Kommentar

Warum junge Eltern in NRW bei der Kita-Suche verzweifeln

Viele Eltern verzweifeln im Kampf um einen Kita-Platz.

Viele Eltern verzweifeln im Kampf um einen Kita-Platz.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Der Kita-Ausbau kommt voran, beschränkt sich aber auf ein Minimalangebot. Aus Sicht von Familien sind politische Prioritäten falsch gesteckt.

Der Welt-Frauentag war wie immer der Tag der großen Beschwörungen in Sachen Gleichberechtigung. Vieles, was da gefordert und angemahnt wurde, mag richtig und wichtig sein, genauso vieles ist allerdings so billig wie der Vorschlag, die Nationalhymne durchzugendern: Damit ist keiner Frau wirklich geholfen, die Gleichberechtigung nur auf dem Papier vorangebracht - aber man hatte als Politiker mal eine starke Zeile. Was den Frauen laut letzten Umfragen beim Thema Gleichberechtigung tatsächlich unter den Nägeln brennt, ist neben anhaltend latenten oder erlebten sexuellen Übergriffen das Problem abknickender beruflicher Aussichten im Falle einer Kindsgeburt. Der viel diskutierte Gender-Gap hat seine Hauptursache einerseits in tradierten Berufsentscheidungen, andererseits aber in den alltäglichen Hindernissen, Beruf und Kindsbetreuung unter einen Hut zu bringen. Bekommt frau ein Baby, stagniert die berufliche Karriere häufig – und allzu oft nachhaltig und nicht gewollt. Das gilt immer noch und in NRW ganz besonders.

Gendergap hängt eng mit Betreuungsstrukturen zusammen

Wer sich umhört unter jungen Familien in seiner Nachbarschaft und sich anhört, welche Verrenkungen sie mitunter veranstalten müssen, um einen Kitaplatz oder einen Platz bei einer Tagesmutter zu ergattern (um Beruf und Kind dann wenigstens halbwegs vernünftig managen zu können), der kommt schnell drauf, dass wir möglicherweise sogar das Vaterunser vergendern können, aber beim Thema Gendergap weiterhin scheitern, wenn es uns nicht endlich gelingt, ordentliche Alltags-Strukturen für junge Eltern zu schaffen.

Ja, NRW und die hiesigen Kommunen haben einen großen Sprung gemacht bei der Schaffung neuer Plätze zur Kinderbetreuung. Ja, das ist lobenswert. Das Lob entspricht aber ungefähr jenem, das man der dreijährigen Tochter für das saubere Ausmalen eines Kreises erteilt: Ermutigender Zuspruch. Schaut man genauer hin, muss man leider sagen: Das bevölkerungsreichste Bundesland hinkt hinterher - wie bei wichtigen anderen Kennzahlen (Verschuldung, wirtschaftliche Entwicklung, Bildungsausgaben, Arbeitslosigkeit). Es fehlen in etlichen Kommunen Kita-Plätze, Betreuer, richtig gut funktionierende Strukturen.

Der öffentliche Sektor erledigt seine Aufgaben nur unzulänglich

Dafür werden seitens der Politik Gründe angeführt, schwarze Peter hin- und hergeschoben und immer wieder auf die Kosten verwiesen. Den betroffenen Eltern hilft das nicht. Vor Ort in den überschuldeten NRW-Kommunen sind zum Beispiel Kita-Gebühren im bundesweiten Vergleich extrem hoch, und das Betreuungsangebot entspricht vielfach nicht den Anforderungen etwa bei den Öffnungszeiten oder der U3-Betreuung. Das macht nicht nur die Kita-Suche zum Marathon, sondern im Anschluss daran auch den Familienalltag anstrengend. So anstrengend, dass eben oft genug die Frauen beruflich zurückstecken, um solche Defizite aufzufangen. So entsteht wie auch an anderer Stelle der Eindruck der Dysfunktionalität: Der Bürger erlebt immer wieder, dass der von ihm finanzierte öffentliche Sektor seine Aufgaben nicht zufriedenstellend erledigt.

Strukturprobleme seit 30 Jahren Entschuldigung für alles

Ja, NRW und speziell das Ruhrgebiet haben mit schwierigen strukturellen Problemen zu kämpfen. Das gilt aber bereits seit 30 Jahren als Entschuldigung für allzu viele Defizite. Immer noch wird zu selten innovativ gedacht. Gleichzeitig ist trotz aller Klagen über die Verschuldung auch in den Kommunen häufig genug noch Geld vorhanden für allerlei Prestige-Projekte. Will heißen: Aus Sicht der Familien werden die politischen Prioritäten falsch gesetzt. Ein Thema übrigens, das sich gerade durch viele Alltags-Bereiche zieht: Schulgebäude und -toiletten sind marode, der ÖPNV löchrig, Ämter mit Bürgerverkehr sind unterbesetzt. Da ist etwas in Schieflage geraten - und die politischen Prioritäten (und die Mittel) sowohl auf Landes- als auch auf kommunaler Ebene müssten noch deutlicher verschoben, neue Ideen entwickelt werden, um daran etwas zu ändern und jungen Familien hier wirklich attraktive Angebote zu machen, statt sich auf Minimallösungen zu beschränken. Oder wir gendern eben nur ein bisschen weiter.

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