Reitsportserie

Wenn Wallach Paul neue Schuhe braucht...

Einmal Beinheben bitte. Hufschmied Boris Rust hat viel Verständnis und Empathie für die Tiere, mit denen er sich beschäftigt. 

Einmal Beinheben bitte. Hufschmied Boris Rust hat viel Verständnis und Empathie für die Tiere, mit denen er sich beschäftigt. 

Foto: Michael Kunz

Boris Rust aus Kreuztal-Ferndorf ist Hufschmied aus Leidenschaft. Er tourt durch die Region, um den Pferden das passende Schuhwerk zu verpassen.

Ferndorf. Paul ist 17 und braucht neue Schuhe. Sozusagen. Der Wallach von Anne Büdenbender lebt im Reitstall Feuersbach und ist an diesem Montagmorgen wieder einmal an der Reihe, von Hufschmied Boris Rust beschlagen zu werden. Dabei geht es nur um die beiden Vorderläufe des Fuchses. Hinten bleiben die Hufe ‚jungfräulich’.

Ob überhaupt beschlagen wird, mit welchem Material und mit wie vielen Eisen, das sei bei jedem Tier unterschiedlich, hänge von der Umgebung, der Bodenbeschaffenheit und der ‚Nutzung’ ab, erklärt Boris Rust, der mit seiner rollenden Schmiede auf die Anlage auf der Höhe über Feuersbach gekommen ist, wie alle acht Wochen. Das sei der Durchschnittswert in Sachen Beschlagen, definiert Rust, manche Halter wählten auch Abstände von fünf oder zehn Wochen. Der Hufschmied aus Kreuztal reinigt und schneidet die Hufe des Tieres, die im Mittel pro Monat acht bis zehn Millimeter wachsen, dann kommen die neuen Eisen unters Pferd.

Fehlstellung erkennen und korrigieren

Wenn der kräftige Mann die Metallstücke im Ofen erhitzt, in Form bringt, anpasst, zwischendurch zum Abkühlen ins zischende Wasser hält, dann wirkt es ein wenig, als sei die Zeit stehen geblieben. Dann kommen dem Betrachter Assoziationen aus unzähligen Western in den Sinn. Wer sich die Arbeit aber länger anschaut, wer Boris Rust zuhört, der bemerkt schnell, dass die Ähnlichkeiten bestenfalls oberflächlich sind. Mit dem klassischen Werken am heißen Ofen mit Blasebalg von einst hat der Beruf heute nur noch marginal zu tun. „Eigentlich bin ich längst zum Pferdeorthopäden geworden.“

Er hat viel damit zu tun, Fehlstellungen bei den Tieren zu erkennen und zu korrigieren, muss dafür zum Beispiel Röntgenbilder lesen und interpretieren können. Zur regulären Ausbildung eines Hufschmieds gehöre das bis heute nicht, erzählt Boris Rust weiter und betont die Wichtigkeit, sich ständig fortzubilden. Für einen selbstständigen Unternehmer ohne weitere Mitarbeiter durchaus eine Herausforderung. „Ich bekomme regelmäßig die Kursangebote und suche mir dann heraus, was für mich interessant und wichtig ist“, sagt Boris Rust, der überwiegend im Kreis Siegen-Wittgenstein unterwegs ist. Er fährt aber auch ins Hochsauerland oder den Kreis Olpe. Natürlich müsse das wirtschaftlich darstellbar sein, betont er und versucht immer, seine Termine sinnvoll hintereinander zu legen. Der Zeitaufwand ist dabei naturgemäß unterschiedlich. ‚Paulchen’ etwa ist friedlich und geduldig, in gut einer Stunde versorgt. Dabei hatte der Schmied vorher noch angedeutet, das Tier könne auch schon mal „schwierig“ sein. Bei vier Eisen oder spezielleren Problemen und wirklich unruhigen Pferden kann es schon einmal länger dauern.

