Gedenkfeier

Pogromgedenken: Schüler erinnern an Erndtebrücker Juden

Viertklässler der Grundschule Erndtebrück legen für jeden in Erndtebrück lebenden und später getöteten Juden eine weiße Rose an der Gedenktafel an der Bergstraße nieder.

Viertklässler der Grundschule Erndtebrück legen für jeden in Erndtebrück lebenden und später getöteten Juden eine weiße Rose an der Gedenktafel an der Bergstraße nieder.

Foto: Britta Prasse

Erndtebrück.  Am 9. November 1938 leitete die Reichspogromnacht den Holocaust ein. Erndtebrücker Schüler gedenken der Opfer und halten die Erinnerung aufrecht.

Zehn weiße Rosen, zehn Schicksale: In der Zeit von 1942 bis 1945 fielen zehn jüdische Bürger in Erndtebrück der NS-Vernichtungsmaschinerie zum Opfer. Am Freitagvormittag versammelten sich die Viertklässler der Grundschule Erndtebrück sowie Schüler der Realschule Erndtebrück zunächst in der Evangelischen Kirche, um im Rahmen einer Gedenkfeier an die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu erinnern.

Bis heute hallen die schrecklichen Ereignisse in jener Nacht im deutschen Kollektivgedächtnis nach: Jüdische Geschäfte wurden geplündert und zerstört, jüdische Wohnungen verwüstet, jüdische Frauen und Männer misshandelt, weggesperrt und getötet. Die Pogromnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung der Juden hin zu der systematischen Verfolgung, die schließlich im Holocaust endete.

Die Relevanz

Zehn jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Erndtebrück wurden während des Nazi-Regimes vertrieben und schließlich in Konzentrationslagern getötet. Ihre Geschichte zeigt, dass der systematische Terror direkt vor der eigenen Haustür stattfand – an der Marburger Straße, an der Benfer Brücke, in der Bergstraße.

81 Jahre sind seitdem vergangen – und trotzdem hat die Thematik des blinden Hasses weder an Aktualität noch an Relevanz verloren. „Ich werde oft gefragt, wie wir als Lehrer Kinder in diesem Alter mit so einer Grausamkeit konfrontieren können“, erzählt Thorsten Denker, Leiter der Grundschule Erndtebrück. „Doch solange solche Ereignisse wie in Halle vor zwei Monaten passieren, bei dem ein junger Mann einen Anschlag auf eine Synagoge beging und zwei Menschen umbrachte, ist es wichtig, darüber zu sprechen. Wir müssen uns an das Schreckliche erinnern, damit es nie wieder passiert.“

Der Appell

Anschläge wie der in Halle zeigen, dass Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus immer noch in der Gesellschaft auftreten. Ein Gewaltpotenzial, von dem sich Erndtebrücks Bürgermeister Henning Gronau klar distanzieren möchte und speziell an die Kinder appelliert: „Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Hass – Lasst uns alle beweisen, dass wir das Gegenteil von diesen Begriffen sind!“ Stattdessen sollten Inklusion, Fremdenfreundlichkeit und Akzeptanz gelebt werden – „für ein faires Miteinander“.

Die Bedeutung

Nach der kurzen Gedenkfeier in der Kirche versammelte sich die Gemeinde vor der Gedenktafel an der Bergstraße, an der die zehn Namen der zehn ermordeten Erndtebrücker Juden eingraviert sind. Nacheinander legten dort die Grundschulkinder zehn weiße Rosen nieder – ein Symbol für Abschied, aber auch für Unschuld.

>>> DIE NAMEN AUF DER GEDENKTAFEL

  • Ingeborg-Eleonore Simon – im Alter von 14 Jahren im KZ Minsk umgebracht
  • Heinz-Nathan Simon – im Alter von 14 Jahren im KZ Minsk umgebracht
  • Bella Simon (geb. Levi) – im Alter von 46 Jahren im KZ Minsk umgebracht
  • Ruth Winter – im Alter von 15 Jahren im KZ Auschwitz umgebracht
  • Kurt Winter – im Alter von 22 Jahren im KZ Auschwitz umgebracht
  • Luise-Else Winter (geb. Moses) – im Alter von 44 Jahren im KZ Auschwitz umgebracht
  • Arthur Winter – im Alter von 55 Jahren im KZ Auschwitz umgebracht
  • Moritz Moses – im Alter von 67 Jahren im KZ Zamosc umgebracht
  • Betty Moses (geb. Grünebaum) – im Alter von 50 Jahren im KZ Zamosc umgebracht
  • Friederike Dickhaut (geb. Goldschmidt) – im Alter von 70 Jahren im KZ Auschwitz umgebracht
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben