Forstwirtschaft

Borkenkäfer-Katastrophe: „Es ist ein Kampf gegen die Zeit“

Die Landtagsvizepräsidentin Angela Freimuth (FDP) (vorne) besucht die Wittgenstein-Berleburg'sche Rentkammer. Forstdirektor Johannes Röhl und Revierförster Hendrik Engelhard (r.) erläutern den Verlauf und die Folgen der Trockenheit und Borkenkäferkalamität. 

Die Landtagsvizepräsidentin Angela Freimuth (FDP) (vorne) besucht die Wittgenstein-Berleburg'sche Rentkammer. Forstdirektor Johannes Röhl und Revierförster Hendrik Engelhard (r.) erläutern den Verlauf und die Folgen der Trockenheit und Borkenkäferkalamität. 

Foto: Lars-Peter Dickel / WP

Bad Berleburg.  Landtags-Vizepräsidentin hört sich Ideen zum Waldumbau und Wünsche nach mehr Unterstützung vom Land in Bad Berleburg an.

„Was wir hier erleben, ist nicht ein punktuelles Ereignis. Diese Katastrophe wird die Strukturen der Forstwirtschaft in Deutschland nachhaltig verändern“, sagt Forstdirektor Johannes Röhl. Der Leiter der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer führt die Vizepräsidentin des NRW-Landtages, Angela Freimuth, in den Wald bei Bad Berleburg, um der FDP-Politikern zu zeigen, was Stürme, zwei Jahre Trockenheit und der Borkenkäfer mit dem Forst, den Waldbesitzern und auch den nachgelagerten Arbeitsplätzen macht.

Viele Arbeitsplätze in Gefahr

„100 Festmeter Holz sichern einen Arbeitsplatz im nachgelagerten Sektor“, erläutert Röhl und nennt Sägewerke, aber auch alle anderen Wirtschaftszweige, die von und mit Holzerzeugnissen leben.

Inzwischen seien auch große Betriebe wie die Rentkammer mit ihren über 13.000 Hektar in Schwierigkeiten. „Normalerweise rufen wir nicht nach Subventionen“, macht Röhl seine Sicht deutlich, weil Betriebe dieser Größe normalerweise gut klar kämen: „Die Familie verfährt nach dem Prinzip, der Wald schützt seine Eigentümer vor Armut und vor Reichtum.“ Jetzt aber sehen sich die Forstleute einerseits dem Klimawandel, dessen wirtschaftlichen Folgen und andererseits auch politischen Diskussionen gegenüber. Röhl befürchtet, dass der aktuell in aller Munde geführte „Waldumbau“ für viele Politiker nur ein temporäres Thema sei. „Das ist aber nicht in zwei, drei Jahren getan. Waldumbau ist eine Generationenaufgabe, die zwei, drei Förstergenerationen braucht.“

Waldumbau ist aufwändig

Wie Waldumbau durch Naturverjüngung und Käferbekämpfung aussehen können, dass demonstrierten Röhl und Revieroberförster Hendrik Engelhard an zwei Standorten im Wald. Zunächst wandert der Blick der Gruppe über eine kahle Fläche: Hier standen bis zum Sturm Friederike 2018 erntereife 90-Jahre alte Fichten. Erst kam der Sturm, dann die Trockenheit und dann der Käfer.

Um dem Borkenkäfer zu begegnen bleibt nur, die betroffenen Bestände schnell zu erkennen. Gesunde Fichten stoppen den einbohrenden Käfer mit ihrem Harz. Die Trockenheit und die große Menge an Käfern machen dies unmöglich. Dann bleiben nur sechs bis neun Wochen, um die Fichten zu fällen, zu entrinden und auf die Säge zu bringen, ehe sich der Käfer erneut ausbohrt und weiter vermehrt, so Engelhard. „Es ist ein Kampf gegen die Zeit“, bestätigt Röhl.

Große Betrieb wie die Rentkammer haben das Personal um die Kontrollen und Forstarbeiten zu machen. Kleine Waldbesitzer geraten da an ihre Grenzen, wie Tim Limper vom FDP-Stadtverband Bad Berleburg anmerkt. „Das ist oft eine Frage des Geldes. Und wenn am Ende pro Festmeter nur zwei Euro übrig bleiben ist die Altersvorsorge dahin.“ Diese Einschätzung bestätigt Röhl und warnt davor, dass viele Waldbesitzer auf den Gedanken kommen könnten, ihre Flächen einfach brachliegen zu lassen.

Unterstützung erhofft

Hilfe erhofft sich die Rentkammer von der Politik in drei Feldern. Einerseits müssten die Beihilfen für Forstbetriebe in der Krise angehoben werden. 30.000 Euro seien zu wenig, wenn man die Größe der Rentkammer betrachte. Dafür könne er 6000 Festmeter entrinden, es seien aber 80.000 Festmeter, oder er könne 4600 Festmeter ernten, es seien aber 100.000. In Süddeutschland erhielten Betriebe aktuell bis zu 500.000 Euro Soforthilfen, rechnet Röhl vor.

Das zweite Feld, in dem sich Röhl mehr Unterstützung für die Forstwirtschaft wünscht, ist der Einsatz von Insektiziden. Diese setze man sehr begrenzt ein, weil es sehr teuer sei. Aber der letzte Hersteller BASF, überlege, aus dem Geschäft auszusteigen, weil die Genehmigungsverfahren sehr teuer seien und der Absatzmarkt im Forst sehr klein sei.

Der dritte Punkt ist vor dem Hintergrund der Klimadiskussion interessant. Rechne man den Betrieb und seinen Baumbestand, binde der Wald der Rentkammer 63.000 Tonnen CO2. Im Emissionshandel werde die Tonne aktuell mit 25 Euro gehandelt. Eine Entschädigung für CO2-Bindung bringt Röhl ins Spiel, weil er unterstreicht, dass der Wald Holzlieferant und Erholungsraum zugleich sein soll. Für die Nutzung der Wirtschaftswege und des Waldes hätten Waldbesitzer von den Erholungssuchenden nie etwas verlangt. „Wir müssen mit der Gesellschaft mehr diskutieren.“ Angela Freimuth zeigte Verständnis dafür: „Sie wollen ja auch nicht, dass jemand mit dem Mountainbike durch ihren Vorgarten fährt.“

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