Auf dem Feuersbacher Hof wartet gleich im Anschluss „Golden Calimera“ auf ihre Hufbehandlung. Die Palomino-Stute, die nicht nur ein wenig an den legendären „Trigger“ des singenden Cowboys Roy Rogers erinnert, bekommt zum Beispiel gar keine Eisen, nur eine Hufpflege. Und wie läuft das so mit den Aufträgen? Wie kommt Boris Rust an seine Kunden? „Überwiegend Mundpropaganda“, antwortet er und kann sich in Sachen Werbung ansonsten auf die anwesenden Damen berufen. „Auf Boris können wir uns verlassen. Er ist der Beste“, schwärmen Anne Büdenbender und ihre Freundin Petra Kelly, während sie ihren ‚Paul’ beruhigen und immer mal wieder ein „Selfie“ mit dem vierbeinigen Liebling knipsen. Ihnen ist der Kreuztaler vor Jahren empfohlen worden. Jetzt ist Rust schon lange der Hufschmied ihres Vertrauens, auf dessen Erfahrung und Feingefühl beim Umgang mit dem jeweiligen Vierbeiner sie sich verlassen.

Berufswunsch früh geweckt

Die Kunden rufen an, Rust fährt los. Das umgekehrte Prozedere gebe es heute kaum noch, betont er. Der Aufwand, die Tiere jedes Mal in einen Wagen zu stecken und zu ihm zu bringen, sei deutlich größer. Selbstverständlich bei Wind und jedem Wetter. An diesem Tag im Juli ist es angenehm warm, die Tiere werden unter freiem Himmel und strahlender Sonne „verarztet“. Im Herbst und Winter dann im Stall, „aber notfalls auch draußen, wenn es nicht anders geht“, wirft Rust ein, während er gerade über den Huf von „Paul“ gebeugt steht – der wiederum fast zärtlich am Kragen des Mannes knabbert. Ernsthaft gebissen worden sei er noch nie, grinst der Schmied.

Der Ferndorfer hat selbst Pferde, „seit 30 Jahren schon“. Der Berufswunsch war früh vorhanden. Trotzdem lernte Rust zunächst einmal „etwas Anständiges“, wurde Heizungsbauer, weil Hufschmied zumindest in früheren Jahren kein klassischer Lehrberuf war. „Die Ausbildung zum Hufbeschlagschmied erforderte früher eine abgeschlossene Ausbildung im Metallhandwerk als Grundlage, an die sich ein Praktikum, ein Lehrschmiedeaufenthalt und die staatliche Prüfung anschlossen“, fasst die Wikipedia zusammen.

Es gibt Nachwuchsprobleme

Genauso hat es Boris Rust damals gemacht, noch eine Zeit als Angestellter gearbeitet und übt den Beruf inzwischen seit 2002 als sein eigener Chef aus. Er hat gut zu tun. Viele Kollegen gebe es in der Region nicht, sagt er. Im Prinzip sei durchaus noch Platz für weitere Schmiede oder Nachwuchs. In dieser Hinsicht sehe es aber eher dünn aus. Anfragen für Schülerpraktika oder ähnliches habe er selten bis nie, bedauert der 42-Jährige. Dass der junge Siegener Fahrsportler Marvin Peter Schmied geworden sei, sei die Ausnahme.

Boris Rust muss an dieser Stelle zugeben, dass der Job auch im 21. Jahrhundert nach wie vor körperlich fordernd sei, auf die Knochen gehe. Nicht unbedingt ein Traumberuf also für die große Mehrheit. Weibliche Hufschmiede seien entsprechend auch eher selten, schmunzelt er. Dabei wirkt Rust selbst auch nicht gerade so bullig wie etwa Bonanzas „Hoss“ alias Dan Blocker, der in frühen Rollen vom Typ her auch als Schmied eingesetzt wurde. Kraft braucht Boris Rust, wenn er die Eisen an die Hufe der Tiere nagelt und danach, wenn alles richtig sitzt und auch der gesunde Gang des Pferdes in Augenschein genommen wurde, die herausragenden Nagelspitzen abkneift. Apropos Eisen. Alternativ können die Vierbeiner mit Kunststoffmodellen beschlagen werden. Eine weitere Variante seien Hufschuhe. Die erforderten allerdings eine umfangreichere Anpassung und Mitwirkung des Halters. Die gibt es in seiner rollenden Schmiede allerdings nicht.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben