Bier

500 Jahre Reinheitsgebot – Craft Beer auf dem Vormarsch

Besondere Biersorten interessieren immer mehr Biertrinker.

Besondere Biersorten interessieren immer mehr Biertrinker.

Foto: dpa

Bochum.  500 Jahre Reinheitsgebot für deutsches Bier: Die Deutschen trinken weniger klassischen Gerstensaft – Craft Beer wird zur Alternative.

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Tief unten im Keller hat Hugo Fiege die goldgelbe Flüssigkeit aus einem großen Tank in sein Glas fließen lassen. Dann dreht er den Zapfhahn zu, hält das Glas ins Licht und kostet, bevor er zufrieden nickt. „Gut“, sagt der Mitbesitzer der Bochumer Fiege-Brauerei und spätestens jetzt weiß man, was er antworten wird, wenn man ihn nach dem deutschen Reinheitsgebot für Bier fragt, das am heutigen Samstag seinen 500. Geburtstag feiert und über das derzeit heftig diskutiert wird. Er ist dafür, dass es bleibt.

„Das Gebot ist ein Qualitätssiegel für deutsche Biere und eine Jahrhunderte alte Vorschrift zum Schutz der Verbraucher“, heißt es auch bei der Essener Privatbrauerei Stauder. Und aus Dortmund (unter anderem Kronen, Brinkhoff’s, Union) und Duisburg (König Pilsener) sind ebenfalls keine Stimmen zu vernehmen, die die älteste deutsche Verbraucherschutzverordnung abschaffen wollen.

Vor 500 Jahren waren nur Hopfen, Malz und Wasser erlaubt

Erlassen wurde sie am 23. April 1516 vom bayerischen Herzog Wilhelm IV. zu Ingolstadt. Zukünftig, ordnete der Adelige an, seien zum Bierbrauen nur drei Zutaten erlaubt: Hopfen, Malz und Wasser. Heute gehört auch noch die Hefe dazu. Aber ihre Bedeutung für den Gärprozess kannte man damals noch nicht. Die gesetzliche Regelung war unumgänglich. Denn zuvor griff der Brauer zu allem, was ihm gerade in die Hände fiel. Stechapfel, Binsenkraut, Tollkirschen oder Ruß sollten Geschmack, Haltbarkeit und berauschende Wirkung verstärken, hauten manchen Zecher aber gleich für immer um.

500 Jahre später besteht diese Gefahr natürlich längst nicht mehr. Dennoch pochen nahezu alle deutschen Brauer bis heute auf das Reinheitsgebot, das mittlerweile im „vorläufigen Biergesetz“ geregelt ist. Für den einen oder anderen war es schon schlimm genug, dass die EU 1987 erlaubte, dass in Deutschland auch im Ausland hergestelltes Bier verkauft werden darf, das nicht nach dem Reinheitsgebot hergestellt wurde.

Zum Jubiläum aber wird diskutiert, ob das Reinheitsgebot nicht zum Einheitsgebot geworden ist, das für Langeweile auf dem Markt sorgt. Fest steht jedenfalls, dass der Bierkonsum zwischen Alpen und Nordsee in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist. Trank jeder Deutsche Mitte der 70er-Jahre noch durchschnittlich rund 150 Liter Bier pro Jahr, sind es heute nur noch 106 Liter. Dennoch ist die Zahl der Braustätten auf fast 1400 angestiegen – so genanntes Craft Beer macht es möglich.

Ist das Reinheitsgebot zum Einheitsgebot geworden?

„Handwerklich hergestelltes Bier“ heißt das etwas frei übersetzt. Kleine Brauer stellen es her, sie spielen mit Aromen und Geschmäckern, fühlen sich eingeengt durch das Reinheitsgebot. Bei ihnen werden auch schon mal Honig, Rosenknospen oder schwarzer Pfeffer mitvergoren. Lange wurden sie belächelt von den großen Konkurrenten, mittlerweile werden sie ernst genommen, auch wenn ihre Umsätze in Deutschland bisher noch zu vernachlässigen sind.

Auch bei Fiege setzt man nicht mehr nur auf die Klassiker. „Als ich anfing in der Brauerei, da gab es dort zwei Sorten“, erinnert sich Fiege. „Heute sind es vierzehn.“ Selbstverständlich sind – wie mittlerweile bei fast allen Großen der Branche – Alkoholfreie und Radler im Programm. Schwarzbier wird gebraut und ein „Helles“. Sie zusammen haben aufgefangen, was die Brauerei durch den Umsatz beim Pils verloren hat.

Mittlerweile brauen sie auch Craft-Biere, brauen Spezialitäten wie „Bernstein“ oder „Gründer“. Und seit dieser Woche gibt es auch den „Sommerhopfen“. Mit speziellen Hopfensorten und unter Einsatz besonderer Maisch-Verfahren wird das Bier gebraut, und was dabei entsteht, das schmeckt für den Laien bei jedem Schluck nach Pfirsich. „Und das alles unter Einhaltung des Reinheitsgebotes“, stellt der Fiege-Chef klar.

Craft Beer für Fiege "noch kleines Pflänzchen"

Natürlich soll sich Craft Beer lohnen. Aber Fiege will die Latte nicht zu hoch legen. „Das ist noch ein ganz kleines Pflänzchen.“ Gehegt werden soll es von Kunden, die bereit sind, auch mal 40 Euro für einen Kasten Bier auszugeben und den Inhalt nicht in sich hineinschütten, sondern ihn genießen – zu speziellem Käse, auch mal zu teurer Schokolade.

So wird der Sommerhopfen auch wohl nicht das letzte Craft Beer bleiben bei Fieges. „Da geht trotz Reinheitsgebot geschmacklich noch vieles“, verspricht Braumeister Marc Zinkler, und auch Fiege selbst sieht „das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht“. Aber natürlich muss man nicht alles machen, was machbar ist. „Bei aller möglichen Geschmacksvielfalt“, sagt er, „sollte immer die Trinkbarkeit eines Bieres im Mittelpunkt stehen.“

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