Plastikmüll

Aldi schafft Gratis-Tüten ab – Warum das auf Kritik stößt

Aldi: Tüten für Obst und Gemüse wohl bald kostenpflichtig

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Berlin  Discounter Aldi verlangt von Kunden für Obst- und Gemüsetüten künftig einen Cent. Trotzdem Kritik von Umweltschützern.

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Es hat bisweilen kuriose Züge, was sich deutschlandweit in Supermärkten abspielt. An der Kasse findet der Kunde in den Märkten meist nur noch Stoff- oder Papiertüten. Und für diese muss er Geld bezahlen – bis zu 30 Cent können die Tüten kosten. Wenige Meter entfernt aber, an der Obst- und Gemüsetheke, hängen nach wie vor dünne Plastikbeutel – kostenlos. Offenbar nutzen Kunden das Angebot nun vermehrt und packen kurzerhand ihren gesamten Einkauf in die Gratis-Beutel.

Der hohe Verbrauch kleiner Tüten gefällt dem Einzelhandel gar nicht. Nicht nur die Politik sieht den Plastikverbrauch der Branche kritisch, auch viele Verbraucher wünschen sich inzwischen ein umweltfreundliches Einkaufserlebnis. Der Discounter Aldi hat nun darauf reagiert.

Wer bei Aldi Äpfel, Birnen oder Tomaten künftig in dünne Einweg-Knotenbeutel packen will, der muss dafür vom Sommer an einen Cent pro Stück zahlen. Das kündigten Aldi Nord und Aldi Süd am Dienstag an.

Die beiden Discounter wollen für die Beutel zudem kein Plastik mehr einsetzen, sondern sie aus nachwachsenden Rohstoffen herstellen. Dieser falle bei der Zuckerrohrproduktion an. „Die biobasierte Variante wird wie üblicher Kunststoff über die gelbe Tonne entsorgt und kann somit auch wieder recycelt werden“, sagt Aldi-Nord-Manager Rayk Mende. Der Vorteil sei, dass bei der Herstellung kein Erdöl verwendet werde.

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Edeka und Rewe setzen auf Mehrwegbeutel

Von dem „symbolischen Cent“ erhoffe man sich nun einen ähnlichen Erfolg wie bei den Plastiktüten an der Kasse, heißt es bei Aldi. Der Discounter fordert wiederum andere Händler am Dienstag auf, mitzuziehen.

Umweltschützer sind allerdings skeptisch. Schließlich handele es sich nach wie vor um Einweg-Tüten, deren Herstellung Ressourcen verbrauche, sagt Rolf Buschmann vom Naturschutzverein BUND unserer Redaktion. Zuckerrohr sei ein Massenprodukt, für dessen Herstellung Pestizide eingesetzt würden. „Wir brauchen Alternativen wie ein Pfand-System für Mehrwegbeutel“, schlägt Buschmann vor.

Auch Greenpeace-Sprecherin Viola Wohlgemuth bezeichnete die Initiative als „Augenwischerei“. Wenn Aldi wirklich etwas tun wolle, müsse es das Einkaufen von unverpackten Produkten aktiv fördern.

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Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hingegen sieht sich in ihrer Politik bestätigt. Sie habe den Handel aufgefordert, bis Herbst konkrete Konzepte für weniger Plastikverpackungen vorzulegen. Viele Supermärkte würden nun „mit Mehrwegnetzen, Laseretiketten oder Banderolen, und nun auch mit einer Abgabe“ experimentieren.

Ihr Ministerium veröffentlichte vergangene Woche alarmierende Zahlen zum Verbrauch der dünnen Plastiktüten. Drei Milliarden der Obst- und Gemüsebeutel haben Supermarktkunden demnach 2018 verbraucht – das waren 37 pro Person und damit mehr als in den Jahren 2015 und 2016 (jeweils 36 Stück pro Kopf).

Rewe-Gruppe will weiterhin Gratis-Beutel anbieten

Das trübt die Erfolge, die der Handel dabei bereits für sich verbuchen kann. 2016 haben 350 Unternehmen der Branche eine Vereinbarung mit dem Bundesumweltministerium unterschrieben, um den Verbrauch der Plastiktüten zu reduzieren.

Nach Angaben der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung verringerte sich 2018 der Verbrauch im Vergleich zum Vorjahr um 400 Millionen auf zwei Milliarden Tüten. Seit Inkrafttreten der Selbstverpflichtung wurden in Deutschland knapp zwei Drittel Tüten weniger verwendet.

Wie der Plastikverbrauch weiter sinken könnte, darin sind die Supermarktketten uneins. Im hart umkämpften Einzelhandel kann es sich keiner leisten, Kunden zu verprellen. Andererseits wissen die Ketten auch um das gestiegene Umweltbewusstsein vieler Kunden.

Dem Aldi-Modell will sich die Konkurrenz nicht anschließen. Die Rewe-Gruppe, zu der auch der Discounter Penny gehört, will weiterhin Gratis-Beutel anbieten, setzt aber auch auf Alternativen wie Mehrwegnetze. Was Supermärkte gegen die Plastikberge unternehmen.

Die Kunden hätten die Möglichkeit „komplett auf Einwegplastik zu verzichten“, sagte eine Sprecherin unserer Redaktion. Angesichts der erst seit wenigen Monaten verfügbaren Mehrwegnetze sei es noch zu früh, um eine belastbare Bilanz und weitere Schlüsse zu ziehen.

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Ähnlich äußerte sich die Supermarktkette Edeka. Einige Märkte würden bereits komplett auf die Plastikbeutel verzichten, heißt es vom Unternehmen. „Jedoch ist es aktuell so, dass die meisten Märkte sowohl die kleinen Plastikbeutel, als auch alternativ die wiederverwendbaren Netze anbieten.“ Der Discounter Lidl äußerte sich auf Anfrage nicht.

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