10 Jahre Kyrill

Wittgensteiner Buche stirbt in höheren Lagen zunehmend ab

Johannes Röhl, Forstdirektor der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer. Im Hintergrund: Bernd Fuhrmann, Bürgermeister von Bad Berleburg

Johannes Röhl, Forstdirektor der Wittgenstein-Berleburg’schen Rentkammer. Im Hintergrund: Bernd Fuhrmann, Bürgermeister von Bad Berleburg

Foto: Ralf Hermann

Bad Berleburg.   Zehn Jahre nach dem Orkan „Kyrill“ zieht Forstdirektor Johannes Röhl Bilanz. Was sich in den Wittgensteiner Wäldern seitdem verändert hat.

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Mit dem Orkan „Kyrill“ kamen auch die Aufarbeitungen. Viel Holz wurde in kurzer Zeit in den Markt gedrückt, die Preise sanken und die Sägewerke erstickten in Arbeit. Hinzu kommt der Rechtsstreit zwischen dem Land NRW und dem österreichischen Klausner-Konzern. Wie ist die Berleburg’sche Rentkammer mit diesen Herausforderungen umgegangen? Forstdirektor i.P., Johannes Röhl, im Interview.

Bei all diesen negativen Aspekten, welche positiven Lehren können Sie aus der Aufarbeitung der Katastrophe ziehen?

Johannes Röhl: Wir alle haben einmal mehr gemerkt, dass wir, in diesem Fall Waldbesitzer, Unternehmer und Sägewerker in einem Boot sitzen. Unsere Stammkunden haben uns die lange geschäftliche Treue mit großer Fairness bei der Abnahme vom Sturmholz gedankt und wir revanchieren uns dafür, wenn sich das Blatt einmal wieder wendet, Holz also knapper wird.

Der „Klausner-Vertrag“ war aus unserer Sicht ein Fehler, aus diesem Grund haben wir uns trotz entsprechender Nachfragen damals auch nicht beteiligt. Einen solchen Fehler, der sich auch sehr negativ auf die uns umgebenden mittelständischen Säger ausgewirkt hat, wird man wohl nicht mehr machen.

Die Unterstützung durch das Land durch Bereitstellung entsprechender Fördermittel war aus unserer Sicht vorbildlich, wir haben davon insbesondere beim Wegebau erheblich profitiert. Dabei war die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Regionalforstamt Siegen-Wittgenstein, damals noch Forstamt Hilchenbach, ungeheuer hilfreich.

Der Orkan Kyrill oder seine Vorgänger Lothar (1996), Vivian und Wiebke (1990) werden als Zeichen oder Folge des weltweiten Klimawandels gesehen. In der Erdgeschichte hat es aber immer Wärme- und Kälteperioden gegeben. Nehmen Sie im Wald auch deutliche Zeichen für einen Klimawandel wahr?

Sowohl Klimaveränderungen als auch Zeichen des Klimawandels im Wald sind in einer menschlichen Lebensspanne nur schwer wahrzunehmen. Dazu braucht es langfristige systematische Aufzeichnungen bzw. Untersuchungen.

Was wir allerdings beobachten ist, dass sich die Wuchsleistung der Nadelbaumarten auf unseren Standorten gegenüber früher deutlich erhöht hat, während die Buche, besonders die ältere Buche in höheren Lagen zunehmend abstirbt.

Zehn Jahre nach der Katastrophe Bilanz zu ziehen ist für forstwirtschaftliche Maßstäbe sicher ein sehr kurzer Zeitraum. Wie hat Kyrill ihre Arbeit oder den Begriff der Nachhaltigkeit verändert?

Wir haben bei der Bewältigung der Folgen von Kyrill erkennen können, ob und wo unsere Betriebsorganisation verbesserungsbedürftig war. Der reibungslose Ablauf der Schadensbewältigung, vor allem erzielt durch den enormen Einsatz unserer Revierleiter und Forstwirte in enger Zusammenarbeit mit vor allem heimischen Unternehmern und Sägewerkern hat uns allerdings auch unsere Schlagkräftigkeit bewiesen.

Unser Verständnis von Nachhaltigkeit hat sich durch Kyrill nicht verändert. Allerdings beobachten wir mit Sorge, dass viele die Sicherheitsziele und den „politisch korrekten“ Ruf nach immer mehr Laubholz für wichtiger halten als unsere Verantwortung dafür, dass wir in den kommenden Jahrzehnten eine riesengroße Nadelholznachfrage befriedigen müssen. Auch das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, der wir uns stellen müssen. Wir wissen, dass wir auf eine Holzversorgungslücke zurasen. Wer uns daran hindert, Nadelholz auch weiterhin auf geeigneten Standorten in großem Umfang anzubauen muss auch sagen, aus welchem Teil der Erde wir stattdessen das Nadelholz, das unsere Gesellschaft braucht, herholen wollen.

Die Fichte war vor dem Orkan der Brotbaum der Wittgensteiner. Vor allem die wertvollen alten Bestände wurden stark beschädigt. Deshalb wurde der Ruf nach mehr Mischwald laut. Die Wittgenstein-Berleburg’sche Rentkammer setzt dennoch auf die Fichte. Warum?

Die Fichte wird auch in Zukunft der Brotbaum bleiben, da sie vom Wachstum und von der Qualität her bei uns, auf unseren Mittelgebirgsstandorten, ohne Konkurrenz ist. Und bei richtiger waldbaulicher Behandlung, die auf frühe Stabilisierung des Einzelbaumes und ganzer Bestände ausgerichtet ist, kann sie sich auch in Reinbeständen stabil gegenüber Sturmereignissen entwickeln.

Unter welchen Voraussetzungen wird die Douglasie die Fichte ablösen können?

Die Douglasie zeigt eine noch höhere Wuchsleistung als die Fichte und hat sich als sehr sturmresistent erwiesen. Außerdem ist sie trockenresistenter als die Fichte, was möglicherweise in vielen Jahrzehnten eine Rolle spielen könnte. Dennoch wird eine komplette Ablösung der Fichte bei uns nicht stattfinden. Wir haben mit der Douglasie allerdings ein weiteres waldbauliches Ass im Ärmel, genauso wie mit der Lärche.

Der Landesbetrieb Wald + Holz hat eine andere Strategie. Können zwei Systeme nebeneinander existieren?

Natürlich können sie das. Jeder Eigentümer sollte in jedem Fall die Möglichkeit haben, den Waldbau in seinem Wald nach seinem Wissen, Können und nach seinen Erfahrungen und wirtschaftlichen Zielsetzungen zu betreiben. Das gilt für die öffentlichen Wälder wie für private Betriebe. Und es ist normal, dass man da bei der Wahl der Mittel zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Wir verbreiten unsere Zielsetzungen und Methoden nicht mit missionarischem Eifer als allein selig machend. Und das erwarten wir auch von anderen Eigentümern.

Fichte hin, Eiche her. Der Laubwaldanteil soll erhöht werden. In Wittgenstein ist die Buche einer der häufigsten Waldbäume. Aber die Buche kämpft mit der Buchenhöhenkrankheit und den zum Teil sehr trockenen Sommern. Welche Baumarten könnten eine Alternative zur Buche sein?

Natürlich wollen wir die Buche dort erhalten, wo es ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist. Und in unseren etwa 4300 Hektar FFH (Flora-Fauna-Habitat) Flächen, die inzwischen alle zu Naturschutzgebieten gemacht worden sind, sind wir dazu sogar entschädigungslos verpflichtet worden, diese quasi im Reinbestand zu erhalten. Ohne diese Einschränkungen würden wir die Buche gerne in Mischung mit 60 bis 70 Prozent Nadelholz erhalten und durch frühe Durchforstung auch dort die Produktionszeit verkürzen. In lückigen Buchenwäldern zeigt allerdings auch der Bergahorn seine Fähigkeiten und kann da und dort auf geeigneten Standorten (bessere Nährstoffversorgung) die Buche ergänzen.

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