Tierschutz

Außergewöhnliches Engagement für blinde Pferde ausgezeichnet

Als Nadja Unger den Schimmel Sunny zum ersten Mal sah, wusste sie sofort: Das ist mein Pferd. Später wurde bei ihm eine periodische Augenentzündung festgestellt. Nun ist Sunny blind. Die IG Blinde Pferde kümmert sich um viele Tiere, denen es ähnlich wie Sunny ergeht.

Als Nadja Unger den Schimmel Sunny zum ersten Mal sah, wusste sie sofort: Das ist mein Pferd. Später wurde bei ihm eine periodische Augenentzündung festgestellt. Nun ist Sunny blind. Die IG Blinde Pferde kümmert sich um viele Tiere, denen es ähnlich wie Sunny ergeht.

Foto: Mellis Fotografie

Bad Berleburg .  Der Berleburger Verein für blinde Pferde erhielt nun den Deutschen Tierschutzpreis. Die Gründerin spricht über den Verein und die Auszeichnung.

10 Grad. Die Sonne scheint und die Laubbäume erstrahlen in bunten Farben. Rot, gelb, grün – viele Spaziergänger genießen den Anblick der Herbstlandschaft. Aber es gibt auch Menschen und Tiere, die dies nicht können, weil sie eine Sehschwäche haben, oder aber blind sind. Auch Pferde können erblinden. Um ihnen dennoch ein lebenswertes Leben bieten zu können, engagiert sich die Interessengemeinschaft (IG) Blinde Pferde e.V. für eben diese Tiere. Und dafür wurde sie nun mit dem Deutschen Tierschutzpreis ausgezeichnet. Für Nadja Unger – Mitgründerin des Vereins – und ihren Kollegen ein besonderes Zeichen. „Wir sind total überwältigt, diesen Preis erhalten zu haben. Es ist eine Wertschätzung für die Pferde und zugleich auch für unsere Arbeit“, freut sich die Arfelderin.

Die Pferde

Vor acht Jahren kam sie zum ersten Mal mit einem blinden Pferd in Kontakt – ihrem Schimmel Sunny. „Ich habe ihn gesehen und wusste sofort: Das ist mein Pferd.“ Doch dann kam der Moment, wo ihrem Sunny ein Auge entfernt werden musste. „Da war bereits klar, dass er komplett erblinden wird“, erinnert sie sich an den Tag zurück. Doch trotz allem: Die beiden wuchsen immer mehr zu einem Team zusammen. „Zu Beginn hatte er nur wenig Vertrauen in uns Menschen“, so Unger. Dabei ist gerade bei blinden Pferden, das Vertrauen sehr wichtig. Ebenso Wortkommandos. „Die Pferde können unsere Körpersprache nicht erkennen, daher müssen wir sehr viel mit Worten arbeiten“, sagt sie.

Doch egal ob blind oder sehend – ins Gelände reiten, ans Meer oder auf Messen fahren ist auch mit einem erkrankten Tier möglich. Doch Nadja Unger weiß auch – eine periodische Augenentzündung kann für die

Vierbeiner sehr schmerzhaft sein. „Leider wird sie oftmals zu spät erkannt, da sehr wenig Tierärzte spezialisiert sind und es häufig mit Bindehautentzündung verwechselt wird. Der Verlauf ist unterschiedlich, manche erblinden innerhalb kürzester Zeit, bei manchen dauert es Jahre. Die Entzündung kann sehr schmerzhaft sein, ähnlich wie Migräne beim Menschen.“

Einige Rassen – beziehungsweise Farbgegebenheiten – sind genetisch bedingt von dieser Krankheit betroffen. „Knabstrupper und Appaloosa haben den Tigerschecken-Komplex, ein Gen der für die besondere Punktezeichnung verantwortlich ist. Diese neigen leider zu der Tigerschecken Uveitis – eine periodische Augenentzündung“, erklärt die Arfelderin. „Windfarbene Pferde gibt es in einigen Rassen. Durch das Silver Dapple Gen – im Prinzip eine Mutation, die gewollt gezüchtet wird – ist die Wahrscheinlichkeit der Erblindung größer.“

Zwar gibt es mittlerweile OP-Methoden und Medizin – die aber sind noch nicht ausreichend erforscht. Und: Dadurch, das die Krankheit erst spät erkannt wird, können die Pferde dennoch erblinden. Neben der periodischen Augenentzündung gibt es auch Tiere, die bereits blind geboren werden. Viele von ihnen werden kurz darauf getötet. „Es ist immer noch ein Tabuthema. Viele Menschen denken, ein solches Tier habe kein lebenswertes Leben mehr vor sich. Aber das ist nicht richtig.“ Daher ist es dem Verein auch wichtig, nicht nur als Vermittler und Ratgeber zu fungieren, sondern auch die Öffentlichkeit über das Thema aufzuklären.

