Interview

Insektensterben: „Eine beängstigende Entwicklung.“

Keine Bienen heißt keine Birnen, keine Kirschen, keine Äpfel: Bienenpopulationen werden von Insektiziden geschädigt. Es fehlen unberührte Wildblumenbestände an Feld- und Wegesrändern.

Keine Bienen heißt keine Birnen, keine Kirschen, keine Äpfel: Bienenpopulationen werden von Insektiziden geschädigt. Es fehlen unberührte Wildblumenbestände an Feld- und Wegesrändern.

Foto: Michael Kleinrensing

Wittgenstein.   Wittgenstein: Bienenbeauftragter Wolfgang Jenke spricht über Ursachen und Folgen des Insektensterbens. Der Handlungsbedarf ist akut wie nie.

Nach dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ in Bayern, bei dem sich laut der Initiatoren mehr als eine Millionen Menschen eingetragen haben, wird auch in NRW über die Möglichkeit eines Volksbegehrens diskutiert. Wir haben mit Wolfgang Jenke, dem Insekten- und Bienenbeauftragten des Kreises, gesprochen und unter anderem Fragen zur aktuellen Lage in der Region sowie Ursachen und Folgen des Insektensterbens gestellt.

Herr Jenke, wie würden Sie die Entwicklung des Insektensterbens beschreiben?

Wolfgang Jenke: Die derzeitige Entwicklung ist beängstigend. Wir haben seit einigen Jahren ein globales Massen-Aussterben mit einer Geschwindigkeit, wie es seit der Zeit der Dinosaurier nicht mehr passiert ist.

Wie ist die Situation der Insekten im Wittgensteiner Land im Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland?

Das Insektensterben findet auf der ganzen Welt statt - somit auch im Wittgensteiner Land. Aber eine genaue Studie aus der Region gibt es bisher nicht. Man hat aber festgestellt, je intensiver die Landwirtschaft betrieben wird, desto höher ist der Artenrückgang.

Wann ging dieser Prozess los?

Wann das große Sterben begann, kann man nicht genau sagen. Laut der „Krefelder Studie“, die von 1989 bis 2017 durchgeführt wurde, sind in nur knapp drei Jahrzehnten dreiviertel aller Fluginsekten - bezogen auf die Biomasse - verschwunden. Das bedeutet: Für jedes Kilo fliegender Insekten, die 1989 in eine Lebendfalle gerieten, waren es 2016 nur noch 250 Gramm. Und das nicht in Vorstadt-Gärten, sondern in Naturschutzgebieten.

Hat sich seitdem etwas verändert und wenn ja, was?

Das Volksbegehren in Bayern ist das beste Beispiel. Mit einer so großen Beteiligung hätte wohl kaum jemand gerechnet. Ein Umdenken findet statt. Menschen achten beim Kauf von Pflanzen verstärkt auf Insektenfreundlichkeit. Das hätte es vor Jahren nicht gegeben. Die Politik steht nach der Entscheidung unter Druck.

Jetzt haben Sie zwei Punkte angesprochen, bei denen ich nochmal nachhaken möchte: das Volksbegehren in Bayern und die Politik. Wie bewerten Sie das Volksbegehren? Muss NRW nachziehen?

Im Rahmen des Volksbegehrens haben Landwirte gefordert, dass auch Privatpersonen und Kommunen gezwungen sein sollten, einen Anteil ihrer Gärten und Grünanlagen insektenfreundlich zu belassen. Der Haken daran ist, dass diese Grünflächen nicht mal ein Prozent der Fläche Deutschlands ausmachen. Dennoch sollte NRW unbedingt nachziehen. Da das Insektensterben akut wie noch nie war, gebe ich einem Begehren in NRW eine große Chance.

Was muss Ihrer Meinung nach die Politik unabhängig von einem Volksbegehren gegen das Insektensterben tun?

Bei dem erklärten Ziel des Aktionsprogramms „Insektenschutz“ des Bundesumweltministeriums ist ein massives Umdenken nötig. Es müssen Lebensräume und Nahrungsangebote für Insekten verbessert werden. Dann ist davon auszugehen, dass sich die Bestände vieler Arten erholen können.

