Serie „Mutmacher“

Wie Harald Wagner aus Puderbach der MS die Stirn bietet

Harald Wagner ist im Alltag zum Großteil auf den Rollstuhl angewiesen, weil die Krankheit ihm viel von seinem Gleichgewichtssinn genommen hat.

Harald Wagner ist im Alltag zum Großteil auf den Rollstuhl angewiesen, weil die Krankheit ihm viel von seinem Gleichgewichtssinn genommen hat.

Foto: Britta Prasse

Puderbach.  Harald Wagner aus Puderbach erhält mit 24 die Diagnose: Multiple Sklerose. 20 Jahre später weiß er, dass das Leben damit längst nicht vorbei ist.

Er steht gerade im Tor, als er merkt, dass etwas nicht stimmt. Es ist Sonntag, ein Auswärtsspiel der ersten Mannschaft des FC Laasphe in Krombach-Eichen. Harald Wagner bekommt einen Ball an die Brust, sieht plötzlich Sternchen auf einem Auge und verliert kurz die Orientierung. Am Montag geht er direkt zur Ärztin. Eine Sehnerv-Entzündung. Sie soll weiter abgeklärt werden, um das Schlimmste auszuschließen. Doch genau das tritt ein. Diagnose: Multiple Sklerose (MS). Mit 24 Jahren. „Im ersten Moment dachte ich: ‚Scheiße, das Leben ist jetzt vorbei‘“, sagt Wagner. Heute weiß er, dass er Unrecht hatte.

Die Unwissenheit

1999 ist das Jahr, das alles verändert. Wagner arbeitet gerade als Radarmechaniker bei der Luftwaffe in Erndtebrück, spielt erfolgreich beim FC Laasphe, im Juni wird er Schützenkönig in Fischelbach. Er steht mitten im Leben, als bei ihm überraschend MS festgestellt wird. Eine Krankheit, die sich bedrohlich anhört, von der er zu diesem Zeitpunkt aber so gut wie gar nichts weiß. „Ein Arzt in Siegen meinte zu mir, dass es eine Autoimmun-Erkrankung sei, woran man aber nicht sterbe“, erinnert sich Wagner. Er informiert sich über Broschüren, die in Apotheken ausliegen oder die er von Freunden und Bekannten bekommt. Internet und „Dr. Google“ spielen zu der Zeit noch keine Rolle.

MS verläuft in Schüben, in denen die Symptome ganz unterschiedlich ausgeprägt sein können. Mal gibt es Ausfallerscheinungen in der Motorik, dann wieder Störungen bei der Sensibilität, beim Sehen oder Sprechen. Wagners erster Schub im Diagnose-Jahr 1999 ist nach fünf Wochen vorbei, eineinhalb Jahre später erleidet er den nächsten Schub. „Da habe ich so stark gelallt, so viel hätte ich im Leben gar nicht trinken können“, macht sich Wagner heute rückblickend über sich selbst lustig. 2002 wird er schließlich auf Medikamente eingestellt, die die Häufigkeit der Schübe vermindern und den Krankheitsprozess verlangsamen. Eine Heilung gibt es aber bis heute nicht.

Der Kampf

Und dennoch ist Wagner dankbar. Dafür, dass er auch noch nach 20 Jahren mit der MS weitestgehend selbstständig leben kann. „Ich habe Leute in der Reha getroffen, die konnten nach zwei Schüben gar nichts mehr“, erzählt Wagner. Natürlich habe er sich am Anfang die Frage gestellt, warum es ausgerechnet ihn getroffen habe. „Habe ich zu viel Sport gemacht? Habe ich phasenweise zu viel getrunken?“ – Fragen, die unbeantwortet bleiben. Auch die Forschung kann bislang keine ausschlaggebenden Ursachen für die Erkrankung ausmachen. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, nimmt Wagner sein Schicksal an – und konzentriert sich auf das, was er beeinflussen kann. Sein Gleichgewicht und Laufen ist mittlerweile so stark eingeschränkt, dass er zum größten Teil auf den Rollstuhl angewiesen ist. Bewegungsunfähig ist er dadurch aber noch lange nicht.

„Zwei Mal die Woche gehe ich sowohl zur Ergotherapie als auch zur Physiotherapie. Drei bis vier Mal die Woche bin ich im Fitness-Studio und einmal in der Woche steht Rolli-Basketball auf dem Plan“, zählt Wagner auf. Mit einem Vollzeit-Job und Familienleben wäre das nur schwer umsetzbar. Seit Ende 2011 ist er Frührentner – da ist er gerade mal 36 Jahre alt. „Auch das musste ich erst mal akzeptieren lernen. Nicht mehr arbeiten zu können.“

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Das Engagement

Viel beschäftigt ist Wagner trotzdem. Er ist unter anderem im Ortsheimatverein Puderbach aktiv und hat sich dafür eingesetzt, dass das Dorfgemeinschaftshaus barrierefrei wird. „Wir haben eine Rampe am Eingang bauen lassen. Da hat es bei einigen Leuten ‚klick‘ gemacht, weil sie gemerkt haben, dass das durchaus komfortabel ist und sie zum Beispiel ihren Rollator nicht mehr über die Stufen anheben müssen“, erklärt Wagner. Ein weiterer Schwerpunkt: sein Engagement in der MS-Selbsthilfegruppe in Bad Laasphe. Vor knapp fünf Jahren hat er diese mit anderen Betroffenen gegründet, um sich auszutauschen, sich gegenseitig Mut zu machen – aber auch einfach, um zusammen Spaß zu haben. Humor sei wichtig, vielleicht sogar überlebenswichtig. Mit seiner selbstironischen Haltung entzieht er seiner Krankheit die Macht. „Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, sage ich grundsätzlich: ‚Gehen? Gehen ist schlecht, aber es rollt sich gut‘“. Seine Krankheit soll ihn nicht im Griff haben. Er hat sie im Griff.

Der Rückhalt

Zu dieser Lebensfreude zu finden war ein langer Prozess, in dem Wagner viel Rückhalt erfahren hat. „Wenn meine Familie nicht hinter mir gestanden hätte, wüsste ich nicht, wo ich jetzt bin“, sagt er. 2008 lernt er „seine“ Julia kennen, kurz darauf ziehen die beiden nach Puderbach, 2010 geben sie sich das Ja-Wort. Mit einem Kind soll das Familienglück perfekt gemacht werden. Doch auch dieses Mal hat das Schicksal andere Pläne. Seine Frau erleidet zwei Fehlgeburten. Manche Paare können dieses Trauma nie verarbeiten. Doch die Wagners schaffen es. „Die ganze Zeit hat uns noch mehr zusammengeschweißt.“ Das Paar hält an seinem Kinderwunsch fest – und wird schließlich 2016 mit seinem Sonnenschein Emmi belohnt.

Die Dankbarkeit

„Meine Tochter ist die beste Therapie für mich“, sagt Wagner. Er genießt die gemeinsame Zeit mit Emmi, hat jeden Entwicklungsschritt von ihr mitbekommen, wie sie anfing zu laufen und zu sprechen. Ein Privileg, das arbeitenden Vätern oft verwehrt bleibt. Auch dafür ist Wagner dankbar. „Ich habe sehr viel Glück gehabt. Ich kann immer noch Auto fahren, ich habe eine tolle Familie – es ist alles gut.“ Das Leben ist nicht vorbei. Nur anders.

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