Tankstellen

Bitte volltanken! Die Geschichte der Tankstellen in NRW

Gasolin war eine starke Marke in der Nachkriegszeit. 1971 wurde sie von Aral geschluckt.

Gasolin war eine starke Marke in der Nachkriegszeit. 1971 wurde sie von Aral geschluckt.

Foto: privat

Hagen.  Nostalgie und Wirtschaftsgeschichte: Die Entwicklung der Tankstellen in NRW. Autor Ulrich Biene hat viele Jahre Dokumente und Bilder gesammelt.

Die Tankstelle um die Ecke ist wichtig. Da gibt es Getränke, Zigaretten und Süßes, Brötchen und immer häufiger sogar ein kleines Supermarkt-Sortiment mit Obst, Frischmilch und Tiefkühl-Ware. Ideal für abends und sonntags. Und manchmal zapft man sogar noch Benzin und Diesel. Was es aber schon lange nicht mehr gibt: den Tankwart, der sich auskennt mit Autos, Ratschläge gibt und kleinere Reparaturen sofort erledigt.

Wie dramatisch der Wandel der Tankstellenkultur in den vergangenen Jahrzehnten gewesen ist, lässt sich erleben in „Bitte volltanken!“, dem reich bebilderten Buch, in dem Ulrich Biene die Entwicklung der Tankstellen in NRW von den 50er bis in die 80er Jahre nachvollzieht.

Orte der Begegnung

Was den Autor, hauptberuflich Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Veltins, am Thema fasziniert, kann er leicht erklären: „Tankstellen sind etwas Besonderes, ein Ort der Begegnung. Man kann an den Veränderungen sehen, wie sich unser gesamtes Wirtschaftsleben gewandelt hat. In jeder Stadt sind noch Relikte der alten Tankstellen aus der Wirtschaftswunderzeit zu finden. Und Nostalgie ist ein Faktor, die Erinnerung an den Tankwart mit der Mütze.“

Die Nostalgie vermittelt sich in den Bildern, die Biene über viele Jahre zusammengetragen hat, die Analysen finden sich im Text. Warum etwa war die Tankstellendichte in den 50er und 60er Jahren gerade in Nordrhein-Westfalen so hoch? „Die Motorisierung hat sich rasant entwickelt, und die Tanks der reichten nicht für weite Strecken.“ Also gab es viele kleine Tankstellen mit einem Tankwarthäuschen, das wenig mehr enthielt als einen Tisch mit Kasse und ein paar Öldosen zum Verkauf. Geöffnet war von 8 bis 18 Uhr, im Notfall gab es eine Nachtglocke. „Der Tankwart wohnte oft direkt dabei“, erinnert sich Biene, „und die ganze Familie war eingebunden.“

In den späten 60ern war langsam die Marktsättigung erreicht, die Mineralölkonzerne wollten die Tankwarte zu Verkäufern machen und mahnten, den Overall sauber zu halten. Der Wettbewerb wurde schärfer, Freie Tankstellen unterboten die Preise der großen Marken, die wiederum Kundenbindungsprogramme auflegten. In den 70ern begann der Umbau zum Selbstbedienungsgeschäft und zum Nahversorger. „Aral hat sogar versucht, Schallplatten zu verkaufen“, erzählt Biene.

Zu der Zeit gaben viele kleine Tankstellen auf. Die Tanks der Autos waren gewachsen und auch die verbliebenen Tankstellen wurden immer größer. „Es war wie in vielen Wirtschaftsbereichen ein Konzentratrationsprozess“, urteilt der Autor. Die Kohlenhändler, die auf Öl umstellten und dann auch eine Tankstelle eröffneten, wurden geschluckt, ganze Marken verschwanden. Etwa Gasolin: „In den 30ern hat sich Leuna auf Kohle-Hydrierung konzentriert. Nach dem Krieg war diese Technik nicht mehr wirtschaftlich. Weil Leuna im Osten lag und in Minol aufging, kam es im Westen zur Neugründung unter dem Namen Gasolin. Die Marke ging 1971 in Aral auf.“

Tanksäulen aus Schwelm

In der Nachkriegszeit gab es in Deutschland drei Tanksäulen-Hersteller, darunter das Schwelmer Eisenwerk, wo die erste von Hand zu betätigende deutsche Benzinzapfsäule entstand und später die erste, die auch einen DM-Betrag anzeigte. Heute konzentrieren sich die Anlagentechniker aus Schwelm auf Erdgas-Tankstellen.

Und was wird die E-Mobilität mit den Tankstellen machen? „Das wird spannend“, meint Biene: „Wo geht die Reise hin, wenn jeder Discounter eine Ladesäule aufstellt?“

Auch deshalb war es für ihn wichtig, die bisherige Reise festzuhalten , Und bedauert er das Verschwinden des Tankwarts? Biene ist Pragmatiker: „Heute ist alles technisch perfektioniert, da erübrigt sich persönliche Qualifikation eben. Und das Wartungsgeschäft haben die Vertragswerkstätten der Autobauer übernommen.“ Also kein Raum für Nostalgie? Doch: Wenn man an die Nachkriegszeit denkt, in der in den Städten die Trümmer noch nicht ganz verschwunden waren, da erschienen neu gebaute Tankstationen wie Leuchttürme in der Nacht.“

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