Feuerwehrseelsorge

Wenn Erndtebrücks Helfer selbst Hilfe brauchen

Ein Einsatz ist nicht nur körperlich, sondern kann auch mental belastend sein.

Ein Einsatz ist nicht nur körperlich, sondern kann auch mental belastend sein.

Foto: Dickel

Erndtebrück.   Einsätze können für Feuerwehrleute vor allem auch psychisch und seelisch belastend sein. Wie Seelsorgerin Kerstin Grünert sich darum kümmert.

Sie löschen Brände, retten Tier und Mensch vor dem Flammentod, schneiden eingeklemmte Verletzte aus zerstörten Autowracks, leisten am Straßenrand Ersthilfe – und geraten dabei auch mit dem Tod in Kontakt. Ist der Einsatz beendet, verschwinden die Feuerwehrleute wieder vom Ort des Geschehens. Aber eben jenes Geschehen bleibt oftmals im Kopf. Und wirft Fragen auf.

„Ich habe nicht ausgereicht, ich habe meine Arbeit nicht genug gemacht – das sind dann mitunter die Gedanken, die den Feuerwehrleuten, die mit mir sprechen, durch den Kopf gehen“, berichtet Pfarrerin Kerstin Grünert, die seit drei Jahren als Fachberaterin Seelsorge, so die offizielle Bezeichnung, für den seelisch-psychischen Beistand der Erndtebrücker Feuerwehrleute während und nach Einsätzen zuständig ist.

Angst um Verwandte und Bekannte

Neben der Konfrontation mit dem eigenen Ende begleitet Feuerwehrleute in der kleinen Gemeinde Erndtebrück auch eine weitere Angst: „Der Pieper, der den Alarm meldet, zeigt Einsatzart und Adresse an“, erklärt Grünert. Jeder kenne im Grunde so gut wie jeden, wisse, wer wo wohne. „Da ist dann natürlich auch sofort die Angst, dass einem Verwandten oder Bekannten etwas passiert ist“, betont die Pfarrerin.

Sie selbst ist zur Feuerwehrseelsorge gekommen „wie die Jungfrau zum Kind“, erinnert sie sich. Nach ihrem Amtsantritt in Erndtebrück im Jahr 2016 wurde sie bei einem Besuch bei einer Feier der Freiwilligen Feuerwehr nach einem spontanen Grußwort ihrerseits vom Leiter der

Feuerwehr, Karl-Friedrich Müller, gefragt, ob sie sich nicht als Seelsorgerin für die Einsatzkräfte engagieren wolle.

Lange überlegen musste Grünert nicht: „Ich komme aus einem Elternhaus, in dem es immer eine große Nähe zur Feuerwehr gab“, erklärt die Pfarrerin und fügt hinzu: „Mit dem Angebot hat er bei mir offene Türen eingerannt.“

Niedrige Hemmschwelle

Die Tatsache, dass Grünert als Pfarrerin in der Gemeinde omnipräsent ist, sieht sie in Bezug auf ihre Arbeit als Feuerwehr-Seelsorgerin als großen Vorteil – denn so ist die Hemmschwelle für Feuerwehrleute, die mit ihr über ihre Sorgen nach Einsätzen sprechen wollen, niedriger.

„Ich würde nicht sagen, dass die Belastung bewusst unterschätzt wird, aber es ist schon noch so, dass die Einstellung, dass man das schon irgendwie geregelt kriegt, vorherrscht“, weiß Grünert. Ein Gespräch helfe jedoch durchaus. „Wenn sie dann erst einmal ins Erzählen kommen, merkt man das schon.“

Die Feuerwehrleute respektieren Grünerts Arbeit. Einen besonderen Moment erlebte sie nach einem tödlichen Unfall, zu dem sie eines Nachts als Seelsorgerin gerufen wurde. „Das war ein schlimmer Einsatz“, erinnert sich Grünert. Für den jungen Mann, der verunglückt war, konnte nichts mehr getan werden.

Grünert entschloss sich, den Verstorbenen noch an Ort und Stelle auszusegnen. „In dem Moment hielten alle anderen, Polizisten wie Feuerwehrleute, die am Unfallort beschäftigt waren, inne und ließen mich meine Arbeit machen.“

Der Glaube wird nicht aufgezwungen

Ob der junge Mann religiös war, wusste sie zu diesem Zeitpunkt nicht – aber den Einsatzkräften als auch ihr selbst gab die Aussegnung ein gutes Gefühl.

„Gott und mein Glaube sind meine Motivation, diese Arbeit zu tun. Als Seelsorger halte ich den Glauben aber aus den Gesprächen komplett heraus – es sei denn, mein Gesprächspartner will ihn von sich aus mit einbeziehen“, betont Grünert. Niemandem werde der Glaube aufgezwungen, der das nicht wolle. „Es gäbe zum Beispiel auch nichts grausameres, als in einem Gespräch mit Angehörigen zu sagen ‘es wird sich schon irgendwann zu erkennen geben, was der liebe Gott vorhatte’“, gibt Grünert zu bedenken.

Ihr selbst hilft der Glaube im Umgang mit den Gesprächen und den Situationen, die sie begleitet. „Ich bin in meinem Glauben verwurzelt und sehe die Aufgabe als ein Geschenk an“, betont Grünert.

Professionelle Distanz wichtig

Besonders im Kontakt mit Betroffenen sei eine professionelle Distanz wichtig. „Wenn ich dann auch noch anfangen würde zu weinen, würde das den Menschen auch nicht helfen“, weiß Grünert, die zum Beispiel in Fällen von Bränden oder Unfällen versucht, Angehörige und Betroffene aus der Situation zu holen – weg vom Blaulicht.

„Klar, es gibt auch Momente, die mich mitnehmen“, berichtet sie zum Beispiel vom Fall eines verstorbenen Säuglings, dessen Beerdigung sie als Pfarrerin begleitete. Am auf die Beerdigung folgenden Abend, als sie ihre eigenen Kinder ins Bett brachte, überwältigten sie die Bilder des kleinen Sarges. Aber: „Es wäre auch schlimm, wenn mich das nicht bewegen würde.“

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