Zwillingsgeburt?

Das jüngste Wisentkälbchen lässt einige Fragen offen

Das helle Kalb in der Wisentherde ist jünger und kleiner als alle anderen von diesem Jahr. Expertin Kaja Heising begründet: "Da man die jeweiligen Mütter nicht zuordnen kann, ist davon auszugehen, dass es sich bei einer der fünf Mai-Geburten um eine Zwillingsgeburt handelt."

Das helle Kalb in der Wisentherde ist jünger und kleiner als alle anderen von diesem Jahr. Expertin Kaja Heising begründet: "Da man die jeweiligen Mütter nicht zuordnen kann, ist davon auszugehen, dass es sich bei einer der fünf Mai-Geburten um eine Zwillingsgeburt handelt."

Foto: Wolfram Martin

Wittgenstein.   Handelt es sich bei dem Kleinen um einen Zwilling oder ist Inzucht eingetreten? Expertin Kaja Heising vom Wisent-Verein erläutert den Fall.

Zwei Wochen ist es her, als der Wisent-Trägerverein die Geburt eine sechsten Kälbchens in der frei lebenden Herde gemeldet hat. Das machte nicht nur die Verantwortlichen im Verein stutzig; auch Landwirte und Jäger staunten, denn in der Herde gibt es nur fünf geschlechtsreife Wisentkühe. Die hatten aber augenscheinlich bereits um Pfingsten ihren Nachwuchs zur Welt gebracht. Sollte das eingetreten sein, was der Träger in dem Artenschutzprojekt vermeiden möchte, nämlich Inzucht. Sollte Egnar mit einer seiner Töchter ein Kalb gezeugt haben?

Nachwuchs nur einmal im Jahr

Damals begründete der Verein in seiner Pressemeldung: „...Allerdings gibt die Geburt des Tieres ein kleines Rätsel auf. Denn in der frei lebenden Herde gibt es insgesamt fünf geschlechtsreife Kühe und bereits fünf Geburten in diesem Jahr. In der Regel setzen Wisent-Kühe nur einmal im Jahr Nachwuchs in die Welt. Eine mögliche Erklärung ist deshalb eine Zwillingsgeburt. Das kommt bei Wisenten durchaus, wenn auch sehr selten vor.“

Inzwischen liegen unserer Redaktion Bilder des Tierfotografen Wolfram Martin aus Berghausen vor, die dokumentieren, dass das zuletzt entdeckte Kälbchen deutlich jünger sein muss.

Es ist um einige Wochen jünger

Hier muss Kaja Heising, die wissenschaftliche Koordinatorin des Projektes Aufklärung liefern. Das hat sie auch Anfrage der Heimatzeitung getan. Sie erläutert: „Dass die Kälber von Mai sich von dem Kalb aus vermutlich Juni unterscheiden, ist ganz logisch. Schließlich ist es wohl um einige Wochen jünger. Da man die jeweiligen Mütter nicht zuordnen kann, ist davon auszugehen, dass es sich bei einer der fünf Mai-Geburten um eine Zwillingsgeburt handelt. Das sechste Kalb ist demzufolge ein Einzelkind und unterscheidet sich ganz natürlich durch seine spätere Geburt in der Entwicklung und auch optisch von den wenig älteren Mai-Kälbern.“

Ist die Tochter des Bullen Egnar etwa frühreif?

War es also doch eine Zwillingsgeburt? Kaja Heising: „Zwillingsgeburten sind unter Wisenten sehr selten, aber sie kommen vor. Wenn Egnars Tochter die Mutter eines der Kälber wäre, wäre sie unwahrscheinlich frühreif gewesen. Letzte Klarheit könnte alleine ein Gentest bringen, der aber aus artenschutzrechtlichen Gründen sehr fragwürdig ist, da viele Tiere dafür ohne vernünftigen Grund narkotisiert werden müssten.“

Abschließend macht die Expertin der Wisent-Welt-Wittgenstein noch einmal deutlich: „Ziel des Vereins ist es, Inzucht zu vermeiden. Unabhängig davon ist in der Wissenschaft bekannt, dass Inzucht in den ersten Generationen bei den meisten Tieren – anders als bei Menschen – keine direkten Folgen zeigt. Bevor sich der Wisent wieder in Europa ausgebreitet hat, konnte man nur auf zwölf Gründertiere zurückgreifen, um mit diesen die gesamte Art zu retten. Dieser geringen genetischen Diversität haben die Tiere standgehalten und konnten erfolgreich wieder ausgezüchtet werden.“

Jungbulle im Forstrevier Kalteiche unterwegs

Weiterhin auf Wanderschaft hält sich ein Jungbulle der Herde auf, der mit einem weiteren Jungtier vor Wochen über den Rothaarkamm nach Hessen gezogen war. Im Bereich Dietzhölztal und Breitenbach war nur noch ein Wisent gesehen worden. Aktuell gemeldet ist ein Wisentbulle aus dem Bereich Kalteiche. Revierförster Ralf Bräunche: „Bisher gab es keinerlei Vorkommnisse.“

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