Forstwirtschaft

Der Wald, wie wir ihn heute kennen, wird verschwinden

Revierförster Arndt Wolzenburg (links) demonstriert auf einer Karte für den Stadtwald Bad Berleburg, wie sich der Borkenkäfer ausbreitet. Die Karte stammt aus einer App, in die die Förster die aktuellsten Entwicklungen einpflegen. Forstamtsleiter Diethard Altrogge (rechts) beschreibt einen radikalen Wandel

Revierförster Arndt Wolzenburg (links) demonstriert auf einer Karte für den Stadtwald Bad Berleburg, wie sich der Borkenkäfer ausbreitet. Die Karte stammt aus einer App, in die die Förster die aktuellsten Entwicklungen einpflegen. Forstamtsleiter Diethard Altrogge (rechts) beschreibt einen radikalen Wandel

Foto: Lars-Peter Dickel

Wittgenstein.  Die Forstwirtschaft steht vor einem radikalen Wandel. Wie der für Waldbesitzer aber auch für Waldbesucher aussehen wird beschreiben Experten.

Die Botschaft ist klar: Der Wald, wie wir ihn heute kennen, wird verschwinden. Waldbesitzer, Forstwirtschaft und Holzwirtschaft stehen vor einem radikalen Umbruch. Krise, Kalamität und Katastrophe. Das sind die drei Begriffe, die am Dienstagabend am meisten fallen, als das Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein die dramatische Situation der Wälder Wittgensteins schildert. Zum Klimawandel mit seinen Folgen, den Stürmen und der langen Trockenheit, kommt nun eine Borkenkäferplage, wie es sei seit einem Jahrhundert nicht mehr gegeben hat.

Der Leiter des Regionalforstamtes, Diethard Altrogge, hat gemeinsam mit seinen Kollegen Helmut Ahlborn, Klaus Daum und Arndt Wolzenburg Vertreter der Waldbesitzervereinigung Wittgenstein eingeladen, um über die Folgen der Katastrophe und Folgerungen daraus zu sprechen.

Rasante Entwicklung

Im Bad Berleburger Stadtwald, an der Windbrache, wird schnell deutlich, wie dramatisch die Lage ist: „Die Trockenheit hat die Bäume getötet, der Borkenkäfer erledigt den Rest“, erklärt Klaus Daum. Innerhalb von vier Wochen sind dort 1200 Festmeter Holz auf 40 Hektar dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. „Der Borkenkäfer überrollt uns“, sagt Altrogge und Helmut Ahlborn rechnet vor, dass aus den Käfern, die einen Stamm besiedeln, 1,6 Milliarden Käfer werden. Die Forstwirte haben keine Chance, weil es keinen Sinn mache, die befallenen Bäume zu fällen. „Im Holz sind nur noch 20 Prozent der Käfer, der Rest sitzt schon im Boden. Also werden wir die Bäume stehen lassen“, erläutert Klaus Daum die Vorgehensweise. Auch das chemische Behandeln der Polter mache keinen Sinn, wie sich an Beispielen aus Hessen zeige.

„Dann ist ja alles, was wir mal gelernt haben falsch“, schüttelt Waldbesitzer Heinrich Sonneborn den Kopf. Aber die Logik ist klar: Das Durchforsten koste Geld, bringe aber rein gar nichts. Zum Problem der Schäden komme das Vermarktungsproblem: „Der Holzmarkt ist tot“, sagt Daum. Aktuell reichten die Kapazitäten der Sägewerke für rund 30.000 Festmeter im Quartal. Durch den Käfer fielen aber 60.000 an. Schon jetzt habe man 100.000 Festmeter über die WBV sicher vermarktet, aber mehr vertrage der Markt nicht. „Die Sägewerke machen schon drei Schichten“, so Arndt Wolzenburg, der seit Juli für das Revier Berleburg zuständige Förster.

Von der Trockenheit sind vor allem die Südhanglagen betroffen. In Bad Laasphe sind es laut Klaus Daum bis zu 100.000 Festmeter totes Holz, die da im Wald stehen – und auch erst einmal stehen bleiben. Das will vielen Waldbesitzern und erst recht vielen Bürgern nicht in den Kopf: Warum werden zum Teil noch grüne Bäume umgesägt und silbrige tote bleiben stehen?

Jäger mit ins Boot

Die Herausforderung über die Borkenkäferkalamität hinaus wird der Waldumbau sein: Aus der Durchforstung gibt es keine Erlöse, das Saatgut für Bäume wird aber teuer sein, weiß Ahlborn. Also bleibt die regenerative Kraft der Natur. „Wir werden langfristig ein kontinentales Klima bekommen“, Altrogge sagt trockenen Sommer und starken Regenfällen im Winter voraus. Statt der Fichte kann man auf Laubbäume setzen, denen aber droht laut Altrogge der Verbiss durch das Wild. „Wir werden Übereinkünfte mit den Jagdpächtern erzielen müssen“, sagt Daum und weiß, dass die aber vor allem jagen und Wild sehen wollen.

„Dann bleibt uns ja nur zu gattern“, weiß Heinrich Sonneborn und denkt dabei auch an die Kosten bei langfristig ungewissem Ertrag. Die Botschaft ist klar, der Wald wird sich verändern, und die Forstwirtschaft wird es deshalb auch.

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