Sohl

Sohler Bürger möchten Windräder verschieben

Der Fokus liegt auf drei Windenergieanlagen nordöstlich von Sohl. Lothar Hayo legt den Zollstock an: Etwas mehr als 2,2 Zentimeter beträgt der Abstand zwischen der nächstgelegenen Anlage und dem Haus von Familie Frank auf der Landkarte - nur rund 550 Meter sind das in der Realität.

Der Fokus liegt auf drei Windenergieanlagen nordöstlich von Sohl. Lothar Hayo legt den Zollstock an: Etwas mehr als 2,2 Zentimeter beträgt der Abstand zwischen der nächstgelegenen Anlage und dem Haus von Familie Frank auf der Landkarte - nur rund 550 Meter sind das in der Realität.

Foto: Benedikt Bernshausen WP

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Sohl . Gerade einmal acht Häuser stehen in einem der kleinsten Dörfer Wittgensteins. Nur etwas mehr als 30 Menschen wohnen in Sohl. Hier fehlen Geschäfte, ebenso Datenkabel für schnelles Internet, Mobilfunknetze und Linienbusse. Trotzdem leben die Bewohner gern inmitten der Natur.

Lothar Hayo und Wolfgang Hartisch sind keine „Ureinwohner“, sondern zugezogen: „Wir haben hier Ruhe und Stille gefunden und sind mit wenigen Schritten in der Natur“, beschreibt Hayo die Vorteile der Siedlung an der Landesgrenze zu Hessen. Doch die Bewohner von Sohl befürchten, dass ein Windpark innerhalb eines Vierecks zwischen Fischelbach, Sohl, Heiligenborn und Bernshausen ihnen diese Ruhe nimmt.

Die Planungen verfolgten die Sohler in der Westfalenpost: Im Frühjahr lasen sie dort von „vier bis fünf Anlagen nahe Puderbach“, später von „vier bis fünf Anlagen nahe Bernshausen“ und schließlich von zehn Windrädern. Soweit kein Problem. Doch am 18. September 2013 erregte der Bericht über eine Bauausschuss-Sitzung in ihrer Zeitung das Interesse der Dorf-Bevölkerung. Patrick Körner von der Projektentwicklungs-Gesellschaft „juwi“ stellte die neuesten Planungen vor: Danach stehen drei von zehn Anlagen (Nummer 8 – 10) in der Nähe des Dorfes, die nächstgelegene ist nur 550 Metern zur Wohnbebauung entfernt, die beiden anderen weniger als 700 Meter.

„Wir waren schockiert und überrascht“, erinnert sich Lothar Hayo an die Reaktionen im Ort – und an den eigenen Gewissenskonflikt: Grundsätzlich sei er für Windenergie. Allerdings sollten die Anlagen in vertretbaren Abständen zu Wohngebieten aufgestellt werden. Rückblickend vermutet Hartisch, als einmal von Anlagen im „Niemandsland bei Bernshausen“ die Rede gewesen sei, hätten die Verantwortlichen Sohl offenbar vergessen. Mehr noch: Zwei der Räder sollen unmittelbar in der Nähe der Ilsequelle und des Rothaarsteiges aufgebaut werden – eines gerade einmal rund 300 Meter entfernt. Natur erleben im Schatten der Rotoren?

Hessen hat andere Abstandsregeln

Bisher kannten beide Männer unter anderem die Regelung aus Hessen, wo ein Mindestabstand von 1000 Metern zur Wohnbebauung eingehalten werden soll. Wobei im Falle von „Splittersiedlungen“ auch geringere Abstände gerechtfertigt sein können. „Es gibt eine Unterscheidung: Zu Flächen, die im Regionalplan als Vorranggebiet für Siedlungen ausgewiesen sind, halten wir einen Abstand von 1000 Metern, zu Wohnflächen im Außenbereich regelmäßig 600 Meter oder mehr“, erklärt Dr. Ivo Gerhardt, Dezernatsleiter für Obere Landesplanung beim Regierungspräsidium Gießen.

Das Problem der Menschen in Sohl: Sie wohnen einen Steinwurf von Hessen entfernt, in NRW. Hier sind die Bestimmungen weniger präzise. Dazu Olaf Vetter, Fachserviceleiter für Bauen, Wohnen und Emission des Kreises Siegen-Wittgenstein: Ein Maßzahl für den geeigneten Abstand einer Windenergieanlage zur Wohnbebauung, sei die dreifache Höhe des Windrades – etwa 600 Meter. „In der Regel sind wir damit auf der sicheren Seite“, sagt Vetter und erklärt, dass dieser Abstand oft ausreiche, eine „erdrückende Lärmbelästigung“ zu verhindern. Einziger Haken: Die Ortschaft Sohl liegt vollständig im planerischen Außenbereich, die Menschen leben allesamt auf „Flächen für die Landwirtschaft“. Dadurch kann sich der Abstand von der drei- auf die zweifache Höhe der Anlagen reduzieren. „Das muss aber im Einzelfall entschieden werden“, betont Vetter und erläutert weiter: Während im Innenbereich in den Nachtstunden ein Lärmpegel von 40 Dezibel nicht überschritten werden dürfe, gelte für den Außenbereich 45 Dezibel. Deshalb könnte zum Beispiel sein, dass nach der Testlaufphase der bei Hesselbach errichten Anlagen der „Wittgenstein New Energy GmbH“, eine teilweise Nachtabschaltung erfolgen muss. Das sei aber bisher nur seine Prognose , so Vetter.

Zu laute Anlagen werden gebremst

Die geplanten Windenergieanlagen zwischen Bernshausen und Sohl befinden sich bei der Kreisverwaltung in der Genehmigungsphase. Tatsächlich müsse die Behörde bei „der einen oder anderen Anlage“ die immissionsschutzrechtlichen Voraussetzungen genauer prüfen. Möglicherweise erhärten sich dann die Bedenken der Sohler Bürger, die um ihre Ruhe fürchten. Derzeit sei aber auch bereits die artenschutzrechtliche Planung in vollem Gange. Sie steht am Ende des Genehmigungsverfahren, weiß der Fachservice-Leiter. Sollten die Anlagen stehen und über das erlaubte Maß hinaus lärmen, können die Bewohner rechtliche Schritte einleiten. Doch soweit müsse es nach Meinung der Sohler nicht kommen. Sie suchten deshalb zunächst das Gespräch mit dem Planer Patrick Körner und Henning Graf Kanitz, dem Vertreter der Waldbesitzer, in der Sohler Skihütte. Dort trugen die Bewohner am 9. Oktober 2013 ihre Bedenken vor und hofften auf eine einvernehmliche Lösung, die „mit ein bisschen gutem Willen sicher möglich wäre“, meint Hayo. Sie schlugen vor, die Anlagen 8, 9 und 10 in nord-östliche Richtung zu verschieben. Körner versprach, die Angelegenheit und die Umsetzbarkeit des Vorschlages prüfen zu wollen – und das innerhalb der nächsten vier Wochen.

Planer will Tür nicht zuschlagen

Das bekräftigte Körner gestern in einem Telefonat. „Erst nach dieser Zeit kann ich eine Rückmeldung geben“, verspricht der Planer, der in der Zwischenzeit „wirtschaftliche Betrachtungen“ mit dem Ziel der Einigung anstellt. Das Gespräch mit den Bürgern hatte auch Symbolcharakter. „Wir wollen die Tür nicht einfach zumachen“, so Körner. Er könne die Sorgen verstehen, wundere sich aber über den Zeitpunkt, da die Planungen schon seit einiger Zeit laufen. „Wir müssen uns nun Gedanken machen, brauchen dafür aber Bedenkzeit.“

Die Sohler müssen also abwarten - sind aber auch enttäuscht. Enttäuscht von der Stadt Bad Laasphe, die es noch nicht geschafft hat, Vorrangflächen für Windenergie auszuweisen und nun keinen Einfluss auf die Standortwahl mehr hat.

Ob nun aber am Ende die Ruhe in Sohl wirklich der Windkraft weicht, steht in den Sternen. Noch ist eine einvernehmliche Lösung möglich.

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