Hochwasserkatastrophe

Wittgensteiner Helfer im Ahrtal: „War hier Krieg oder was?“

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Max und Anita kommen gerade aus dem Kellergeschoss des Hotels Lochmühle in Mayschoss.

Max und Anita kommen gerade aus dem Kellergeschoss des Hotels Lochmühle in Mayschoss.

Foto: Rolf Benfer / WP

Mayschoß/Wittgenstein.  Die Betroffenen in den Krisengebieten brauchen weiter Hilfe. Rolf Benfer aus Dotzlar beschreibt eindringlich vom Hilfseinsatz am Wochenende.

Zwei Monate ist die Flutkatastrophe jetzt her – die mediale Aufmerksamkeit hat deutlich nachgelassen. Das heißt jedoch nicht, dass in den Krisengebieten nun wieder alles beim Alten ist. Im Gegenteil. Nach wie vor kämpfen die Menschen um ihr Hab und Gut, nach wie vor muss entrümpelt, Schlamm geschaufelt, Müll weggebracht werden.

Nach wie vor brauchen die Menschen in den Gebieten, die von dem Jahrtausendhochwasser heimgesucht wurden, Hilfe. Mayschoss an der Ahr. Sonntäglicher Arbeitseinsatz im Ahrtal. Seit der Flutkatastrophe helfen viele Freiwillige – auch aus Wittgenstein – die überschwemmten Häuser zu entrümpeln und die Schuttberge abzutragen.

Rolf Benfer aus Dotzlar war mit weiteren befreundeten Helfern zur „Hochwasserkatastrophen-Nacharbeit“ am vergangenen Sonntag im Ahrtal, Mayschoß. Von diesem Einsatz im stinkenden Schlamm und unter großen Anstrengungen berichtet er selbst im Folgenden:

Einige Busplätze bleiben frei

„Wir, das sind ,Chefin’ Sandra Kuffner aus Wingeshausen, gebürtige Dotzlarerin, ihre Mutter Anita Böhl und ich. Und das nach dem Weinfest des Dotzlarer Heimatvereins am Tag zuvor. Wie passend oder eher unpassend? Einige Busplätze bleiben frei. Ein paar Siegerländer aus Kreuztal-Eichen (Max, Dieter und Marion) gabeln wir noch auf . Alle in Arbeitsklamotten. Die sind zu diesem Zeitpunkt noch genau so sauber und unverletzt wie die Arme, der Kopf und die Fingernägel. Das sieht am Abend dann schon anders aus.

„Eintreffen im Ahrtal. Gänsehaut überzieht das Rückgrat. War hier Krieg oder was? Eisenbahngleise hängen rum, Brücken sind weggerissen, Weinfelder sind nicht mehr zu erkennen, die Eisenpfähle wie Streichhölzer umgeknickt. Mein Gott – was erwartet uns heute? Sandra weiß es. Sie war schon paar mal mit ihrer Firma hier und hält ständig Kontakt zu Bürgermeister „Fred“ in Dernau.

„Doch jetzt wird unsere Hilfe in Mayschoß erwartet. Hier treffen wir die befreundeten Mitstreiter – alles starke Männer – aus Wenden. Sie sind bewaffnet mit Vorschlag- und Bohrhämmern, Kreuzhacken, Schaufeln, Trennschleifer und mit Lust zur Arbeit. Der Auftrag heute lautet: ,Einige Räume des Erdgeschosses des Hotel Lochmühle komplett entkernen.’ Also Handschuhe an, Schutzbrillen vor, Masken auf und ganz wichtig: Ohrenstopfen rein!

Der Krach ist unbeschreiblich

„Der Krach ist unbeschreiblich. Hier brüllt der Bohrhammer, dort im ehemaligen Sanitär- und Saunabereich werden die Fliesen „runter gekloppt“. Hier ein Kleinbagger, der mit einem großen Meißel den Estrich aufhämmert. Dort kreischt die schwere Metalltrennsäge und zerschneidet die großen Heizkörper. Es riecht nach Dieselgestank, aber auch nach den Überresten des Schlammes.

„Nur nicht dran denken, was das alles drin sein kann. Kraftvoll setzen die Wendener Jungs den Vorschlaghammer ein. Jetzt fallen unter lautem Spektakel die meterlangen Entlüftungsrohre. Endlich ist Platz für Max aus Eichen und mich. Steine, Schutt, Eisenreste müssen heraustransportiert werden. Aua, ein Cut auf dem Kopf. Der Eisenträger war im Weg. Der Schädel ist hart, der Wille auch. Dann unser Dilemma:

Eine zwei Meter tiefe Grube muss geleert werden. Insgesamt fast 3 Kubikmeter Dreck holen wir aus diesem engen Loch bis zum Mittag.

„Überall tragen und fahren Helfer den Schutt aus den Kellerlöchern vor die Gebäude. Der örtliche Bäcker verschenkt Teilchen, Kaffee und positive Stimmung. Die Polizisten verteilen Mittagessen und Muffins zur Nachspeise. Gelegenheit für lockere Gespräche mit Helfern, die aus allen Landesteilen Deutschlands kommen.

Acht Stunden Fahrt um zu helfen

„So wie der Kollege aus Kassel, der insgesamt acht Stunden Fahrt auf sich nimmt, um hier in diesem Hotel noch nicht eingesehene Kellerräume, gefüllt mit undefinierbarer Flüssigkeit mittels seiner Hochleistungspume und einem Feuerwehr-C-Schlauch auspumpt. Sandra bringt Max Helftpflaster. Anita schleppt, was die Muskeln hergeben. Dieter baut fahrbahre Übergänge für die Schubkarren und nutzt den Besen. Marion fährt kraftvoll Schubkarre und Schubkarre hinaus.

Nun kommen die THW-Männer und -Frauen aus Gera, während ein Monsterfahrzeug – ein Wasserwerfer – der Polizei auf uns zurollt. Was sonst nur bei Demonstrationen eingesetzt wird, säubert hier die Straße und den Gehweg und nässt sie ein, damit der Staub einigermaßen erträglich bleibt. Hoffentlich bekommen die Hochwassertouristen, die hier zu Fuß, per Rad und per Pkw zum ,Gaffen’ kommen, nasse Füße für ihre Unverfrorenheit.

„Zum Abschied kann gemeldet werden, dass mehrere Räume dank vieler Helfer entkernt wurden, jetzt trocknen dürfen und darauf warten, das das Ziel erreicht wird: Bald wieder Hotelbetrieb für die Handwerker, die man unbedingt für den weiteren Aufbau im Ahrtal benötigt. Das wird noch Jahre dauern, denke ich. Auf der Terrasse des Hotels ruhen wir einen Moment aus. Hätten wir hier während der Flutwelle gestanden, wir wären wohl nicht mehr am Leben. Eine Sonnenblume hat die Flut auf das Geländer gelegt. Eine Hoffnungsblume?

Betroffene sind sichtlich bewegt

„Zum Abschied treffen wir uns auf dem Weingut Riske in Dernau. Die ganze Familie erwartet uns und die Wendener Jungs zum Dankes- und Abschiedstrunk. Die Cheffin zeigt mir den Weinkeller, der ausgeräumt ist und wieder aufgebaut wird. Sie erläutert, wie sie die Flutwelle persönlich erlebt hat. Beide sind wir sichtlich bewegt und dankbar, dass es der Familie gut geht. Und der ,schmutzige Wein’, der goldgelbe Riesling Feinherb, darf probiert werden und eine Kiste wird natürlich noch gekauft. Ein harter Tag geht zu Ende.

„Aber wir und viele andere Helfer schenken diesen Tag den Ahrtalern. Und es werden noch mehr freiwillige Tage dazu kommen. Raus aus der eigenen Komfortzone und rein in die Nachbarschaftshilfe. Der Muskelkater am Tag danach ist normal, die Kopfwunde juckt und die Stimme ist etwas brüchig. Danke an den Jugendförderverein Bad Berleburg für die Überlassung des Kleinbusses, der Firma Holz-Bald, Grabmale Bänfer und Heizung-Sanitär Reinhard Spies für die maschinelle Unterstützung. Und dem Weingut Riske für den Absacker. Und natürlich allen Helfern, die wie wir bestimmt wiederkommen werden. Auch aus Wittgenstein!“

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