Nachhaltigkeit

Forscher warnt: „Wir leben wie ökologische Vandalen“

Prof. Niko Paech von der Universität Siegen mahnt Bescheidenheit für die Zukunft an.

Prof. Niko Paech von der Universität Siegen mahnt Bescheidenheit für die Zukunft an.

Foto: Simon Prades

Hagen.   Professor Niko Paech mahnt, dass wir uns den Wohlstand nicht mehr leisten können. Wenn wir die Welt retten wollen, müssen wir umdenken – schnell.

Niko Paech (58) ist einer der bekanntesten Nachhaltigkeitsforscher und Wachstumskritiker in Deutschland. Der außerplanmäßige Professor der Universität Siegen fordert im Sinne eines nachhaltigen Lebens radikale Bescheidenheit – und lebt diese vor. Er besitzt kein Auto, kein Handy und verzichtet auf Flugreisen. Mitmenschen ermahnt er, es ihm gleichzutun.

Herr Prof. Paech, wie lassen sich dieser Begriff und unsere heutige Lebensweise zusammenführen?

Prof. Niko Paech: Wir entfernen uns jeden Tag weiter von einer Entwicklung, die auch nur im entferntesten als nachhaltig bezeichnet werden könnte, weil der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Ressourcen stetig zunimmt. Hierzulande lässt sich ein Phänomen feststellen, das ich als Normalisierung einer ökologischen Doppelmoral bezeichnen würde.

Das bedeutet?

Wir lassen uns auf internationalem Parkett als Klimaschutzweltmeister feiern, aber sämtliche klimaschädlichen Aktivitäten erreichen in Deutschland ungehindert ständig neue Rekorde. Über Mobilität und Konsum wird nicht gesprochen, sondern stattdessen auf die – allerdings rasend scheiternde – Energiewende oder symbolische Gewissensberuhigung durch Mülltrennung verwiesen. Nach dem Motto: Unsere Windkraft-, Photovoltaik- und Biogasanlagen erledigen das schon. Gemessen an der tatsächlichen ökonomischen und kulturellen Entwicklung zählen die deutsche Bevölkerung zu den Nachhaltigkeitsanalphabeten. Nur die Amerikaner und die Australier sind vielleicht noch schlimmer, aber die bekennen sich wenigstens dazu. Das bei uns propagierte grüne Wachstum bildet ein Alibi dafür, am Lebensstil nichts verändern zu müssen, sondern dessen zerstörerische Dimensionen weiter zu steigern.

Welche Beispiele fallen Ihnen ein?

Über Autos, Flugverkehr, Kreuzfahrten, den Bau-Wahn, die fortschreitende Digitalisierung und andere Elemente einer spätrömischen Dekadenz, die zerstörerischer nicht sein könnte, wird ungern gesprochen. Der Plastikmüll und die Flächen- sowie Landschaftsverbräuche waren nie verheerender. Die Stromverbräuche in Deutschland wachsen infolge der Digitalisierung, die eine immer stärkere Elektrifizierung nach sich zieht und zugleich alle Energie verbrauchenden Vorgänge, insbesondere die Mobilität in ihrem Durchsatz beschleunigt. Wir verschleißen so viel Elektronik, dass man getrost von neuen Elektroschrottgebirgen in Asien und Afrika reden kann, die wir erzeugen. Wir leben wie ökologische Vandalen.

Technik und Digitalisierung sollen uns aber doch das Leben einfacher machen: Navigationsgeräte helfen, den Weg zu finden, das Smartphone beantwortet all unsere Fragen binnen Sekunden.

Das ist die halbe Wahrheit, denn eben diese vermeintlich positiven Wirkungen lassen uns systematisch verblöden.

Sie selbst haben kein Handy, kein Auto, besitzen kein eigenes elektronisches Werkzeug. Warum?

Was gibt mir das Recht, jeden technischen Fortschritt zu vereinnahmen, ohne kritisch zu reflektieren, welche sozialen, ökonomischen und ökologischen Konsequenzen sich daraus ergeben?

Welche genau?

