Wittgensteiner in der Welt

Marion Robison tauschte die Lahn gegen den Mississippi

In St. Paul gebe es auch die Mississippi-Raddampfer, mit denen man eine Schiffsfahrt machen könne, berichtet Marion Robison.

In St. Paul gebe es auch die Mississippi-Raddampfer, mit denen man eine Schiffsfahrt machen könne, berichtet Marion Robison.

Foto: Marion Robison

Bad Laasphe/Minneapolis.   „Ich sah mehr Möglichkeiten als in Deutschland. Mir gefiel das amerikanische Leben“, sagt die in Laasphe geborene 60-Jährige.

„Ol’ man river“ heißt es in dem berühmten Lied – „Er muss etwas wissen, aber er schweigt und fließt einfach weiter.“ Wie schön, dass es Marion Robison dem Mississippi nicht gleich tut. Die gebürtige Laaspherin lebt nämlich seit 33 Jahren in den USA, genauer gesagt im Staat Minnesota, und hat als „Witti in der Welt“ im rund 7000 Kilometer entfernten Minneapolis einiges zu erzählen:

A nfang. Im Sommer 1981 hat die heute 60-jährige Marion Robison mit ihren Eltern Heinrich und Erni Blecher Verwandte in Wisconsin besucht und ist etwas durchs Land gefahren. „Seit ich das erste Mal im Urlaub hier war, habe ich gedacht, dass ich hier gern leben würde. Ich habe da schon eine gewisse Freiheit gefühlt.“ Das weite Land habe sie sehr beeindruckt und die Leute fand sie auch überall sehr nett.

„Ich sah mehr Möglichkeiten als in Deutschland. Mir gefiel das amerikanische Leben.“ Und das sei heute auch noch so, obwohl es ja überall Vor- und Nachteile gebe. Sie habe damals die Einwanderungspapiere beantragt und konnte dann durch ein Stellenangebot 1986 dortbleiben. Sie hat weiterhin in einem Dental-Labor gearbeitet, später halbe Tage, als die Kinder klein waren. Marion Robison war mit einem Amerikaner verheiratet, ist aber inzwischen geschieden. Sie lebt heute mit ihrer jüngeren Tochter (23), Langhaardackel „Gabi“, Hamster „Helga“ und einem chinesischen Kampf-Fisch namens „Jean-Paul“ in einer WG. Die ältere Tochter (31) lebt mit ihrer Familie, inklusive der beiden Enkelinnen, in der Nähe.

„Seit 1993 bin ich Amerikanerin.“ Man kann in den USA nicht zwei Pässe besitzen, deshalb hat sie ihren deutschen Pass abgegeben. Dann könne man unbegrenzt bleiben, aber wenn man die Staatsangehörigkeit nicht annehme, müsse man den Aufenthalt immer wieder neu beantragen. „Die Sprache habe ich zuerst gar nicht verstanden. Jeder spricht so schnell und mit vielen Dialekten. Ich bin nur mit einem Lexikon rumgelaufen.“ Mit Abendkursen für Ausländer klappte es allmählich. „Wenn ich abends müde bin, wird allerdings Deutsch und Englisch zusammengewürfelt.“

Die Wittgensteinerin wurde drüben sofort akzeptiert. In Minnesota seien die Leute zwar etwas schüchtern und zurückhaltend, aber sehr freundlich und hilfsbereit. „Ich persönlich komme eigentlich überall zurecht.“ Zu ihrer Zeit sei es für Europäer nicht einfach gewesen einzuwandern, im Moment treffe das für Südamerikaner zu. „Hier kann man auch sehr schlecht Politik oder Religion mit Leuten diskutieren.“ Das werde eher als Privatangelegenheit betrachtet. „Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass Trump Präsident ist und was er sich alles so leistet.“

M innesota. Marion Robison wohnt in Fridley, einem rund 27.400 Einwohner zählenden Vorort von Minneapolis und Saint Paul, die die ‚Zwillings-Städte‘ genannt werden, denn sie liegen nebeneinander. Die Hauptstadt von Minnesota ist St. Paul und da sei auch das Capitol, aber Minneapolis sei größer und vielfältiger. „Hier ist alles ziemlich nah zusammen und es gibt ja so viele Highways. Mit dem System ist man in etwa 20 Minuten überall.“

Sie wohnt nah am Mississippi und geht fast jeden Tag dort spazieren. Der Fluss sei reißend und für Boote sehr gefährlich. „Wer da reinfällt, wird weggeschwemmt.“ In St. Paul gebe es auch die Mississippi-Raddampfer, mit denen man eine Schiffsfahrt machen könne. Man sehe schon mal ein Boot oder kleines Schiff, aber es gäbe ja über 10 000 Seen und viele Leute hätten ihr eigenes Boot, meist samt Haus am See, wo sie jedes Wochenende verbringen. Es werde auch viel geangelt.

„Das große Land ist wunderschön, so vielfältig. Mir gefällt hier die Natur, und vor allen Dingen die vielen Seen und Spazierwege. Auch in der Stadt gibt es total wilde Natur. Das Leben ist hier einfacher, man hat wirklich unbegrenzte Möglichkeiten. Und es ist für jeden etwas dabei.“ Man könne auch rund um die Uhr einkaufen gehen und es sei vieles billiger als in Deutschland. Im Winter sei es allerdings viel kälter als in Deutschland und im Sommer viel heißer und stickiger. „Frühling und Herbst sind hier immer sehr, sehr schön und angenehm.“


E ssen. In ihrer neuen Heimat gebe es sehr viele Restaurants, für jeden Geschmack sei etwas dabei. „Steak gibt es bei mir nicht, denn ich bin mit 14 Jahren Vegetarier geworden und lebe seit zehn Jahren vegan.“ Das sei aber beim Essen Gehen kein Problem. An Muttertag war sie zum Beispiel mexikanisch essen. „Der Taco-Salat schmeckt ganz toll. Ich bringe dann von zu Hause meine Veganaisse mit und benutze sie als saure Sahne.“ Thailändisch gehöre auch zu ihren Favoriten und es gäbe sogar einige veganische Restaurants. „Wir haben in Minneapolis den ersten veganischen Metzger in ganz Amerika. Der ist inzwischen sehr bekannt und heißt ‚Herbivorous Butcher‘.“ Da habe sie zum allerersten Mal ein rein pflanzliches Steak probiert. Bei Robisons privat darf aber auch die deutsche Küche nicht fehlen: Sauerkraut mit Kartoffeln, Klöße mit Rotkraut, Bohnensalat. „Das kennen die Amis nicht.“ Und weißen Spargel auch nicht, nur grünen. An deutsches Brot sei schlecht ranzukommen und sie vermisse die Brötchen sehr. Im Aldi gebe es ein italienisches Brot, das so ähnlich wie das deutsche Bauernbrot ist. „Wenn dann Aldi hier ‚Deutsche Woche‘ hat, mache ich Großeinkauf.“

R eisen. Marion Robison hat schon alle US-Bundesstaaten bereist – außer Hawaii, Florida, Alaska und Washington. „Es gibt so viele beeindruckende Gegenden: der Grand Canyon, Yellowstone Park, New Orleans…aber am besten gefällt mir New York.“ Dorthin möchte sie auf jeden Fall bald nochmal. „Und mal nach Los Angeles, da war ich noch nicht.“ Kurzreisen in die nahe Umgebung unternimmt sie öfter. Sehr bekannt sei das Split Rock Light House am Lake Superior. „Da fahren wir dieses Jahr nochmal für ein längeres Wochenende hin.“ Oder Marine on St. Croix, ein wunderschöner, winziger Ort, eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert. „Wenn es nicht so weit weg vom Schuss wäre, würde ich auch dahinziehen. Ich bin es aber gewohnt, überall schnell mal hinzufahren, und bis dahin ist es schon eine 45 Minuten lange Fahrt.“ Es gibt aber viele Leute, die außerhalb wohnen und die lange Fahrt zur Arbeit täglich in Kauf nehmen.

„Ich war fünfmal in Deutschland, seit ich hier wohne. Als meine Eltern noch jünger waren, kamen sie alle zwei, drei Jahre zu Besuch. Freunde seien auch schon da gewesen und sie habe E-Mail- und Telefon-Kontakt zu mehreren Freundinnen in der Heimat, mit einer schreibt sie sogar täglich. „Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde trotzdem.“

I mpressionen. Besonders schöne Erlebnisse findet Marion Robison in der Natur, vor allen Dingen, „wenn man die Tiere erlebt, Spaziergänge am Mississippi, New York City, durchs Land reisen, meine Enkelkinder verwöhnen. Ich mag ein einfaches, unkompliziertes Leben.“


K unst. „Seit zehn Jahren bin ich künstlerisch tätig.“ Das sei zufällig passiert. Sie habe ein Kinderbuch über Meerschweinchen geschrieben und einen Illustrator gesucht, aber keinen passenden gefunden. Zeichnen liege ihr nicht so gut, aber Filz habe ihr schon immer gut gefallen. „Da habe ich dann die Bilder aus Filz gemacht, abfotografiert, und das Buch selbst illustriert.“ Es ist 2008 erschienen und sie hat einige hundert Kopien davon in Deutsch und Englisch verkauft. Und dann sagten die Leute immer, wie schön es doch wäre, eine selbstgestaltete Glückwunschkarte zu verschenken und so fing alles an: zuerst mit 17 Karten in einem Laden, der nur selbstgemachte Werke von einheimischen Künstlern verkauft. „Und ganz schnell hatte ich meinen eigenen Kartenständer dort.“ Marion Robison fertigt Bilder verschiedener Größe und Karten aus Filz, Pailletten und kleinen Perlen. Alles wird per Hand ausgeschnitten und mit Nadel und Faden zusammengenäht, teilweise kommt noch echtes Heu dazu. Jedes Teil ist ein Unikat. Die Sachen stellt sie aus und verkauft sie in Geschäften, zum Beispiel im ‚Banfill Locke Center for the Arts‘, einem historischen Haus von 1847 direkt am Mississippi. „Dort treffe ich mich jeden Mittwochnachmittag mit einer Kunstgruppe. Wir arbeiten alle an unseren eigenen Sachen, helfen auch viel ehrenamtlich und haben Spaß.“

Es gibt noch mehrere Läden, in denen sie ihre Sachen anbietet, die meisten in Minnesota, und neuerdings in einem Lama- und Alpaka-Laden in Michigan. Größere Bilder stellt sie in Galerien, Restaurants und anderen Geschäften aus. „Ich hatte auch eine Ausstellung in einem neu eröffneten Katzen-Café in Minneapolis. Da kann man Kaffee trinken und in einem Zimmer mit Katzen spielen, die zu adoptieren sind.“ Und ein skandinavisches Restaurant überlässt ihr jedes Jahr den ganzen Dezember zur Wandgestaltung. „Hier wird Kreativität sehr geschätzt, muss ich sagen.“


A dler. Der Weißkopfseeadler ist ja bekanntlich das Symbol der USA. Adler stehen auch in den USA unter Naturschutz. In der Gegend um Minneapolis leben viele der Vögel. Beim Spazierengehen sieht man häufig Adlernester auf den Bäumen. Aber Achtung, bloß keine Adlerfedern aufheben! Das wird teuer! „Wenn man eine Adlerfeder findet, darf man sie nicht mit nach Hause nehmen. Das wird mit $100.000 und fünf Jahren Gefängnis bestraft. Die Adler gehören nämlich den Indianern.“ Die Federn werden alle nach Colorado geschickt und die Indianer benutzen sie für Zeremonien und Kopfschmuck. Indianer wohnen auch in der Stadt und unter anderem auf einem Reservat im Norden von Minnesota. Die Leute sind dort sehr sensibel gegenüber Rasse und Herkunft. „Es wird hier gesagt, dass die Weißen gewisse Rechte haben, nur weil sie weiß sind und ich glaube, das stimmt auch. Ich beobachte in Geschäften, wie Leute behandelt werden und da gibt es leider schon Unterschiede.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben