünften Verhandlungstag gegen den 64 Jahre alten Mann aus Bad Laasphe offen, der in insgesamt 56 Fällen seine minderjährigen Nichten sexuell missbraucht haben soll. Schon zwei Jahre vor der Offenbarung der beiden Mädchen gegenüber ihrer Mutter hat die ältere Schwester zwei Zeugen im Vertrauen ihre Geschichte erzählt. Das berichten zumindest ihr damaliger Freund und ihre beste Freundin. Beiden hat sie den Onkel als Verantwortlichen genannt und einige wenige Einzelheiten erwähnt, unter anderem den Urlaub auf Rhodos, wo sie „immer nackt herumlaufen musste“.

Aussage der Freundin

„Wir sind wie Schwestern, wir können uns alles sagen“, erklärt die Freundin (29), trotzdem sei es der mutmaßlich Geschädigten nicht leicht gefallen, über die Geschehnisse zu sprechen. Sie selbst sei die Erste gewesen, die davon erfahren habe, später auch der Freund. Beide Zeugen haben das Mädchen damals für glaubhaft gehalten. Für den Ex-Freund, der immer noch ein enges Verhältnis zur Familie hat, war die Geschichte „völlig schlüssig“. Viele bis dahin ungewöhnliche Verhaltensweisen seiner Partnerin seien ihm danach erklärbarer vorgekommen.

Den Angeklagten haben die Befragten vor der Verhandlung nicht persönlich gekannt. Die Polizei sei damals kein Thema gewesen. „Sie wollte die Familie nicht kaputtmachen“, sagt die Freundin. „Sie wusste, wie sehr ihre Mutter an ihrem Bruder hängt“, so der Ex-Freund auf die Frage, warum seine damalige Gefährtin nicht an eine Anzeige gedacht habe. Beide haben sie bewusst nicht unter Druck setzen wollen. Die mutmaßlich Geschädigte habe sie gebeten zu schweigen – sie wollte es „bis 30 ihren Eltern selbst gesagt haben“. Von den anderen Geschwistern sei auch mit einer gewissen Besorgnis die Rede gewesen. „Sie hat aber gemeint, die wären doch hoffentlich viel zu jung gewesen“, erinnern sich die Zeugen.

Aussage der Schwester

Am Dienstagmorgen hat die Kammer zunächst die älteste Schwester des Angeklagten vernommen, die im Münsterland lebt. Die 65-Jährige brachte im Frühjahr 2018 nach dem Tod der Eltern die Dinge insofern „ins Rollen“, als sie sich im Gespräch mit ihren beiden Schwestern noch einmal an einen Vorfall Anfang der 2000er-Jahre erinnerte. Da hatte sie ihren Bruder im Zimmer der ältesten Nichte angetroffen, „leger auf dem Bett liegend. Für mich war das nicht in Ordnung!“ Anlass sei das erste Treffen der vier Geschwister seit Jahren gewesen, im damals neugebauten Haus der mittleren Schwester in Bad Laasphe. Als Reaktion des Bruders kam es dann zu jenem Streit, den auch die Mutter der Mädchen am Montag schon geschildert hatte. Der Angeklagte sei ihr nachgelaufen und habe sie in heftigster Weise beschimpft, erinnert sich die Zeugin. Nur eine „geistig weniger bemittelte Person wie sie“ könne aus einer solchen Situation etwas Negatives machen.

Angeklagter lächelt

In Zusammenhang mit diesem Vorfall habe sich die älteste Schwester damals an einen weiteren erinnern können und dies ihrer Schwester auch mitgeteilt. Mit ihrem Aussehen brauche die älteste Nichte doch gar kein Abitur zu machen, sondern könne gleich „Edelhure“ werden, habe der Angeklagte einmal erwähnt. Der Angeklagte lächelt bei diesen Ausführungen.

Weiter berichtet die Zeugin von für sie auffälligen Verhaltensweisen der jüngeren Nichte, die künstlich gelacht habe, sich bei allen auf den Schoß setzte und küssen wollte. „Ich habe einen großen Mund und kann gut küssen“, habe das Mädchen gesagt. Das hat die Zeugin auch der Mutter der Kinder mitgeteilt. „Sie hat uns gesagt, dass sie sich an solche Dinge nicht erinnert“, wirft Richterin Elfriede Dreisbach nachdenklich ein.

Erinnerungslücken

Dann wird die 24-jährige Schwester - eine der mutmaßlich Geschädigten gehört. Sie hätten große Probleme mit ihren Partnerschaften. Lange Zeit habe sie selbst immer sehr heftig reagiert, wenn ihr Freund sie am Kopf berührt habe, ohne es sich selbst erklären zu können, erzählt die Zeugin. Inzwischen erinnere sie sich aber daran, vom Angeklagten einmal dort gefasst worden zu sein, mit den Worten, wie schön ihre Kopfform doch sei; seither gehe es ihr besser. Ihre jüngste Schwester sei einmal mit den damals für sie kryptischen Worten zu ihr gekommen: „Jetzt ist er noch zu groß, aber bald wird er hineinpassen…“ Nach der Eröffnung der Vorfälle im Mai 2018 habe sie es verstanden. Sie selbst wisse nicht mehr, ob ihr auch etwas geschehen sei, „ich habe so viele Lücken“. Aber für ihren Onkel sei es immer normal gewesen, nackt vor den Mädchen herumzulaufen. Die Aussage ist immer wieder von Tränen begleitet. Das Verfahren wird am Mittwoch, 24. Juli, fortgesetzt.

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