Smartphones lassen uns nicht nur abhängig von Energie werden, sondern auch von seltenen Erden, strategischen Metallen, die knapp zu werden drohen. Zudem beschleunigt die Digitalisierung alle Stoff- und Energieströme, denn effektive Informationssysteme sind der Hebel, der die Märkte expandieren lässt.

Was macht die Technik noch mit uns?

Die Nutzung von Smartphones kann das Sozial- und Kommunikationsverhalten insbesondere junger Menschen prägnant verändern. Die virtuelle ersetzt schlicht die tatsächliche Welt. Außerdem rauben die digitalen Medien jene Zeit, die dann nicht mehr für andere Formen des Austausches und des Lernens verfügbar ist. Die digitale Technologie beschleunigt alle Abläufe des Alltags, so dass eine Reizüberflutung, schließlich eine Überforderung einsetzt. Es trifft auch nicht zu, dass die Digitalisierung verbindet. Es mehren sich die Indizien, dass Digital Natives so einsam wie 80-Jährige sind. Zudem setzt eine Verkümmerung basaler Kompetenzen ein: Manche Menschen können den Weg zu einem 500 Meter von ihrer Wohnung entfernten Ort nicht ohne Smartphone erklären. Das erlebe ich ständig, wenn ich in fremden Städten bin. Die digitale Technik hat den Effekt, dass sie die Arbeitsproduktivität steigert, indem sie menschliche Arbeit zusehends überflüssig macht. Gleichzeitig besteht die sozialpolitische Verantwortung des Staates, Arbeitslosigkeit zu verhindern. Deshalb wird mit der Brechstange wirtschaftliches Wachstum gefördert. Somit zerstört die Digitalisierung selbst dort die Ökosphäre, wo sie gar nicht auf direkte Weise physisch einwirken kann.

Was müssten wir ändern?

Unsere Versorgungssysteme müssten graduell zurückgebaut werden: Weniger Technik, weniger Industrieproduktion und vor allem weniger Mobilität. Materielle Ansprüche wären deutlich zu senken und teilweise auf andere Weise zu befriedigen.

Das bedeutet genau?

Wir müssten den pro Kopf in Anspruch genommenen materiellen Wohlstand so dosieren, dass die damit verursachten Schäden mit 7,6 Milliarden multipliziert werden können, ohne die ökologische Tragfähigkeit zu schädigen. Genau das bedeutet nachhaltige Entwicklung: Globale Gerechtigkeit innerhalb ökologischer Grenzen. Tatsächlich praktizieren wir das Gegenteil und nennen es Fortschritt. Wir waren noch nie so reich, noch nie so frei, noch nie so gebildet – und leben verantwortungsloser denn je.

Auf was steuern wir Ihrer Meinung nach zu?

Der Klimawandel und das Artensterben sind Vorboten eines allmählichen Kollapses der ökologischen Systeme. Weiterhin steuern wir auf eine Abfallkatastrophe hin. Die Plastikkontamination ist derart hoch, dass fast an vielen Stränden die helle Substanz, die wir Sand nennen, zu einem immer höheren Anteil aus Plastikgranulat besteht. Der Flächenschwund durch Bauwahn, der durch Ideologien wie Wohntraummangel legitimiert wird, ist unfassbar.

Haben wir keinen Wohnraummangel? Alle reden davon.

Diese Behauptung ist nicht nur ein Skandal, sondern spricht Bände über den Charakter einer sich aufgeklärt wähnenden Gesellschaft. Immer mehr Menschen in Deutschland wissen nicht, wie sie ihr Geld rentabel anlegen können. Da die Banken wenig Zinsen zahlen, wird in Immobilien investiert. Um zu verschleiern, dass hier ein Luxusproblem auf dem Rücken der Ökosphäre ausgetragen wird, gaukeln sich alle vor, es ginge darum, andernfalls unter Brücken schlafenden Menschen zu helfen. Mitte der 50er Jahre haben wir pro Kopf 15 qm Wohnfläche verbraucht. Mitte der 60er waren es mehr als 20 qm. Heute liegt der Wert bei 46,5 qm. Vor diesem Hintergrund Wohnraummangel herbeizureden, ist angesichts des Artenschwundes und Klimawandels – unversiegelte Flächen sind auch als Puffer für Niederschläge und als CO2-Senken dringend nötig – geradezu zynisch.

Sie sind der wohl bekannteste deutsche Verfechter der Postwachstumökonomie. Wie stellen Sie sich ein nachhaltiges Leben vor?

Um die Industrieversorgung zurückbauen zu können, bedarf es eines langsamen Übergangs zur 20-Stunden-Arbeitswoche. So ließe sich ein halb so hohes Produktionsniveau mit Vollbeschäftigung vereinen. Das ist wichtig, weil die Menschenwürde davon abhängt, nicht als Bittsteller, sondern Leistungsträger anerkannt zu werden.

Das klingt wie eine Illusion.

Um mit dem durchschnittlich verringerten Einkommen auszukommen, sind verschiedene Ausgleichsmaßnahmen nötig. Zunächst bedarf es einer Entrümpelung der übersteigerten Konsum-, Mobilitäts- und Komfortnachfrage. Wir stehen längst vor psychischen Wachstumsgrenze. Menschen können Produkte und Ereignisse nur so wirksam nutzen und genießen, wie sie in der Lage sind, diesen Dingen Aufmerksamkeit zu widmen. Und das kostet Zeit – die knappste Ressource, mit der wir konfrontiert sind. Wir können uns längst mehr kaufen, als wir in der Lage sind, stressfrei auszuschöpfen. Dieser Konsum-Burnout zeigt sich unter anderen daran, dass die Anzahl der Antidepressiva-Verschreibungen von 2000 und 2010 verdoppelt wurde. Wir würden zufriedener leben, wenn wir uns auf weniger Dinge konzentrierten, also suffizienter lebten, was uns einkommensunabhängiger werden ließe.

Was tun wir mit den 20 Arbeitsstunden, die wir dann als Zeit zur Verfügung hätten?

Die werden gebraucht, um das verringerte Geldeinkommen durch Selbstversorgung zu ergänzen. Dazu zählt erstens die Gemeinschaftsnutzung. Wenn sich fünf Menschen Rasenmäher, Waschmaschine, Auto, Bohrmaschine und andere Gebrauchsgegenstände teilen, könnte die Neu-Produktion um ca. vier Fünftel sinken, ohne dass jemand verarmen muss – und der Bedarf an Einkommen sinkt ebenfalls. Zweitens sind reaktivierte oder aufzubauende handwerkliche Fähigkeiten erforderlich, um Dinge pflegen und reparieren zu können. Drittens ist die eigene lokale Produktion, speziell im Nahrungsmittelbereich, wichtig. Alle drei Subsistenz-Strategien ergänzen sich, wenn sich Menschen in Netzen der Selbsthilfe oder Nachbarschaften gemäß ihrer Fähigkeiten und Neigungen engagieren.

Der Gedanke ist toll. Manch einer weiß nur nicht, wie er in einer Werkstatt für sich oder andere dienlich sein könnte.

Das zu ermöglichen, wird eine zukünftige Aufgabe der Erziehung, Bildung und Weiterbildung sein. Denn Dinge zu reparieren heißt, die Welt zu reparieren. Und das ist nicht nur eine ökologische Frage, sondern bedeutet mehr Freiheit und Autonomie gegenüber der Industrie.

Sie übertreiben.

Die drei genannten Selbstversorgungsbereiche ergänzen sich. Wer beispielsweise einen Garten hat, kann Überschüsse an Gemüse und Obst einem Nachbarn als Gegenleistung dafür anbieten, dessen Werkstatt nutzen zu dürfen. Wenn jemand gut darin ist, Textilien zu reparieren, kann er diese Leistung jemandem anbieten, dessen Auto dafür mitbenutzt werden darf. Es ist also nicht erforderlich, dass jeder alles kann oder besitzt. Auch ergänzende Selbstversorgung basiert auf Arbeitsteilung. Wenn ich mir mit vier Nachbarn eine Waschmaschine teile, können wir uns eine modernere Variante leisten als jene, die mir selbst kaufen könnte.

Und ist sie kaputt, repariert man sie in der Gemeinschaftswerkstatt?

Oder in einem kommunalen Reparaturzentrum. Die Regionalökonomie – basierend auf professionellen Reparaturangeboten, Verleih-Systemen, Manufakturen und ökologischer Landwirtschaft – wird dort gebraucht, wo Selbstversorger an ihre Grenzen gelangen. Der Änderungsschneider um die Ecke, der Computer-Reparateur, der Schreiner, der Metallbaubetrieb, das Carsharing-Unternehmen sowie Märkte für regionale Nahrungsmittel sind ein weiterer Baustein der Postwachstumsökonomie. Eine Studie hat jüngst gezeigt, dass sich Hamburg mit einem Umkreis von 100 Kilometern vollständig und unter Kriterien artgerechter Tierhaltung selbst versorgen könnte. Dazu müssten die Hamburger nicht einmal Vegetarier werden, sondern nur den Jahres-Fleischkonsum pro Person von derzeit 86 auf 24 Kilogramm senken. Es wird sogar weniger Fläche als für aktuelle Ernährung benötigt.

Manche Dinge lassen sich aber gar nicht reparieren. Sind sie kaputt, sollen sie komplett ausgetauscht werden.

Das wird in den Medien erstens stark übertrieben und liegt zweitens daran, dass die Geiz-ist-geil-Mentalität Wegwerfprodukten den Weg gebahnt hat. Konsumenten sind mitverantwortlich, weil sie sich sehr wohl informieren und für reparable Dinge entscheiden können. Und für Unternehmen, die Teil der Lösung sein wollen, gilt, dass sie den Konsumenten dabei helfen müssten, sich gegenüber der Industrie zu emanzipieren. Im Preis für eine neue Hose könnte ein kleiner Nähkurs inklusive ist. So können Kunden befähigt werden, nicht ständig neue Hosen kaufen zu müssen.

Klingt absurd.

Nicht unbedingt. Wenn die Kaufkraft schwindet, etwa wenn Menschen nur 20 Stunden arbeiten oder griechische Verhältnisse eintreten, hätten jene Unternehmen Konkurrenzvorteile, die ihren Kunden dazu verhelfen, möglichst selten Waren kaufen zu müssen.

Die Serie der WP soll zu Nachhaltigkeit anregen. Ich lerne, nachhaltig einzukaufen, versuche ohne Auto auszukommen, ernähre mich anders, vermeide Plastikmüll. Guter Ansatz? Oder zu wenig?

Natürlich fängt ein nachhaltiges Leben im Kleinen an, frei nach dem Motto „Es gibt nichts gutes, außer man tut es“. Deshalb bin ich sehr erfreut darüber, dass Sie den Menschen Hinweise für ein nachhaltiges Denken und Handeln geben. Aber es ist immer wichtig, dabei die individuelle Gesamtbilanz aller ökologisch relevanten Handlungen im Blick zu behalten. Nur die zählt. Denn die Politik war nie weiter davon entfernt, das für die Überlebensfähigkeit der Zivilisation nötige zu tun. Deshalb beginnt wirksame Nachhaltigkeitspolitik im Kleinen, in Nischen oder Reallaboren, wo Menschen fröhlich und friedlich eine Nebenökonomie aufbauen. Erst wenn sich glaubwürdig vorgelebte Lebensführungen und Versorgungsmodelle, die mit einer Postwachstumsökonomie vereinbar sind, mehren, wird die Politik einsehen, dass die Gesellschaft bereit ist, eine Wende zum Weniger zu akzeptieren.

Sehen Sie auch eine Gefahr in unserer Versuchsanordnung?

Mit kleinen Dingen anzufangen, kann dazu führen, dass mit dieser symbolischen Anstrengung die eklatanten Handlungen verdeckt bleiben, wie bei einem ökologischen Ablasshandel. Dann kaufen wir im Bio-Markt den Brühwürfel und sind so happy, dass wir im Reisebüro gleich die Reise in die Karibik buchen. Deshalb hilft nur die Orientierung an der ökologischen Gesamtbilanz eines Individuums: Es gibt keine per se nachhaltigen Produkte, sondern nur nachhaltige Lebensführungen.

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