Flüchtlingshilfe

Lehrer aus Erndtebrück kritisiert Asylverfahren für Armenier

Horst Zepp hat früher als Deutschlehrer gearbeitet und kam so zur Flüchtlingshilfe. Aktuell gibt er jungen Afghanenen Deutschunterricht.

Foto: Marcel Krombusch

Horst Zepp hat früher als Deutschlehrer gearbeitet und kam so zur Flüchtlingshilfe. Aktuell gibt er jungen Afghanenen Deutschunterricht. Foto: Marcel Krombusch

Erndtebrück.   Horst Zepp ist seit drei Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv. Er vermisst gerade für seine armenischen Schützlinge eine Wilkommenkultur.

Wenn Horst Zepp das Wort „Willkommenskultur“ hört, kann er nur müde lächeln. Seit drei Jahren ist der pensionierte Lehrer in der Flüchtlingshilfe aktiv – und ist enttäuscht vom Umgang mit seinen armenischen Schützlingen. Wir haben mit Horst Zepp über seine Erfahrungen gesprochen.

Sie sind nicht nur pensionierter Lehrer, ehemaliger Gewerkschaftsvorsitzender und aktuell als Kinderbuchautor aktiv, sondern engagieren sich auch in der Flüchtlingshilfe. Wie kam es dazu?

Horst Zepp: Etwa Anfang 2015 fragten mich die Flüchtlingshelfer in Erndtebrück, ob ich als Deutschlehrer für die Neuankömmlinge zur Verfügung stehe - so bin ich da reingerutscht. Angefangen mit Deutsch-Kursen war ich dann später auch mit den Flüchtlingen beim Arzt, habe ihnen mit der Bürokratie geholfen und Patenschaften übernommen.

In der Spitze waren bis zu 180 Flüchtlinge in Erndtebrück - haben Sie jeden kennengelernt?

Nein, dafür waren es dann doch zu viele. Unter den Flüchtlingshelfern haben wir die Gruppe aufgeteilt und festgelegt, wer sich um wen kümmert. Ich habe damals die armenischen Familien übernommen - und betreue sie bis heute.

Das ist nun bald drei Jahre her. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Menschen gemacht?

Viele der Menschen etwa aus Armenien und vom Balkan sind sehr ehrgeizig. Deutschstunden hat zum Beispiel keiner von meinen Armeniern verpasst. Einer von ihnen hat außerdem alle Fahrräder, die die Flüchtlinge bekommen haben, auf Vordermann gebracht. Die waren danach zu hundert Prozent verkehrssicher. Auch die Frauen haben ehrenamtliche Arbeiten übernommen, zum Beispiel in der Kleiderkammer.

Diese Menschen haben Interesse an unserem Land, wollen sich schnell integrieren und hier eine Zukunft aufbauen.

Solch einen Einsatz kann man nicht bei allen Flüchtlingen erkennen. Es gibt einige aus der Nahost-Gruppe, denen fehlt schlicht der Antrieb zur Integration. Manche wollen lieber zurück in ihre Heimatländer, sobald der Krieg vorbei ist. Für deren Kinder wird es dann schwer: Sie gehen hier zur Schule, lernen Deutsch und sind integriert.

Also sind die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten eher faul?

Nein – aber manche wissen um das Dilemma: So gilt das laut Gesetz die Vorschrift, hier Deutsch zu lernen. Wer das nicht tut und kein Interesse an Integration zeigt, wird abgeschoben. Aber: Abschieben in das Kriegsgebiet Syrien? Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Sinnvoller wäre es, diesen Leuten die Gelder zu kürzen.

Dennoch darf man auf keinen Fall alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren. Auch unter den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten gibt es natürlich welche, die sich integrieren wollen. Ich gebe zum Beispiel gerade zwei Afghanen Deutschunterricht, weil sie die Berufsschule bestehen wollen - beide sind keineswegs faul.

Und wer sich integrieren will, der wird unterstützt?

Leider nicht, denn die Abschiebe-Quoten sollen hoch sein (Siehe Infobox, Anm.d.R.). Das trifft diejenigen, die sich integrieren wollen - wie die

armenischen Familien, die ich betreue – und das, obwohl das Bundeskanzleramt bestätigt, dass Armenien kein sicheres Herkunftsland ist. Darunter sind Menschen, die seit über drei Jahren hier leben, aber nicht angehört wurden. Bei denen gilt: Abschiebung oder – im besten Fall – Duldung.

Eine Frau aus meiner Gruppe hatte eine Vollzeit-Stelle, dann kam die Duldung und ihre Stelle war weg. Jetzt muss die Kommune wieder für sie aufkommen. Der Betrieb sucht zwar nach einer Lösung, aber ob das was wird?

Sie sehen hier also keine gelungener Integrationspolitik...

Ich wünschte mir, dass die Politiker aufhören, uns Ehrenamtliche zu loben. Sätze wie „Wer sich integrieren will, den wollen wir hier behalten“ sind heiße Luft und haben rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun.

Sie treten unseren Einsatz bei der Integration mit Füßen und machen daraus ein Zahlenspiel. Ich denke, die Quoten interessieren, nicht die Schicksale der Menschen. Und um die Leute abzuschieben, klammern sich die Behörden an jeden Strohhalm, den sie finden können.

Mittlerweile werden ja sogar Menschen nach Afghanistan abgeschoben. Das ist sehr, sehr traurig.

Besonders schlimm ist es, dass die minderjährigen Kinder, die in Kindergärten und Schulen voll integriert sind, gut deutsch sprechen, bei den Anhörungen überhaupt keine Rolle spielen. Gerade sie wären beim Demographischen Wandel so wichtig oder könnten Ausbildungsplätze besetzen, die die Firmen dringend anbieten.

Letzte Woche wurde ein neuer Bundestag gewählt, die neue Landesregierung in NRW ist seit Mai am Ruder. Kehrt da der Optimismus zurück?

Ich sehe gerade jetzt keine Hoffnung. Im Gegenteil: Die Situation wird meiner Meinung nach eher schlimmer als besser. Gerade jetzt wollen die etablierten Parteien der AfD das „Wasser beim Flüchtlingsthema abgraben“ und die Abschiebequote eher erhöhen.

Oder man nehme Horst Seehofer und die CSU, die stur auf ihrer Obergrenze für Flüchtlinge herumreiten. Die Kanzlerin hat doch längst ihr „Wir schaffen das!“ in den Ruhestand geschickt.

Verlieren Sie langsam die Lust an der Flüchtlingshilfe?

Ganz klar: nein! Diese Menschen sind einem ans Herz gewachsen, es sind Freundschaften entstanden. Die lässt man doch gerade wegen dieser Bürokratie nicht im Stich.

Aber auch klar: für den Staat würde ich dabei keinen Finger mehr rühren. Wer „Wein predigt“, sprich: wir helfen euch bei der Integration, aber „Wasser ausschenkt“, sprich: dann nichts Besseres zu tun hat, als sie abzuschieben – dem ist nicht mehr zu helfen!

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik