Doppelkeks-Produktion

So kämpft der Niederrhein um den Standort der Prinzenrolle

Bis zu 50.000 Tonnen Doppelkekse produziert Griesson-De Beukelaer pro Jahr in Kempen. Nun soll das Werk nach Thüringen verlagert werden.

Bis zu 50.000 Tonnen Doppelkekse produziert Griesson-De Beukelaer pro Jahr in Kempen. Nun soll das Werk nach Thüringen verlagert werden.

Foto: Jakob Studnar

Kempen.   Griesson-De Beukelaer will die Doppelkeks-Produktion von Kempen nach Thüringen verlagern. Am Niederrhein formiert sich dagegen Protest.

„Fest verwurzelt an unseren Standorten, verwirklichen wir unsere Liebe zum Detail“, heißt es vollmundig in der Philosophie des Gebäck-Herstellers Griesson-DeBeukelaer. Doch ausgerechnet für den „König der Doppelkekse“ will das Unternehmen dieses Prinzip brechen und die Produktion der „Prinzenrolle“ vom niederrheinischen Kempen nach Kahla in Thüringen verlagern. 270 Mitarbeiter sind betroffen.

Nachdem Griesson-De Beukelaer den Plan am 16. November 2018 völlig überraschend publik gemacht hatte, ging ein Aufschrei durch die Stadt Kempen. Der Einzelhandel sammelte Unterschriften, Bundestagsabgeordnete meldeten sich zu Wort – und natürlich der Betriebsrat. Sein Vorsitzender Detlev Büschges will die Fabrik nicht kampflos aufgeben. Das sieht die Geschäftsführung des Familienunternehmens anders. Sie will mit der Verlagerung gen Ostdeutschland bereits im Herbst beginnen und Ende 2020 damit fertig sein. Allein der beliebte Fabrikverkauf könnte möglicherweise in Kempen bleiben, teilte Griesson-De Beukelaer mit.

Betriebsrat beauftragt Prüfer

Am Montag hat ein Wirtschaftsprüfer im Auftrag des Betriebsrats begonnen, die Bücher und Wirtschaftsdaten der Gebäckfabrik unter die Lupe zu nehmen. Ende Januar will er Ergebnisse vorlegen.

Seit 1955 wird in Kempen die Prinzenrolle hergestellt. Edouard de Beukelaer hatte die belgische Tradition des Doppelkekses mit der Kakaocremefüllung nach Deutschland gebracht und in Kempen die Flämische Keksfabrik gegründet. Seither laufen die Backöfen im Kreis Viersen. Zuletzt spuckten sie nach Angaben des Betriebsrats bis zu 50.000 Tonnen Doppelkekse pro Jahr aus.

Nach bald 65 Jahren soll damit bald Schluss sein. In Viersen fehlten Paletten-Stellplätze, bauliche und technische Einschränkungen ließen „notwendige Investitionen in neue, flexible und effizientere Produktionslinien“ nicht zu, begründet Griesson-De Beukelaer die Verlagerungspläne. Zuvor wurde bereits die Butterkeks-Produktion – pro Jahr 8000 bis 9000 Tonnen – in das Werk Polch am Stammsitz nahe Koblenz verlagert. Betriebsrat Büschges: „In Kempen gibt es einen Investitionsstau. Das ist sehr schade.“

Gesellschafter Andreas Land spricht selbst von einer „Zäsur für Kempen“. Immerhin bietet er allen 270 Mitarbeitern an, künftig in Thüringen zu arbeiten. Auch einen „fairen Sozialplan“ stellt Land in Aussicht. Doch Kahla ist rund 400 Kilometer von Kempen entfernt. Beim Betriebsrat haben sich erst zwei Kollegen gemeldet, die sich für einen Wechsel nach Ostdeutschland interessieren. Betriebsratschef Büschges will deshalb Argumente dafür sammeln, das Werk in Kempen zu erhalten. „Wir kämpfen für alle Mitarbeiter“, sagt Büschges. An seiner Seite weiß er den Bürgermeister und die zuständigen Bundestagsabgeordneten. Denn Griesson-De Beukelaer gehört zu den bedeutenden Arbeitgebern der Region.

Solidarität in der Stadt

Trotz aller Solidaritätsbekundungen bereitet sich der Betriebsrat aber auch auf den schlimmsten Fall vor: die Schließung des Werks. In einer dreitägigen Klausurtagung hat er sich auf Verhandlungen für einen Sozialplan und Interessenausgleich vorbereitet. Damit sollen dann die schlimmsten Verwerfungen abgefedert werden.

Auch wenn die thüringische Landesregierung nach eigenen Angaben nicht mit Fördermitteln lockt, will Griesson-De Beukelaer auf den jungen Standort Kahla setzen, den er erst vor 25 Jahren in Betrieb nahm, um von dort aus auch den europäischen Markt unter anderem mit Griesson Soft Cakes zu beliefern. Das Werk mit seinen 435 Beschäftigten gehöre inzwischen „zu den modernsten Keksfabriken Europas“, heißt es im Unternehmen. Die Produktionsanlagen für die Prinzenrolle müssen in Thüringen freilich noch aufgebaut werden. Dafür gebe es aber „ausreichende Erweiterungsmöglichkeiten“.

Betriebsratschef Büschges will die Hoffnung aber nicht aufgeben. „Die Prinzenrolle gehört an den Niederrhein“, sagt er.

>>> Doppelkeks 1870 erfunden

Gemessen am Absatz ist Griesson-De Beukelaer der Marktführer unter den Süßgebäckherstellern in Deutschland. Mit 2100 Mitarbeitern erwirtschaftete das Unternehmen im Jahr 2017 einen Umsatz von 501 Millionen Euro. Die Tradition des Familienbetriebs reicht bis ins Jahr 1850 zurück. Damals begann Edouard de Beukelaer, in seiner belgischen Bäckerei haltbare Kekse herzustellen. 1870 erfand er auch den Doppelkeks. 1999 fusionierten die Wettbewerber Griesson und De Beukelaer. Produktionsstandorte sind Polch, Kahla, Kempen, Wurzen.

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