Welche Arten sind konkret betroffen und hier bereits ausgestorben?

Rund ein Viertel aller Insektenarten sind bislang in Roten Listen erfasst. Davon gelten mehr als 40 Prozent als bereits ausgestorben oder verschollen, bestandsgefährdet oder extrem selten. Auch bei Käfern, Libellen, Ameisen, Köcherfliegen oder Schmetterlingen sinken bei vielen Einzelarten die Vorkommen drastisch. Ein Beispiel: Bei manchen ursprünglich häufigen Schmetterlingsarten flattert heute nur noch einer durch die Luft, wo es früher hundert waren. Und jede dritte Schmetterlingsart ist ganz verschwunden.

Jetzt haben wir von der Entwicklung und den betroffenen Arten gesprochen. Kommen wir mal zu Ursachen, Folgen und der Frage, was man dagegen tun kann. Zunächst einmal, welche Ursachen hat das Insektensterben?

Kurzum - fehlender Lebensraum, fehlende Nahrung und dazu noch Gift. Ein betonversiegeltes Industriegebiet ist kein Lebensraum für Insekten, ein Maisfeld aber genauso wenig. Der Mensch hat dafür gesorgt, dass es für Insekten nicht mehr genügend wilde Natur gibt. Viele Arten sind nämlich extreme Spezialisten, die ganz bestimmte Pflanzenarten als Nahrung brauchen. Aber die Biodiversität nimmt bei uns ab - in dem Maße, in dem die Intensivierung der Landwirtschaft zunimmt. Monokulturen, Geländeversiegelung und Pestizide machen den Insekten den Garaus; Überdüngung aber auch. Deshalb sind auch die Ursachen für die einzelnen Insektenarten unterschiedlich: Bienen werden beispielsweise von Insektiziden geschädigt, Straßenlampen stören sie eher weniger. Aber eine einzige Straßenlampe kann die gesamte Köcherfliegen-Population eines 200 Meter breiten Gewässerstreifens töten, weil sie die Tiere wie ein Staubsauger anzieht. Problematisch ist, dass Naturschutzgebiete nur vier Prozent der Fläche Deutschlands ausmachen. Sie sind zu vereinzelt und oft zu klein, um diesem Massensterben etwas entgegenzusetzen.

Welche Folgen entstehen daraus?

90 Prozent aller Wildblumen und auch dreiviertel aller Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt. Keine Bienen heißt keine Birnen, keine Kirschen, keine Äpfel. Darüber hinaus stehen Insekten weit vorne in oft langen Nahrungsketten: Vögel und kleine Säugetiere, aber auch Fische und Reptilien haben ausgewachsene Insekten, deren Larven, Maden oder Raupen auf dem Speiseplan. Auf das Insektensterben könnte daher ein Vogelsterben folgen. Schon jetzt sind die Bestände vor allem der Vogelarten rückläufig, die sich während der Brut von Insekten ernähren. Außerdem erbringen Insekten aber auch noch ganz andere „elementare Ökosystemleistungen“: Die Dunkelmücke zum Beispiel reinigt Gewässer. Andere wiederum lockern die Böden auf, vernichten Aas oder bauen organische Masse wie abgeworfenes Laub ab. Das erhält die Fruchtbarkeit der Böden. Insekten sind also von überlebenswichtiger Bedeutung für viele Ökosysteme.

Was kann jeder einzelne tun, um diesem Wandel entgegenzuwirken?

Insekten brauchen wilde Natur, Brachland, ungenutzte Wiesen, Pfützen, tote Bäume, Sträucher und Hecken. Wilde Blumen an Feld- und Wegesrändern würden ihnen guttun, Unkraut und Totholz ebenfalls. In der Forstwirtschaft und im Management von Naturschutzgebieten sollte mehr Augenmerk auf die Bedürfnisse der Sechsbeiner gelegt werden, genauso in der Pflege öffentlicher Grünanlagen. Im privaten Garten gilt: Je mehr wilde Natur, umso besser für die Insekten.

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