Sozial engagiert

Lisa Achatzi radelt für SOS-Kinderdörfer durch Südamerika

Lisa Achatzi fährt mit dem Fahrrad 19.000 Kilometer durch Südamerika. Hier zeigt sie sich mit ihrer Familie, den Brüdern Julian (links) und Peter und ihren Eltern Susanne und Martin.

Lisa Achatzi fährt mit dem Fahrrad 19.000 Kilometer durch Südamerika. Hier zeigt sie sich mit ihrer Familie, den Brüdern Julian (links) und Peter und ihren Eltern Susanne und Martin.

Foto: ACHATZI

Bad Laasphe/ Berlin.   19.000 Kilometer legt die Bad Laaspherin auf ihrem Fahrrad zurück. Sie fährt von Kolumbien über Feuerland nach Brasilien - für den guten Zweck.

Gereist ist Lisa Achatzi auch früher schon. Mal hier, mal dort zu sein, gehört für die 30-Jährige schon immer zu einem glücklichen Leben. Doch erst, als sie vor ein paar Jahren auf Kuba ankommt, verändert sich etwas Grundlegendes.

„Die Zeit dort hat meine Vorstellung und meine Herangehensweise, wie ich reisen möchte, stark beeinflusst. Mir wurde klar, dass ich anders reisen möchte, als es Touristen normalerweise tun“, erinnert sich Achatzi. Kuba wird für sie zu einem Aha-Erlebnis, das auch 2019 noch nachwirkt.

H&M statt Demut

Gründe für diese Wandlung summierten sich mit jedem Tag vor Ort, besonders ihre westlichen Lebensvorstellungen spielten dabei eine Rolle: „Ich kam mir oft schlecht vor, denn mein Motto bei Reisebeginn war ‚Ich reise, bis ich kein Geld mehr habe’, aber dann habe ich dort Menschen getroffen, die in ihrem ganzen nie Leben genügend Geld haben werden, um überhaupt zu verreisen. Das ändert den Blick auf die Dinge sehr.“

Einmal lernte Achatzi Leute kennen, die eine Weltreise machten. Sie erzählten ihr, dass sie die jeweiligen Hauptstädte inklusive Sehenswürdigkeiten besuchen und dann weiterziehen. Ein solches Verständnis von Weltreise kann Achatzi nicht nachvollziehen: „Sorry, aber da kann man nicht sagen, in einem Land gewesen zu sein.“ Ein anderes Mal bekommt sie mit, wie sich Touristen darüber beklagen, dass es auf Kuba noch nicht einmal einen H&M gäbe: „Es sind die gleichen Leute, die dort für einen Euro ein komplettes Abendessen bekommen und dann beim Trinkgeld knausern.“

Von PETA nach Kolumbien

Durch solche Erlebnisse wurde Achatzi klar, dass gebuchte Reisebüro-Urlaube in vielen Fällen eine Selbstverständlichkeit beinhalten, die mit dem Leben der Einheimischen unvereinbar sind. Sie schildert diese Beispiele über Egoismus und Arroganz auch, um zu zeigen, wie sie nicht reisen und schon gar nicht sein möchte – um in einem fremden Land eben nicht zu sagen: Hier bin ich! Wo ist mein Burger?

Doch gut denken und gut handeln sind manchmal zwei verschiedene Sachen, das wusste schon der große Schriftsteller Henry David Thoreau, der einmal sagte: Sei nicht einfach gut – sei gut für etwas! Lisa Achatzi hat dieses Motto in den letzten Jahren nicht nur privat, sondern auch beruflich verinnerlicht.

In Berlin wird sie bis zum Abflug nach Medellin, Kolumbien, bei der weltweit größten Tierrechtsorganisation PETA arbeiten. Und wenn sie in der Vergangenheit mal nicht für den Schutz von Tieren vom Schreibtisch aus gekämpft hat, trat sie in ihrer Freizeit für einen guten Zweck in die Pedalen.

Auf Familienspuren

Mitte 2017 fuhr sie auf dem Fahrrad durch Polen und Tschechien, um sich auf die Pfade ihrer familiären Wurzeln zu begeben. Die Familie mütterlicherseits aus Schlesien, die des Vaters zum Teil aus Iglau, wo der Großvater aufwuchs, fragte sich Achatzi, wann und wo sich ihre Familie zum Beispiel zu Kriegszeiten aufhielt.

Doch Radfahren nur um der eigenen Geschichte wegen, kam für sie nicht in Frage. Sie stellte ihre genealogische „Tour de Achatzi“ ins Internet und entschied sich, für eine sinnvolle Sache zu radeln. Ihre gefahrenen Kilometer sollten dem Verein SAIDA zu Gute kommen, ein Mädchenschutzprogramm, das sich gegen frauenfeindfeindliche Misshandlungen, u.a. Genitalverstümmelungen, einsetzt.

Am Ende kamen durch Spendengelder 1000 Euro für ein Projekt in Burkina Faso zusammen und Achatzi schoss ganz nebenbei ein paar Fotos für die Großmutter in Wittgenstein: „Sie hatte damals WhatsApp auf ihrem Handy, so habe ich meiner Oma quasi ihr Breslau nach Rückershausen gebracht.“

Eine Mammut-Strecke

Was damals in Nachbarländern begann, wird nun in einer ganz anderen Tragweite fortgesetzt. Ihren Wohnsitz in Berlin wird Achatzi aufgeben, ihr Job bei PETA ist bereits gekündigt. Ihr wurde klar, dass ein möglicher Zeitdruck den Zweck ihrer Reise zu sehr belasten und einschränken würde. „Mit dem Fahrrad reisen bedeutet langsam zu reisen“, sagt sie und weiß, dass es eben diese Entschleunigung benötigt, um neue Erfahrungen intensiver wahrzunehmen.

Von Kolumbien über Chile nach Feuerland und schließlich Brasilien, von den heiligen Tälern der Inka in Peru über Boliviens Salar de Uyuni, den weltweit größten Salzsee, bis zu den mächtigen Nationalparks Argentiniens: Achatzi rechnet mit circa 19.000 Kilometern. Da machte es Sinn, nur ein One-Way-Ticket zu buchen. Angst vor dieser Mammut-Strecke hat sie jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil.

Unabhängig von der Tour selbst, fährt Achatzi täglich Fahrrad und weiß zudem, wie monströs der innere Schweinehund in Erscheinung treten kann. Manchmal, so erzählt sie, sei sie auf ihren Fahrradtouren an einem Punkt angelangt, wo es für sie nur zwei Möglichkeiten gab: „Entweder du heulst jetzt, oder du heulst jetzt, um gleich weiterzufahren.“ Das einzig Neue für Körper und Geist würden jedoch die Höhenmeter, mit denen sie sich „noch beschäftigen muss.“

Schicksal und Glück

Mit den fortschreitenden Planungen der vergangenen Monate wurde ihr bewusst, dass sie den Menschen dieser Länder etwas zurückgegeben möchte. Sie trat mit SOS-Kinderdorf e.V. in Kontakt, und nachdem die Gespräche gut verliefen, gab Achatzi einen Wimpernschlag später dem Ganzen einen Namen: Wheels Of Fortune.

Räder des Glücks oder des Schicksals – für Achatzi geht es genau um diese Zweideutigkeit: „Für Kinder ist es Schicksal, wie es ihnen ergeht und in welchem Umfeld sie aufwachsen. Dass daraus auch Glück entstehen kann – dafür versuche ich Räder in Bewegung zu setzen.“ Auf die Frage, warum sie sich ausgerechnet für SOS-Kinderdorf e.V. entschied, antwortet sie: „In meinem Leben war es immer so: Wenn nichts mehr da ist, dann ist immer noch die Familie da.

Meine Eltern und Brüder haben mir viel gegeben, ich bin in einem sicheren Umfeld aufgewachsen. Kindern, die das nicht haben, muss einfach geholfen werden. Deshalb möchte ich Hilfe teilen und nicht für mich behalten.“ Achatzi ist dabei wichtig, dass es ihr nicht um Selbstdarstellung geht. Sie sei kein Typ für Selfies, sagt sie. Im Vordergrund sollen andere stehen.

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