Der Verein

Doch wie ist der Verein, der nun mit dem Deutschen Tierschutzpreis ausgezeichnet wurde, entstanden? Der Ursprung liegt zweieinhalb Jahre zurück. „Als klar war, dass mein Sunny komplett erblinden wird, habe ich im Internet Hilfe gesucht.“ Doch auch eine Suche auf Google ergab keine Treffer. Also versuchte Unger ihr Glück in den sozialen Netzwerken. Und siehe da: Sie fand eine Gruppe, in der sich Pferdehalter über genau dieses Thema austauschen. „Ich habe 2017 ein Treffen in Marburg organisiert.“

Das war die Geburtsstunde des Vereins. Gemeinsam mit fünf anderen Mitgliedern – bundesweit verteilt – gründete Unger die IG Blinde Pferde. Seitdem wurden rund 40 blinde Pferde vermittelt, sechs davon übernahm der Verein, der mittlerweile über 60 Mitglieder zählt. „So können wir schnell und bundesweit agieren.“

Aber auch aus dem Ausland erreichen sie Hilferufe – auch den einer Pferdehalterin aus Tschechien, die Unger 2018 kontaktierte, da sie mit ihrem blindgeborenen Pferd überfordert war und Hilfe benötigte. Seitdem lebt es bei Unger in Wittgenstein. Und die kümmert sich gerne um ihr neues Pflegepferd. „Es ist mit das Beste, was mir passieren konnte.“ Doch gibt es einen gravierenden Unterschied in der Arbeit mit einem kranken und einem gesunden Pferd? „An sich unterscheiden sich die Arbeiten nicht so sehr. Wir reiten auch mit blinden Pferden durch das Gelände. Jedoch muss hierbei die Umzäunung angepasst werden und verstärkt mit Wortkommandos gearbeitet werden.“

Einen eigenen Hof jedoch haben nur ganz wenige der Mitglieder. „Die meisten haben keinen eigenen Hof. Daher sind wir auf Pflegeplätze angewiesen, die in der Nähe liegen, damit wir sowohl Pferd, als auch den Halter gut betreuen können. Wer Hilfe benötigt, kann uns aber auch zu jeder Uhrzeit telefonisch erreichen.“

Der Preis

Und für genau dieses Engagement hat der Verein nun den Deutschen Tierschutzpreis in der diesjährigen Sonderkategorie „Tiere mit Handicap“ erhalten. Mit dem Preis ehrt der Deutsche Tierschutzbund gemeinsam mit den Futtermarken Whiskas und Pedigree sowie den Zeitschriften Funk Uhr und Super TV Menschen und Projekte, die sich in besonderem Maße für Tiere engagieren.

„Die Preisträgerinnen und Preisträger leisten herausragende, vorbildliche Tierschutzarbeit. Es macht jedes Jahr aufs Neue Mut und Hoffnung, zu sehen, wie sich Menschen voller Herzblut und mit Verstand für die Tiere einsetzen“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Wir hoffen, dass andere sich davon inspiriert fühlen – auch als Einzelner oder mit einem kleinen Team kann man so viel Gutes für unzählige Mitgeschöpfe bewirken.“

Insgesamt ehrte die Jury in dieser Kategorie drei Initiativen, die sich Tieren mit Handicaps widmen. Getreu dem Motto „Nicht jedes Pferd kommt mit seiner Blindheit zurecht, aber jedes Pferd hat eine Chance verdient“, möchte der Verein möglichst vielen blinden Pferden ein lebenswertes Leben ermöglichen.

Ebenfalls in der Sonderkategorie ausgezeichnet wurden die Stiftung De Hun’nenhoff aus Schneverdingen (Niedersachsen), die gelähmten Hunden ein neues Zuhause schenkt, und der Verein Hürdenwellies e.V. mit Sitz in Gelsenkirchen, der sich in seinen Pflegestellen um erkrankte und behinderte Wellensittiche mit besonderen Bedürfnissen kümmert.

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