Zuwachs und Abgänge

Wisentbullen wandeln wohl auf Freiersfüßen nach Hessen

Dieser Jungbulle aus der Wittgensteiner Wisentherde ist auf dem Weg nach Hessen. Die Aufnahme stammt vom Jagdberg, wenige Meter vor der Landesgrenze.

Dieser Jungbulle aus der Wittgensteiner Wisentherde ist auf dem Weg nach Hessen. Die Aufnahme stammt vom Jagdberg, wenige Meter vor der Landesgrenze.

Foto: Privat

Bad Berleburg/Dietzhölztal.   Bewegung in der Wisent-Wildnis: Zwei Jungtiere bewegen sich offenbar seit Wochen auf Freiersfüßen und sind mittlerweile im Hessenforst angekommen

Der Wisent-Verein meldet die sechste Geburt eines Kälbchens in der frei lebenden Herde im Rothaargebirge. Der Nachwuchs ist in der vergangenen Woche erstmals im Bereich der Waldskulptur „Lost Falcon“ am Rothaarsteig von einem Mitarbeiter der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer gesehen worden.

Wisent-Ranger Jochen Born ist dem Hinweis nachgegangen und hat jetzt den sechsten Nachwuchs in diesem Jahr bestätigt, nachdem er das Kalb im Kreis der Gruppe ein paar Tage später entdeckt hatte. Dem Kalb geht es dem Augenschein nach gut. Es ist schätzungsweise um die sechs Wochen alt.

Sichtungen am Jagdberg an der Landesgrenze

Die Geburt nicht mitbekommen haben dürften zwei Jungbullen, die sich – ähnlich wie vor einem Jahr – von der Herde abgesetzt haben. Sie sind Anfang/Mitte Juli nahe der hessischen Landesgrenze am Jagdberg gesehen worden. Mittlerweile hat sich das Duo wohl getrennt, denn nur noch ein Wisentbulle hielt sich zumindest bis Ende vergangener Woche im Revier Dietzhölztal sowie im Gebiet Wiesenbach/Breidenbach auf.

„Einer unser Mitarbeiter konnte den Jungbullen sogar 20 Minuten lang beobachten, wie er friedlich graste“, bestätigt der Leiter des Forstamtes Herborn, Jochen Arnold, auf Anfrage der Westfalenpost. Er und seine Mitarbeiter blieben auch bei der Präsenz der für hessische Wälder ungewöhnlichen Tiere „gelassen. Es ist ein genehmigtes Artenschutzprojekt. Was sollen wir machen?“ lässt Arnold offen. Gleichwohl möchte er „nicht erleben, wenn solch ein Tier aggressiv wird; aber das war bislang ja nicht der Fall.“ Auch habe es keinerlei Meldungen von Waldbesuchern gegeben.

Wisentverein geht von einer Rückkehr der Bullen aus

Solche Hinweise gehen bei Kaja Heising im Wisent-Büro Bad Berleburg ein. Von dort aus betreut sie als wissenschaftliche Koordinatorin das Artenschutzprojekt und ist über die Standorte der Herde informiert, weiß natürlich auch von den nach Südwesten gezogenen Wisentbullen. „Sie verlassen die Herde, weil der dominante Bulle Egnar ist. Einher damit geht ihre Geschlechtsreife.“ Der Wisent-Trägerverein habe die Erfahrung, so sagt Heising, „dass die Tiere meist wieder zurückkehren“. Es sei „völlig normal“, dass sich Jungbullen nach neuen Standorten umschauen. Über die „Abtrünnigen“ seien jedenfalls bis jetzt „keine Auffälligkeiten gemeldet worden.“

Sender sind ohne Batterien

Am Mittwoch bestätigte Kaja Heising Informationen der WP-Redaktion in Bad Berleburg, wonach aktuell die Sender des Bullen „Egnar“ und der beiden Wisentkühe ohne Leistung sind: „Ja, es stimmt. Die Batterien sind leer. Die Situation bedarf jetzt einer genauen Planung,“ so die Wissenschaftlerin. Denn um Inzucht zu verhindern, muss in die Wisent-Herde eingegriffen, diese gemanagt werden. Der Trägerverein sucht deshalb für „Egnar“ und seine drei Söhne ein neues Zuhause in einer frei lebenden Herde. Solche Überlegungen laufen alternativ hinsichtlich der ältesten „Egnar“-Tochter, die in diesem Jahr geschlechtsreif wird. Wie berichtet, führen der Wisent-Verein und Kaja Heising einiger Zeit intensive Gesprächen mit anderen Wisenten-Projekten in ganz Europa. „Hier favorisieren wir große, freie Areale in Osteuropa als neue Standorte für unsere Tiere“, verrät Kaja Heising.

Behörden entscheiden über Zuständigkeit

Sie betont, dass der Verein bestrebt sei, die „Tiere möglichst so wenig wie möglich zu sedieren“. Doch für eine Auswechslung der Batterien müssen die Wisente betäubt werden. „Das sind ja Wildtiere, das ist was anderes als bei einem Hund“, begründet Heising die Umstände. Keinesfalls sollten die Tiere unnötig belastet werden.

Die dafür notwendigen Anträge für die behördlichen Genehmigungen sind bereits gestellt. Derzeit wird jedoch noch zwischen Land und Kreis geklärt, welches Amt für die Bearbeitung der Anträge zuständig ist. Im Gegenzug würde dann später ein neuer Bulle ins Rothaargebirge ziehen und in die hiesige Wisent-Herde integriert werden.

War es eine Zwillingsgeburt?

Das alles wird den kleinen Neu-Ankömmling in der Wisentherde kaum interessieren. Er fühlt sich bei seinen Artgenossen offensichtlich sehr wohl. „Allerdings gibt die Geburt des Tieres ein kleines Rätsel auf“, teilt Vereins-Sprecher Dr. Michael Emmrich mit, „denn in der frei lebenden Herde gibt es insgesamt fünf geschlechtsreife Kühe und bereits fünf Geburten in diesem Jahr. In der Regel setzen Wisent-Kühe nur einmal im Jahr Nachwuchs in die Welt. Eine mögliche Erklärung ist deshalb eine Zwillingsgeburt.“ Das komme bei Wisenten durchaus, wenn auch sehr selten vor.

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