Heimatverein Wittgenstein

Tobias Kaiser soll 600-Jahr-Feier von Dotzlar einstimmen

Tobias Kaiser soll in diesem besonderen Jahr für Dotzlar die Heimatfreunde auf die 600-Jahr-Feier des Dorfes einstimmen .

Foto: Bastian Grebe

Tobias Kaiser soll in diesem besonderen Jahr für Dotzlar die Heimatfreunde auf die 600-Jahr-Feier des Dorfes einstimmen . Foto: Bastian Grebe

Dotzlar.   In seinem Festvortrag gibt Dr. Tobias Kaiser eine ehrliche Einführung in die Geschichte von Dotzlar. Er spricht auch von einem verruchten Dorf.

Die Jahreshauptversammlung des Heimatvereins Wittgenstein ist vorbei, doch Wingeshäuser, Feudinger oder Raumländer bleiben in der Kulturhalle Dotzlar sitzen. Sie wollen einen der bekanntesten Söhne des Dorfes der „Affen und Bären“ hören.

Dr. Tobias Kaiser, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Berlin, in diesem besonderen Jahr für Dotzlar die Heimatfreunde auf die 600-Jahr-Feier des Dorfes einstimmen – mit einem denkwürdigen Vortrag über die geschichtliche Entwicklung der Ortschaft.

„Ich freue mich, dass ich jetzt vor Ihnen stehe und kann verraten, dass die Recherche zu der Geschichte Dotzlars nicht einfach war“, verkündet der gebürtige Wittgensteiner vorab. Kaiser kennt das Dorf sehr gut, sein Vater Helmut war lange Jahre Ortsvorsteher, er selber ist dort groß geworden, hat den Brauch des Bärentanzesmitgemacht, ehe er nach dem Abitur für ein Lehramts-Studium – neben Mathematik selbstverständlich auch Geschichte – nach Marburg ging.

Lücken wecken den Ehrgeiz

Doch der Kontakt ist nie ganz abgebrochen, wie auch Rolf Benfer, Pressesprecher des Festausschusses der 600-Jahr-Feier, weiß: „Ich habe dem Tobias ein bisschen zugearbeitet, allerdings bin ich beeindruckt, wie er die Fakten und Eigenrecherchen wissenschaftlich aufbereitet hat.“

Inhaltlich erläutert Kaiser die Schwierigkeiten für die Wissenschaft, Dorfgeschichten modern aufzuarbeiten. Da wäre der Gemeinderat, zu dem bis zum Jahr 1945 keine Akten mehr existieren. Diese Lücken in der Dorfgeschichte wecken Kaisers Ehrgeiz und Gründlichkeit.

Er durchforstet Kirchen- und Stadtarchive, sondiert die Schulchroniken oder spricht mit Menschen wie Elfriede Born, die seit fast 100 Jahren in Dotzlar lebt. So kommen kleinere Rätsel zu Tage, wie der Verbleib der über 600 Jahre alten Glocke, deren Inschrift eine Nennung Dotzlars im Jahre 1278 verifizieren soll. „Bisher findet das Dorf erst 1418 die erste Erwähnung in den Büchern“, erklärt Kaiser begeistert.

Der Historiker wandert durch die Dekaden der Zeit, über finanzielle Subventionen durch den preußischen Kaiser Wilhelm I, der 1885 mit rund 8000 Mark am Neubau der Schule beteiligt war, oder die Entwicklung der Dorfgemeinschaft, der Entstehung der drei Mühlen oder auch die Wichtigkeit des Bergbaus, der in einem „Schieferrausch“ gipfelte.

Doch auch die vermeintlich dunklen Stunden des Dorfes beleuchtet Kaiser eindrucksvoll und berichtet über die Tumulte rund um den Eisenbahnbau um 1909 und die damit verbundene Selbstjustiz zwischen Bevölkerung und böhmischen Gastarbeitern. - Oder von schummrigen Kneipen, die im damals verruchten Dorf einen sittlichen Verfall offenbaren. So konnte der Gesangverein „Liederkranz“ im Jahr 1910 wegen unhaltbarer Zuständen nur schwerlich das Sängerfest veranstalten. Nach dem zweiten Weltkrieg, in dessen Verlauf „ganz Wittgenstein nationalsozialisiert war“ (Kaiser), poliert Dotzlar seinen Ruf auf und gilt fortan als „Dorf der vielen Kinder“, das 1959 erneut die Grundschule saniert.

Kaisers Vortrag dauert rund eine Stunde und er touchiert einige Themen nur ganz sanft – mit Absicht, die er als Aufforderung versteht: „Dotzlar wird bald 600 Jahre alt und wie ihr seht, ergeben sich aus der Dorfgeschichte viele Rätsel. Jeder kann im Hinblick auf den Geburtstag im Sommer mitarbeiten, dass diese gelöst werden.“

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