Das Ende der Demut in Fernost

Hagen.   Strategiewechsel beim Wachstumsriesen in Fernost: „China will zur alten Stärke zurück“, lautet die Erkenntnis von Professor Helmut Wagner an der Fern-Universität Hagen. Das Reich der Mitte geht dazu auf Einkaufstour – absehbar auch in Südwestfalen.

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Strategiewechsel beim Wachstumsriesen in Fernost: „China will zur alten Stärke zurück“, lautet die Erkenntnis von Professor Helmut Wagner an der Fern-Universität Hagen. Das Reich der Mitte geht dazu auf Einkaufstour – absehbar auch in Südwestfalen.

Alte Stärke? „Vor gut 200 Jahren, 1820, lag der Anteil Chinas am Weltsozialprodukt (global GDP) bei knapp 33 Prozent“, blickt Wagner zurück. Danach ging es steil bergab, bis zum Tiefpunkt 1978 mit nur noch knapp 5 Prozent, lässt der Wirtschaftswissenschaftler und China-Experte weitere Zahlen sprechen. Inzwischen hat sich China einen Anteil von 16,5 Prozent am Weltsozialprodukt zurück erarbeitet. Um aber am Übergang vom Schwellen- zum Industrieland jetzt nicht hängen zu bleiben, reicht es dem Reich der Mitte nicht mehr, die „Werkbank der Welt“ zu sein. Wagner rechnet damit, dass die Zahl der deutschen Firmen, an denen chinesische Unternehmen Anteile erwerben oder ganz aufgekauft werden, deutlich steigt.

Weltmarktführer im Fokus

Zu den nackten Zahlen gibt es auch Leitideen, die unlängst beim Kongress der nach wie vor allein herrschenden Kommunistischen Partei formuliert wurden: „China will zur ,innovation country’ werden“, erläutert Wagner. Zur Wirtschaftsgroßmacht also, die für Fortschritt und Entwicklung sorgt. Und nicht mehr nur Vorprodukte und Komponenten fertig, die dann in anderen Ländern zu Hightech-Endprodukten zusammengebaut werden.

Bisher erfolgte der Technologietransfer in aller Regel über Joint Ventures, also Gemeinschaftsunternehmen. So kam die Technik und die Schulung von Mitarbeitern ins Land. „Jetzt will China selbst Innovationen schaffen“, erklärt Wagner den neuen Anspruch: „Statt Bauteile etwa für das ­I-Phone zu produzieren, will es ein Konkurrenzprodukt auf den Markt bringen können“, erklärt der Experte, der wegen seines Fachwissens zum Beraterkreis des Internationalen Währungsfonds (IWF) gehört.

Den Weg dorthin, an die Spitze der Technologienationen, will das Reich der Mitte erreichen, in dem es Beteiligungen an zu diesem Kurs passenden Unternehmen erwirbt – oder gleich ganze Firmen übernimmt. „Insbesondere im Bereich der Hochtechnologie“, sagt Professor Wagner. Daher werden auch absehbar Unternehmen aus den gut 150 Weltmarktführern in Südwestfalen in den Fokus Pekings geraten, ist sich der China-Experte am Lehrstuhl für Makroökonomie in Hagen sicher.

Ausgleich zwischen Arm und Reich

Beispiele für Beteiligungen oder Übernahmen gibt es bereits: die OPS Ingersoll in Burbach (Leepot Machine Tool Company), die SuK Kunststofftechnik in Kierspe (Luxshare Precision Industry) und, in diesem Jahr, die Schürholz Stanztechnik in Attendorn (Jiangsu Olive Sensor Hi-Tech), verweist Wagner auf eine Auflistung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Überraschend sei das nicht: „Deutschland ist bekannt für seinen innovativen Mittelstand.“

Mit der Änderung seiner Strategie will China vermeiden, wie andere Schwellenländer an eben der letzten Schwelle zur Industrienation hängen zu bleiben. „Mittlere Einkommensfalle“ nennt Wagner das Phänomen, das den Aufstieg in die Erste Liga der Weltwirtschaftsmächte auf Dauer verhindern könnte. Einziger Ausweg: weiter steigende Löhne, ein höherer Bildungsgrad, mehr eigene Innovationen, Fortsetzung der Beseitigung des Ungleichgewichts zwischen Reich und Arm.

Bruch mit Deng Xiaoping

Mit dem Strategiewechsel breche China mit der Haltung Deng Xiaopings, der das Riesenreich auf den Pfad des Wachstums geführt habe: Die vom einstigen Staatsmann geprägte Demut, das „Understatement“, werde jetzt offensiv aufgegeben. Eine Folge einer Erfolgsgeschichte: „Kein Land ist über so einen langen Zeitraum wirtschaftlich so stark gewachsen“ attestiert Wagner.

Hinter dem endgültigen Aufstieg zur Wirtschaftsmacht sieht der Ökonom durchaus auch einen weltpolitischen Anspruch: China wolle weiter an Einfluss gewinnen. Und wirke schon jetzt, gerade angesichts der unvorhersehbaren Trump’schen Außen- und Wirtschaftspolitik, als Stabilisator.

Im Jargon des US-Präsidenten ausgedrückt, könnte das chinesische Motto auch „Make China ­great again“ heißen.

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