Naturschutz

Egnars Bilanz: Sechs tote Wisentbullen in sieben Jahren

Ein junger Wisentbulle von etwa zwei Jahren - möglicherweise handelt es sich um dieses Tier - wurde durch seinen Vater, den Bullen Egnar, bei einem Kampf tödlich verletzt. Die Aufnahme entstand etwa eine Woche vor dem Tod des Tieres.

Ein junger Wisentbulle von etwa zwei Jahren - möglicherweise handelt es sich um dieses Tier - wurde durch seinen Vater, den Bullen Egnar, bei einem Kampf tödlich verletzt. Die Aufnahme entstand etwa eine Woche vor dem Tod des Tieres.

Foto: Wolfram Martin

Bad Berleburg.   Tödliche Rangkämpfe sind natürlich. Trotzdem plant der Trägerverein, den Bullen aus der Wisentherde zu nehmen. Aber das hat andere Gründe

Die Zahl erscheint ungewöhnlich groß. Fünf Mal sind junge Wisentbullen in Rangeleien mit dem ausgewachsenen Bullen Egnar so schwer verletzt worden, dass sie starben. In einem Fall ist die Todesursache eines männlichen Jungtieres unklar. Wir listen die Todesfälle auf und sprechen mit Wisentexpertin Kaja Heising.

2017 Ende Juni/Anfang Juni

stirbt ein etwa zweijähriger Bulle nach einem Hornstoß in die Brust. Wanderer finden das Tier nahe dem „Potsdamer Platz“ am Rothaarsteig bei Wingeshausen.

2017 im April

wird bei Schüllar ein toter Jungbulle gefunden, der zuvor bei einem beobachteten Rangkampf durch ein Horn ebenfalls an der Brust verletzt worden ist.

2016 im September

muss ein 15 Monate alter Bulle getötet werden. Er liegt schwer verletzt an einem Abhang bei Latrop. Neben Knochenbrüchen durch einen Sturz den Abhang hinunter weist er eine klaffende Wunde am Rücken auf, die durch einen Hornstoß verursacht worden sein kann. Deshalb gehen die Verantwortlichen des Wisentträgervereins davon aus, dass sich der Jungbulle in einem Kommentkampf mit Egnar verletzt haben muss.

2015 Ende März

wird der Wisent-Jungbulle Quincy vermisst. Knapp zwei Wochen später, am Ostersonntag, wird das Tier halb verwest in einem Bachbett an der Rotwildfütterung „Stockseifen“ gefunden. Die Ursache des Todesfalles ist unklar.

2013 im September

wird Jungbulle Quandor Opfer eines Rangkampfes innerhalb der Wisent-Gruppe. Das 2012 geborene Tier ist wahrscheinlich von Bulle Egnar so schwer verletzt worden, dass es von seinen Leiden erlöst werden muss.

2010 im Dezember

hat Egnar – damals noch im Auswilderungsgehege – den zweijährigen Rivalen „WA_75“ mit „massiven Hörnerstößen“ getötet. Das hat die Obduktion ergeben.

Die wissenschaftliche Betreuerin des Wisentprojektes und Herdenmanagerin Kaja Heising sagt, dass viele Tierarten auch zum Teil tödliche Rangkämpfe ausfechten. Beispielsweise verenden auch häufiger Hirsche an solchen Verletzungen – allerdings nur während der Brunft. „Bei den Wisenten ist die Sterberate aber signifikant höher als bei anderen Tierarten.“ Über die Gründe könne man nur spekulieren. Zum Beispiel sind die jungen Wisentbullen erst ab dem dritten, vierten Lebensjahr geschlechtsreif. Erst dann kommt es zu Kämpfen um die Vorherrschaft mit dem Herdenbullen. Das scheidet als Grund für die aufgezählten Todesfälle aus.

Laut Heising kann es sich aber um alltägliche Rangeleien in der Gruppe handeln, wie sie übrigens auch unter den Kühen in der Herde vorkommen. Dass die Kämpfe mit den Jungbullen tödlich ausgehen, liegt an den Hörnern der Wildrinder. Andererseits gibt es auch charakterliche Unterschiede bei den Tieren. Von aggressiveren oder ruhigeren Bullen oder Kühen möchte Heising bewusst nicht sprechen: „Man darf nicht zu viele Emotionen hineininterpretieren und die Tiere vermenschlichen. Egnar erfüllt seine Aufgabe, so wie er sie sieht. Er töte die Tiere ja nicht absichtlich. Egnar zeigt einfach nur: Ich bin hier der Bestimmer.“

„Bullentausch“ in Planung

Ob Egnars Charakter an den Todesfällen Anteil hat, wird der Trägerverein beurteilen können, wenn der Bulle Wittgenstein verlassen hat. Der Trägerverein muss das Tier geplant austauschen, um die genetische Vielfalt der Herde nicht durch drohende Inzucht zu gefährden. Zeitpunkt? „So bald wie möglich“, sagt Heising. Allerdings gestaltet sich der Umzug schwierig, denn es muss eine neue Herde bzw. ein neues Artenschutzprojekt für Egnar gesucht werden. Auch ein „Bullentausch“ komme in Frage.

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